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29 März 2023

Der Erfahrungsraum der Gegenwart. – Ein Nachruf auf Wolfgang Schivelbusch.

Der anregende Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch ist am 26. März 2023 im Alter von 81 Jahren gestorben. Dieser Text ist eine persönliche Erinnerung und Würdigung. Zugleich führt er knapp in einen – aus meiner Sicht zentralen – Gedanken in Schivelbuschs Werk ein, der hilft, es zu systematisieren. 

„Erlösung im Zurück“, das war Wolfgang Schivelbuschs letztes, unvollendet gebliebenes Projekt, das er seit 2020 am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) in Eigenregie verfolgte. In kondensierter Form ruft er in der Beschreibung des Forschungsvorhabens noch einmal einige jener Gegenstände und Studien in Erinnerung, die ihn in den vergangenen vier Jahrzehnten beschäftigt und zu einem der interessantesten Gelehrten der Kultur- und Geschichtswissenschaften gemacht haben. So nennt er die Untersuchung von Verlusterfahrungen oder die geänderten Raum-, Zeit- und Lebensformen durch technologische Durchbrüche wie die Eisenbahn.

Mit einer „Geschichte der Eisenbahnreise“ trat Wolfgang Schivelbusch 1977 an die Öffentlichkeit; ein Buch, das noch heute als stilbildend gilt und sich der Frühphase der industriellen Revolution annäherte, in der Menschen die Eisenbahn als „Vernichtung von Raum und Zeit“ (Schivelbusch 2007 [1977], S. 35) wahrnahmen. Wenige Jahre später bearbeitete er in „Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft“ (1980) die große Frage, welche Rolle Genussmittel in der Entwicklung der Geschichte des neuzeitlichen Menschen gespielt hätten. Anhand des schlichten sprachlichen Hinweises auf die leicht verschobene Bedeutung des Wortes „stimulants“ in englischer wie französischer Sprache im Gegensatz zu ihrem deutschen Pandant "Genussmittel", kommt er zu einer seiner Ausgangsthesen: „(…) nicht nur zum reinen paradiesischen Genuß haben diese Stoffe gedient. Sie haben immer auch gleichzeitig »Arbeit« geleistet. (…) Die Vorgänge, die die Genußmittel im menschlichen Organismus bewirken, vollenden sozusagen chemisch, was geistig, kulturell und politisch schon vorher angelegt war“ (Schivelbusch 1980, S. 11f.).

Nach den frühen Studien, die sich der Stofflichkeit von Gegenständen und ihrer Wirkung auf den Menschen verschrieben sahen, vollzog Schivelbusch Anfang der 1980er-Jahre einen ersten Wechsel der Blickrichtung. Er wandte sich der geistigen Arbeit zu, schrieb eine Intellectual History über die Frankfurter Intelligenz der 1920er Jahre, arbeitete später an einer Geschichte über das Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit („Intellektuellendämmerung“, 1982 und „Vor dem Vorhang“, 1995). In den letzten zwanzig Jahren setzte er sich dann intensiv mit der „Kultur der Niederlage“ (2001) oder dem militärischen „Rückzug“ (2019) auseinander oder stellte die Frage, ob eine „Entfernte Verwandtschaft“ zwischen Faschismus, Nationalsozialismus und New Deal vorläge (2005). Weitere Bücher schrieb Schivelbusch z.B. über die Geschichte der künstlichen Helligkeit (1983) oder zur Bibliothek von Löwen, die sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wieder aufgebaut worden war (1988).

Scheinbar abseitige Themen, kühne Gedankensprünge, meisterhafte Synthesen aus einer unermesslichen Fülle an Material, gesammelt über Monate in Archiven und Bibliotheken dies- und jenseits des Atlantiks – das zeichnete Schivelbusch aus.

Geboren wurde Wolfgang Schivelbusch am 26. November 1941 in Berlin, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte nach einem Volontariat beim „Wiesbadener Kurier“ Literaturwissenschaften, Philosophie und Soziologie – zunächst für ein Semester an der FU Berlin, dann an der Goethe-Universität in Frankfurt und später wiederum in Berlin. Er schloss sein Studium Anfang der 1970er-Jahre mit einer Promotion bei Hans Mayer ab. Während seiner Studienzeit besuchte er unter anderem die Vorlesungen oder Seminare von Theodor W. Adorno und Peter Szondi. In seiner glänzenden Autobiographie „Die andere Seite. Leben und Forschen zwischen New York und Berlin“ (2021) schilderte er seine Erlebnisse in den Vorlesungen und Seminaren Adornos so: „«Erleben» hieß (…) in meinem Fall: andächtig zuhören, ohne selber ein Wort zu sagen. Nicht als Lehrfach hatte ich mir die Philosophie vorgestellt, sondern als Selber Philosophieren. Also das, was mir später unter der Bezeichnung «Spekulation» bekannt wurde“ (Schivelbusch 2021, S. 30).

***

Das „freie Spekulieren“ brachte mich und Wolfgang Schivelbusch Anfang 2022 zusammen, nachdem wir Ende 2021 im Zuge der Veröffentlichung seiner Autobiographie schriftlich miteinander in Kontakt gekommen waren. Ich traf ihn in seiner Wohnung im Berliner Westend mit dem festen Ziel, ein Interview für meinen Blog zu führen. Am Ende saßen wir über drei Stunden zusammen und bewegten uns frei von Gegenstand zu Gegenstand – ein klassisches Interview war das nicht mehr. Dies ist eine Erfahrung, die Menschen offenbar häufig machten, wenn sie Wolfgang Schivelbusch begegneten. Peter Richter schreibt in seinem Nachruf für die „SZ“ treffend: „Er wollte die ganze Zeit viel lieber selber lernen, im Austausch mit dem Gegenüber die eigenen Gedanken entwickeln, manchmal verwickeln, und dann wieder aufrauen und stachlig machen“.

„Erzählen Sie“, sagte er also, kaum das wir uns mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee in sein Arbeitszimmer zurückgezogen oder ein Café betreten hatten. Und so begann ich, begannen wir. Alltagsbeobachtungen, Lektüreerlebnisse, Erkenntnisse aus meiner Archivarbeit für meine Dissertation über die Kritiker der Gruppe 47. In unserem gedanklichen Spaziergang passierten wir geschwungene Autokarosserien (ein mir völlig unvertrautes Gebiet), die Eigenarten der first name basis in den Vereinigten Staaten und wie deutsche Professoren sich Schivelbuschs Erinnerung nach damit schwertaten: „Die redeten sich auf Englisch mit ihren Vornamen an und sagten dann am Rande der Konferenz `Nachher sind wir wieder bei ‚Sie‘, Herr Kollege‘“.

Vor allem das große, sperrige, weil mit Bedeutung aufgeladene Wort „Nostalgie“ umkreisten wir in unseren Treffen immer wieder. Kein anderes Konzept (ich nutze dieses Wort in Ermangelung eines treffenderen und bin nicht sicher ob es Wolfgang Schivelbusch gefallen hätte) hat uns beide in unseren Gesprächen mehr interessiert. In ihm drücken sich Sehnsucht und Schmerz aus, Verlust und die Unmöglichkeit zurückzukehren. Gleichzeitig – und hier wird es dialektisch – ist diese spezifische Erfahrung (und vermutlich ist dies das Wort, das Schivelbusch weit passender gefunden hätte) ohne den Fortschritt nicht denkbar. So ist denn die Erforschung des (technologischen) Fortschritts, gestützt jedoch auf historische Quellen, auf Augenzeugenberichte, Studien, Aufsätze einer längst vergangenen Zeit, eines der Hauptthemen in Schivelbuschs Werk gewesen. Er betrachtete den Fortschritt also quasi im Rückblick. Somit erweiterte er den Erfahrungsraum der Gegenwart.

Schivelbuschs Arbeiten waren empirischer Natur, entsprangen der intensiven, monate- oft jahrelangen Beschäftigung mit dem „Material“ (ein von ihm häufig gebrauchtes Wort, dessen Betonung mir beim Niederschreiben vertraut in den Ohren klingt) und folgten zugleich keinem klaren bis zum Ende durchdachten Konzept. Sie waren geprägt von „glücklichen Zufällen“, wie er in unserem ersten Gespräch im Januar 2022 berichtete und nahmen den Gegenstand, dessen Aufmerksamkeit Schivelbuschs jeweiliges Werk gerade galt, als für sich genommen ernst.

Dass diese Hingabe an einen Gegenstand nicht ohne eine Wirkung auf den sich mit ihm beschäftigenden Menschen abgeht, hat Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch „Das verzehrende Leben der Dinge. Versuch über die Konsumtion“ (2015) festgestellt. Wenn man nach einer Systematik hinter Schivelbuschs Büchern sucht, so wird man hier am ehesten fündig. Zentral für Schivelbusch ist in diesem schmalen Band der Begriff der „Konsumtion“, den er Marx entlehnt. Ebenso steht einmal mehr der Begriff der Arbeit im Fokus, der bereits frühere seiner Bücher durchzog.

Es ist die Leistung dieses Textes, den Prozess der Konsumtion – dessen physischen Vorgang er auch Assimilation nennt – genau nachzuvollziehen und festzuhalten, dass Gegenstand und Mensch einander wechselseitig beeinflussen: „Bildlich kann man sich den Vorgang vorstellen als ein Hinüberfließen des personalen Fluidums des Trägers auf den Gegenstand. Gleichzeitig verläuft der Strom jedoch in der umgekehrten Richtung“ (Schivelbusch 2015, S. 24). In den (mechanisch) verfertigten Gegenständen, seien es z.B. Schuhe, stecke immer auch etwas von ihrem jeweiligen Produzenten. So wie sich ein Schuh bei der Benutzung (ihrem Verbrauch) nach und nach dem Besitzer anpasst, passt auch der Besitzer oder dessen Körper sich dem Schuh an. Es mag sich Hornhaut ausbilden, eine bestimmte Fußstellung einüben o.ä.

Im Verlauf seines Textes reflektiert Schivelbusch, wie die Umstellung von der mechanischen auf die industrielle Produktion von Gütern das Verhältnis zwischen Mensch und Gegenstand verändert hat, spielt die Beziehung entlang des technischen Fortschritts durch bis in die nähere und nahe Vergangenheit, in der die hergestellten Produkte ihre Gestalt wandeln und zu Abbildungen im Bereich Fotografie, Fernsehen, Film werden. Es ließe sich hieran anschließend sehr gut fragen, ob die zunehmende Entfernung zwischen Produzent und Gut einen Einfluss auf deren Beziehung hat – gerade, wenn wir z.B. an Umweltzerstörung und Klimawandel denken, die Schivelbusch auf der letzten Seite des Textes benennt.

Den Verlust, der sich im Zuge eines jeden Fortschritts zwangsläufig ergibt, beschreibt Schivelbusch in seinen Büchern immer wieder. Sein letztes Projekt hätte den daraus resultierenden Blick zurück („Goldene Vergangenheit“) genauer untersuchen sollen, ebenso wie dessen ins Futur gewendetes Gegenbild „Goldene Zukunft“. Man hätte diese Arbeit gerne gelesen; gerade unter dem Eindruck aktueller politischer oder gesellschaftlicher Entwicklungen.

Leider wird seine letzte Arbeit unvollendet bleiben. Der inspirierende Denker und wache Beobachter Wolfgang Schivelbusch ist am 26. März 2023 mit 81 Jahren in Berlin gestorben.


08 Februar 2016

Der Meistererzähler. – Ein Nachruf auf Roger Willemsen.

Roger Willemsen ist im Alter von 60 Jahren verstorben. Für mich war er mein erstes großes Vorbild auf der Bühne der Kulturschaffenden und Intellektuellen. Dieser Nachruf ist eine persönliche Geschichte über Begegnungen mit einem Mann, der für mich wie kein Zweiter die Kunst des Erzählens beherrschte.

Als ich im August letzten Jahres davon hörte, dass bei Roger Willemsen kurz nach seinem 60. Geburtstag Krebs diagnostiziert wurde und er kurz darauf all seine öffentlichen Auftritte absagte, beschlich mich das ungute Gefühl, dass er nicht mehr lange leben würde. Ich hätte mich gerne geirrt; doch am 7. Februar 2016 ist Roger Willemsen gestorben.
Kein anderer Intellektueller der letzten Jahrzehnte hat mich von Anfang an so in seinen Bann gezogen wie Roger Willemsen. Mit 14 Jahren bekam ich erstmals sein Buch "Deutschlandreise" zwischen die Finger und las es begierig durch. In diesem Werk bereist Willemsen Deutschland Anfang der 2000er mit dem Zug und zeichnet ein Bild eines Landes zwischen Stillstand und Wandel, zwischen Beton und Stahl, öden Landstrichen in einem Ostdeutschland knapp zehn Jahre nach der Wende und parfümierten Mittvierzigern auf der Nordseeinsel Sylt. – Roger Willemsen war gesegnet mit einer bildhaften Sprache, unendlich viel Humor und einer feinen Beobachtungsgabe. Sein Talent Behaglichkeit in einer Gesprächssituation zu schaffen und sein Mut dahin zu gehen, wo Provokation tiefe Wunden reißt, machte seine Interviews legendär. Er traf Guantanamo-Häftlinge, begab sich zu den Taliban, rauchte Opium, bereiste die Welt und versuchte Helge Schneider zu bändigen.

All dies führte dazu, dass meine Ehrfurcht vor diesem Mann und meine Neugierde auf ihn immer größer wurden bis ich mich 2009 entschloss, ihm eine E-Mail zu schreiben und um ein Interview zu bitten. Die Antwort folgte prompt. Natürlich sei er gerne bereit dazu, er freue sich auf das Gespräch und lade mich zu einer Veranstaltung im Magazin-Kino in Hamburg ein. Da könnten wir dann ja vor seinem Auftritt sprechen. - Das Interview dauerte eine Dreiviertelstunde und machte unheimlich viel Spaß. Ich stellte vermessen große Fragen, stammelte dann und wann vor mich hin, versuchte große Bögen zu spannen - und Willemsen lächelte und antwortete. Ihm machte das Gespräch offensichtlich genauso viel Spaß wie mir. - Nach dem Interview schüttelte er mir die Hand. Ich drückte sie, sprach ihm meine tiefe Bewunderung aus und er dankte verlegen. Nach der Veranstaltung schrieb er mir eine persönliche Widmung in die "Deutschlandreise": "Für Tobias Lentzler - in Erinnerung an eine schöne Begegnung." Fortan begleitete mich dieses Buch.

Nach meinem Gespräch mit ihm, habe ich Roger Willemsen noch einige Male auf seinen Veranstaltungen besucht und immer kurz mit ihm geplaudert. Er erinnerte sich jedes Mal an mich. Einmal stellte er mir Dieter Hildebrandt vor, ein andermal traf ich ihn zufällig in der Osteria Due in Hamburg. - Roger Willemsen war ein warmherziger Mann, ein Mensch, der für die Literatur und die Musik lebte, der immer neugierig die Welt bereiste und vor allem fabelhaft davon zu erzählen wusste.

Roger Willemsen war ein Meistererzähler. Mit seinem Charme und seiner feinen Art zu erzählen, hat er die deutsche Intellektuellenlandschaft geprägt. Er wird uns als ein sich einmischender Intellektueller und aufgeschlossener Mann in Erinnerung bleiben. Ich bin dankbar, dass ich ihm einige Male begegnen durfte.

31 März 2015

Der Mann, der die Worte liebte. – Ein Nachruf auf Helmut Dietl.

Helmut Dietl, einer der großen deutschen Regisseure, ist im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben. Fernsehserien wie "Monaco Franze – Der ewige Stenz" oder "Kir Royal" machten ihn berühmt. 1992 wurde er für seinen ersten Kinofilm "Schtonk!" für den Auslandsoscar nominiert. Dietls Filme waren bitterböse Satiren auf den Medienbetrieb, amüsante Komödien über die Münchener Schickeria und immer auch Liebeserklärungen an geschliffene Dialoge.
  
Helmut Dietl war ein großer Perfektionist, wenn es um seine Fernsehserien oder Spielfilme ging. Sein eigenes Leben, seine eigenen Erfahrungen spielten dabei, so hat er es in Interviews dargestellt, die wichtigste Rolle, um eine Geschichte für das Fernsehen oder Kino erzählen zu können. Über was könne man sonst schreiben?, fragte er. – Dietls Geschichten, die er oft zusammen mit dem Patrick Süskind ("Das Parfum", "Der Kontrabass") schrieb, waren vielschichtig, mitreißend, komisch und immer von geschliffenen Dialogen geprägt. Sätze wie "Wer reinkommt, das bestimme immer noch ich!" von Baby Schimmerlos, dem an Michael Graeter angelehnten Klatschreporter, aus der 1986 gedrehten Serie "Kir Royal", haben sich tief in das kollektive Filmgedächtnis der Deutschen eingebrannt. 
Dietl machte München – so steht es in einigen Nachrufen (so z. B. in der "Abendzeitung") – zur heimlichen deutschen Hauptstadt vor der Wende. Er stellte die höhere Münchener Gesellschaftsschicht, die Schickeria, immer mit dem Blick eines Emporkömmlings dar. Nie war er ganz Teil dieser Gesellschaft. Vielleicht gerieten seine Fernsehserien (hier sind vor allem "Monaco Franze" (1982) und "Kir Royal" zu nennen) oder seine Spielfilme (in erster Linie "Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief" von 1997) deshalb immer zu bitterbösen und irgendwie doch liebevollen Überzeichnungen des Szenelebens in und um München. 

Gerade "Kir Royal" habe ich, als ich die Serie das erste Mal sah, immer mit diesen gemischten Gefühlen zwischen bitterböser Satire und liebevoller Überzeichung betrachtet. Es musste ein tolles Gefühl sein "dazu zu gehören". Wozu auch immer man da gerade gehörte. Und gleichzeitig schien diese Oberschicht so weltfremd und abgenabelt von den echten Problemen der Menschen zu sein. Politische Überzeugungen wurden kaum ausgetauscht oder führten dazu, dass sich die Münchener High Society sprichwörtlich von einem abwendete (so geschehen bei Friederike von Unruh, der von Ruth Maria Kubitschek gespielten Verlegerin der fiktiven "Münchener Allgemeinen Tageszeitung" nachdem Baby Schimmerlos illegale Waffengeschäfte eines fiktiven Königreiches entarnt hatte). 
"Kir Royal" ist zweifelsohne Helmut Dietls Meisterstück. Noch heute gibt es keine vergleichbar gute, deutsche Fernsehserie. Das Staraufgebot um Franz Xaver Kroetz, Dieter Hildebrandt, Senta Berger und Billie Zöckler, um nur einige zu nennen, Gastauftritte von Mario Adorf oder Edgar Selge, sind legendär. Und die Dialoge sowie die variantenreiche und oftmals dialekt-geprägte Sprache sind ein Hochgenuss und bringen einen immer wieder zum Lachen.
Helmut Dietl ist am 30. März 2015 im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung gestorben. Er war ein Mann, der die Worte liebte.

07 Dezember 2012

Der falsche Moment, um zu gehen. – Ein Nachruf auf die "Financial Times Deutschland".

Am 7. Dezember 2012 erscheint unter dem Titel "Endlich schwarz" die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland". In einer Welt, die von einer Wirtschaftskrise in die nächste schlittert, wird die FTD Deutschland fehlen.


Die Redaktion der FTD  "entschuldigt" sich für ihr jahrelanges und wichtiges Wirken
(Screenshot der FTD-Webseite am 07.12.2012 um 14:37 Uhr)
Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" ist mit "Endlich schwarz" überschrieben. Das ist ein bissiger Verweis darauf, dass die FTD seit ihrer Gründung kein einziges Mal schwarze Zahlen geschrieben hat und bis zu ihrem Aus dem Verlag Gruner+Jahr einen Verlust von über 250 Millionen Euro einbrachte. - Als die FTD vor zwölf Jahren auf den Markt ging, begannen sich in der Medienbranche langsam Umbrüche abzuzeichnen. Das Internet wurde von Jahr zu Jahr eine wichtigere Informationsquelle, nach und nach zog es immer mehr Printzeitungen ins Netz. Doch kaum ein Blattmacher konnte den rasanten Aufstieg des Internets als Informationsmedium und neues Medium für Nachrichten, Reportagen, Kommentare oder Essays vorhersagen oder vorhersehen. Vielleicht verschlossen einige auch ihre Augen davor. - Doch nicht alleine daher schrieb die FTD niemals schwarze Zahlen. Mit ihrer wirtschaftlich-politischen Ausrichtung wollte sie eine Marktlücke erobern und blieb doch immer nur eine Randerscheinung. In großen Unternehmen und von Interessierten wurde sie gelesen - mal mit Skepsis und Angst auf Unternehmerseite, dann wiederum mit Begeisterung und Begierde von Interessierten. Die FTD enthüllte über die Jahre viele geheime Machenschaften großer Wirtschaftsunternehmen - z.B. dass ehemalige Stasi-Spitzel für die Deutsche Telekom spionierten oder wie es wirklich um die Hypo Real Estate stand. Doch all diese journalistischen Glanzstücke halfen nicht. Viele junge Journalisten, oftmals Absolventen der Henri-Nannen-Schule, begannen ihre Karrieren bei der FTD, sie formten das Blatt mit und gaben ihm einen qualitätsjournalistischen Anstrich. Es ist zu vermuten, dass große Unternehmen aufgrund der Angst vor Enthüllungen in ihren eigenen Häusern weniger Anzeigen in der FTD als anderswo schalteten. Zusätzlich brach der Anzeigenmarkt in den Printmedien immer weiter ein. Am 07.Dezember 2012 endet also eine Ära. Eine wichtige deutsche Tageszeitung verschwindet aus den Kiosken, aus dem Internet, irgendwann vielleicht aus den Köpfen. Viele Journalisten verlieren ihre Arbeit und müssen auf dem ohnehin hart umkämpften Medienmarkt ihre Ellbogen einsetzen. Es ist ihnen allen zu wünschen, dass sie sich behaupten können. - Dem deutschen Zeitungsmarkt ist zu wünschen, dass er möglichst bald wichtige Aufgaben und Tugenden der FTD annimmt und ausgleicht. In einer Welt, die in eine Wirtschaftskrise nach der anderen Schlittert und das Vertrauen in Politiker erschütterter ist denn je, braucht es eine starke journalistische Stimme, die sich mit Wirtschaft und Politik auskennt, auseinandersetzt und ein Stimmgewicht hat. Es ist der falsche Moment, um eine Zeitung für Wirtschaft und Politik aus wirtschaftlichen Gründen gehen zu lassen, liebe Verantwortliche von Gruner+Jahr. 
Die FTD wird Deutschland fehlen! So wie sich die Redaktion vor uns verneigte, verneige ich mich vor allen Mitarbeitern der FTD und wünsche ihnen alles Gute!


23 August 2011

Der Feingeist des deutschen Humors. – Ein Nachruf auf Loriot.

 Vicco von Bülow, einem jeden Deutschen bekannt als Loriot, starb am 23.August 2011 in seinem Haus am Ammersee. Sein Tod erschütterte nicht nur die deutsche Medienlandschaft, sondern auch den deutschen Humor. Autor Tobias Lentzler mit einem persönlichen Nachruf.

"Zur Komik gehört eine gewisse Fallhöhe. Wenn jemand eine Sache ernst anlegt und sie misslingt, dann entsteht Komik." Diese weisen Worte sprach Vicco von Bülow - jedem unter dem Namen Loriot bekannt - in einem Interview mit Günter Kaindlstorfer im November 2003. Mit diesem Satz hat er aufs Präziseste sein Verständnis von Humor zusammengefasst - diese Aussage schwingt in beinahe all seinen Sketchen und seinen beiden Kinofilmen "Ödipussi" (1988) und "Pappa ante Portas" (1991) mit. Szenen des Alltags werden bei Loriot mit solcher Ernsthaftigkeit durchgespielt, dass wir uns in jeder Szene ein stückweit wiedererkennen. Er nimmt deutsche Tugenden, eine gewisse Spießigkeit sowie einfache Annährungsversuche eines Mannes an eine Frau unter die Lupe und entdeckt, wie humorvoll und gar urkomisch das Leben sein kann.

Loriot, also Vicco von Bülow wurde am 12.November 1923 in Brandenburg an der Havel geboren und wuchs mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Großmutter in Berlin auf. Mit 10 Jahren kamen die Beiden jedoch wieder zu ihrem Vater, dem Polizeimajor Johann-Albrecht von Bülow und zogen im Jahre 1938 nach Stuttgart. In Stuttgart besuchte Vicco von Bülow ein humanistisches Gymnasium, das er 1941 mit einem Notabitur verließ. In seiner Stuttgarter Zeit sammelte von Bülow erste Erfahrungen im Opern- und Schauspielbetrieb als Statist. Einer Familientradition folgend begann er eine Offiziersausbildung und wurde nach einem Einsatz an der Ostfront mit dem Eisernen Kreuz zweiter sowie erster Klasse ausgezeichnet.
Nach dem Krieg legte von Bülow sein Abitur ab und studierte auf Anraten seines Vaters zwischen 1947-49 Malerei und Grafik in Hamburg. In dieser Zeit entstanden die später charakteristischen Knollennasenmännchen. Ab 1950 arbeitete von Bülow als Grafiker für den Stern und das Hamburger Magazin Die Straße.
Interesse an der Veröffentlichung von von Bülows Zeichungen bestand nicht - erst 1954 veröffentlichte der Schweizer Diogenes-Verlag den Cartoon-Band Auf den Hund gekommen.
Die erste Zeichnung mit dem Namen Loriot entstand in der Zeit des Kunststudiums in Hamburg. Eine Zeichung aus dem Jahre 1949, die Loriot in Möpse und Menschen - eine Art Biographie als "etwas abseits meiner ernsten künstlerischen Ziele" bezeichnete, betitelte er erstmalig mit Loriot. Die Zeichung zeigt einen Mann, der auf einem Lehnstuhl sitzt und an die Decke blickt. An ihr hängen vier Seilwinden, die jeweils einen Gegenstand unter der Decke halten. Von links nach rechts sind die Gegenstände als Hut, Mantel, Mehl und Gäste bezeichnet.
Loriots Cartoons wurden von der Leserschaft vieler renommierter Magazine und Blätter kritisiert. Die "Knollnasen" waren ein besonderes Ärgernis in den Augen vieler. - Ich bin sicher, dass viele der damaligen Leser - sofern sie heute noch leben - ihre Meinung über Loriot änderten als er ab 1967 in der ARD mit Cartoon auftrat. In der Sendung, die bis 1972 unregelmäßig ausgestrahlt wurde, empfing Loriot Karikaturisten und andere Gäste. Vermehrt wurden auch Sketche in der Sendung gezeigt. Einem breiten Fernsehpublikum wurde Loriot spätestens ab 1976 bekannt, denn in diesem Jahr begann mit Loriots sauberer Bildschirm die sechsteilige Fernsehsendung Loriot, die selbstgeschriebene sowie selbstgespielte Sketche von Loriot zeigten. Evelyn Hamann und Loriot spielten in dieser Zeit oft gemeinsam.

Als ich acht Jahre alt wurde, da schenkte man mir einen Schuber mit DVDs. Darauf stand "Loriot". Ich wusste zu dieser Zeit nicht, wer das war, doch als ich mir die kleinen Sketche anschaute, musste ich unweigerlich lachen. Auch wenn ich Loriots wörtlichen Humor noch nicht genau verstand - bis heute entdecke ich jedes Mal aufs Neue wunderbarste Anspielungen - musste ich über Loriot als "komische Figur" lachen. Obwohl ich erst 1993 geboren wurde und die Sendung Loriot weit vor meiner Zeit ausgestrahlt und eingestellt wurde, empfinde ich bis heute eine tiefe Sympathie für seine Sketche, seinen Humor und Loriot an sich. Ich habe den Menschen Vicco von Bülow nicht gekannt. Ich habe bloß ein paar Interviews mit ihm geschaut - unter anderem das zum Tode von Evelyn Hamann. Aber ich kann sagen, dass ich Loriot bewundert habe, ihn immer großartig fand. Deutschland hat heute seinen wichtigsten Humoristen verloren. Er wird der deutschen Fernsehlandschaft erhalten bleiben, seine Sendungen werden wiederholt werden - da bin ich ganz sicher!
Und auch sein Humor wird uns überdauern. Mooooment!