21 Mai 2021

Essay: Gesellschaftliche Spaltung. - Warum Demokratie Nähe braucht.

Immer wieder lässt sich lesen, dass unsere Gesellschaft sich zunehmend spalte oder schon gespalten sei und es nur noch darum gehen könne die Tiefe der Gräben zwischen einzelnen gesellschaftlichen Gruppen (und innerhalb derselben) zu ermitteln und die entstandenen Klüfte wieder zuzuschütten. Wo fängt man da bloß an? - Ein Debattenbeitrag.

Einer Gesellschaft zu attestieren, dass sie gespalten sei oder zu zerbrechen drohe, ist kein neues Phänomen. Mit großer Zuverlässigkeit wird alle paar Jahre darüber geschrieben oder debattiert, geklagt oder davor gewarnt. 
Viel Lärm um Nichts also? - Nicht ganz. Denn das Warnen vor gesellschaftlicher Spaltung ist immer Ausdruck einer Unwucht innerhalb derselben. Am Anfang mag man sie kaum bemerken. Allenfalls jene, die ein besonders feines Gespür dafür haben, erfühlen eine Veränderung. Je stärker die Unwucht wird, desto manifester wird sie aber: Es ruckelt. Es wird ungemütlich. 
Oftmals geht diesem Phänomen eine Veränderung voraus, die das bisherige "Gleichgewicht" einer Gesellschaft verändert. Uns allen fallen Ereignisse der letzten Jahre ein, die als unabhängige Variablen oder Erklärungsansätze untersucht werden könnten.
Die Corona-Pandemie, die reale Sorge vor irreversiblen - durch den Menschen verursachten - Veränderungen des Klimas, die von bisher marginalisierten Gruppen öffentliche geäußerte Einforderung der ihnen zustehenden Rechte und ihr Wunsch nach Anerkennung oder durch Kriege oder klimatische Veränderungen angetriebene Migrationsbewegungen, sind nur einige dieser Ereignisse. 
 
Um eines gleich vorweg zu nehmen: Die Komplexität jedes einzelnen dieser Ereignisse macht es unmöglich, das eine Phänomen zu identifizieren, dass verantwortlich dafür ist, dass Wissenschaft und Politik, Journalistinnen oder Intellektuelle vor einer (zunehmenden) gesellschaftlichen Spaltung warnen. Und um noch eines ganz klar zu formulieren: Die eine Erklärung gibt es ohnehin nicht. Und es soll hier auch nicht darum gehen, diese Phänomene zu analysieren. Sie sind vielmehr Beispiele dafür, entlang welcher Linien sich Konflikte in den letzten Jahren entzündet haben. 

Für gewöhnlich haben Gesellschaften recht lange Kontinuitätslinien. Das heißt, dass etwa bestimmte  Muster oder für gesellschaftsprägend erachtete Normen oder Praktiken entlang der Generationen weitergegeben werden. Mal wirken die Rituale und Praktiken, Normen oder Werte stärker, mal weniger stark. Und natürlich gibt es Brüche mit Traditionen, Wiederentdeckungen von Ritualen oder die Entwicklung neuer Perspektiven auf die jeweils in Frage stehenden Aspekte, die eine Gesellschaft formen. 

Die Tatsache, dass wir gegenwärtig in so vielen Lebensbereichen miteinander darum ringen, was die "richtige" Haltung, was die "richtigen" Werte oder Überzeugungen seien, ist ein Hinweis darauf, dass wir das Ende einer Kontinuitätslinie erreicht haben könnten. In vielen Bereichen unseres Zusammenlebens stellen wir zurecht unser Handeln auf den Prüfstand. Wir diskutieren Machtfragen, Begriffe, Beurteilungen. 
 
In einer offenen Gesellschaft sollte es selbstverständlich sein, das Miteinander beständig zu reflektieren. Das sollte nicht dazu beitragen, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen auseinanderzutreiben. 

Dass uns dies nicht besonders gut gelingt, sich - im Gegenteil - die Anzahl an blindwütig geführten Twitter-Debatten, hämisch bis strafrechtlich relevanten Kommentaren unter Youtube-Videos, Facebook-Posts oder in Zeitungsforen zu erhöhen scheint, es also regelmäßig zu "Filter-Clashs" (Bernhard Pörksen) zwischen sich diametral gegenüberstehenden Ansichten kommt, macht darauf aufmerksam, dass die Form der Auseinandersetzung ungenügend ist. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei in meinen Augen das heute häufig bevorzugte (oder zumindest das meist rezipierte) Medium der Auseinandersetzung: Das, was wir "Social Media" nennen. 

Demokratie lebt von ihrer physischen Komponente. Für Hannah Arendt ist gerade das (politische) Handeln eng mit dem öffentlichen Raum verknüpft. Demokratie lebt von Begegnung und Konfrontation, dem Austausch von Argumenten, dem Gespräch zwischen Menschen in einer Bürgerversammlung, der Gemeinderatssitzung, beim Museumsbesuch oder am Rande der Theatervorstellung. Der Umgang mit Vielfalt und Komplexität, auch der Gemeinsinn lassen sich am besten vor Ort einüben. 

Diese physische Komponente fehlt den digitalen Medien und macht sie damit untauglich, gesellschaftliche Spannungen zu überwinden. Natürlich können sie ein wichtiger Seismograph dafür sein, welche Themen Menschen "in dieser Sekunde" bewegen und welche Themen Menschen auseinandertreiben. Zugleich sind sie aber auch trügerisch, da Menschen hier nicht vor allem aus innerem Antrieb chatten oder posten, sondern auch aufgrund der aufmerksamkeitsökonomischen Logiken der jeweiligen Netzwerke. Es geht den Netzwerkbetreibern nicht so sehr darum, was unter einen Beitrag kommentiert wird, es geht darum das etwas gepostet wird. In dem Strom aus missliebigen Kommentaren, interessanten Artikeln und unterstützenswerten Petitionen nicht unterzugehen, verlangt Menschen andere Kompetenzen ab, als wenn es darum geht, sich aktiv in eine politische Debatte einzubringen.

Demokratie wird dort lebendig, d.h. physisch erlebbar, wo ein Mensch das "Wagnis der Öffentlichkeit" (Karl Jaspers) sucht. Dies geschieht nur dann, wenn es der Bürgerin geboten erscheint. Die Konfrontation oder Debatte sucht, wer aus innerer Überzeugung handelt. Einem inneren Impuls folgt sodann ein externes Feedback.
Digital finden all diese Prozesse laufend und jeweils ausschließlich im Inneren eines einzelnen Menschen statt. Der Wunsch sich zu äußern, der Gedanke wie etwas zu formulieren sei, die Gedanken zu den Reaktionen Einzelner auf den jeweiligen Beitrag. Das sorgt nicht unbedingt dafür, dass ein Mensch die Position eines Anderen besser nachvollziehen kann, da er kein unmittelbares Feedback eines Gegenübers erhält. Natürlich entstehen extern zum Beispiel optische Reize - aber alle anderen Sinne - der Gehörsinn oder der Geruchssinn beispielsweise - werden nicht im gleichen Maße stimuliert wie wenn eine Person ihre Äußerungen in einem zu kleinen und überhitzten Gemeindesaal an einem kalten Winterabend in der Uckermark tätigt. Es öffnet sich der Person ein anderer Erfahrungsraum, der Verständnis für einem entgegenstehende Positionen ermöglicht. 

Darüber hinaus sind "soziale Netzwerke" geschlossene Systeme. Sie sind in einer gewissen Weise exklusiv, da sie zum Beispiel erfordern, dass Menschen sich in ihnen anmelden und damit den AGBs oder Regeln der Netzwerkbetreiber zustimmen oder sie eine eigene Form der Sprache (Codes) erlernen müssen, um sich zu verständigen (z.B. TL;DR - "too long, didn't read" auf Plattformen wie Twitter).
Natürlich hat auch der öffentliche Raum  damit zu kämpfen, dass er nicht überall barrierefrei oder inklusiv ist und somit die gesellschaftliche Teilhabe für Mitglieder unserer Gesellschaft erschwert - im Gegensatz zu digitalen Plattformen jedoch, können wir die Spielregeln einer Gesellschaft unmittelbar mitgestalten. So können wir auch hier gesellschaftliche Spaltung überwinden, indem wir uns auf die "kleinste gemeinsame Wirklichkeit" (Mai Thi Nguyen-Kim) verständigen.  

Demokratie braucht Nähe und physische Präsenz. Bei all den Debattenanstößen und heiteren Kleinigkeiten, die die "sozialen Medien" uns geschenkt haben, können sie das nicht ersetzen. Wollen wir gesellschaftliche Spaltung überwinden, müssen wir als Bürgerinnen und Bürger von unserem Recht Gebrauch machen, uns in politische Debatten über Grundüberzeugungen, Werte, Normen oder auch "nur" die Frage, ob in der Kommune ein neues Schwimmbad entstehen sollte, einzubringen - und zwar vor Ort.

 

Hinweis: Die oben stehenden Überlegungen setzen natürlich voraus, dass wir die Corona-Pandemie überwunden haben.

01 Februar 2021

Gesellschaften lesen lernen. - Eine digitale Begegnung mit Insa Wilke.

Seit Februar 2020 planen Insa Wilke und ich ein Gespräch in Berlin. Dann kommt Corona. Mehrere Versuche, uns persönlich zu treffen scheitern am Lockdown oder an einer vorsorglichen Quarantäne auf meiner Seite. Schlussendlich verlegen wir unser Gespräch ins Digitale, treffen uns im November 2020 zum Interview. - Es wird ein Gespräch über Insa Wilkes Vita, Kultur in Zeiten von Corona, das Lesen und Schreiben - und darüber, was es heißt, eine Intellektuelle zu sein.

Die Frage, was ein Intellektueller sei, lässt sich wohl am besten beantworten, wenn man Intellektuelle nach einer Selbstverortung fragt. Denn folgt man Alex Demirović, so ist die „(…) Bestimmung des Intellektuellen (…) eine Selbstbestimmung“. Als ich Insa Wilke frage, was es für sie heiße, eine Intellektuelle zu sein, antwortet sie treffend: „Eine intellektuelle Person ist eine, die lesen kann. Lesen meine ich hier ganz allgemein: Es geht um das Lesen von Situationen oder der Gesellschaft und das Herstellen von Zusammenhängen“. Insa Wilkes Vita ist geprägt davon, eben jene Zusammenhänge durch verschiedene Medien hindurch herzustellen.

Ausgangspunkt ihrer Faszination für das Lesen ist ihre Mutter, die Insa Wilke und ihrer Schwester abends vorgelesen hat. In ihrem Zuhause gab es viele Bücher, was dazu führte, dass sie diese früh als etwas Wertvolles und das Lesen als etwas Wichtiges verstanden hat.
In ihrer Jugend liest sie viel, zum Beispiel Fantasyromane wie die von Wolfgang und Heike Hohlbein. Die Klassiker – Goethe oder Kleist in etwa – lernt sie erst in ihrem Studium der Germanistik kennen, dass sie aufnimmt, weil ihr ein Psychologie-Studium ausgeredet wird. „Naja, Literatur ist ja wie Psychologie“, sagt sie mir lachend. Sie lernt in Göttingen, Rom und Berlin. Ein studienbegleitendes Volontariat am Literarischen Zentrum in Göttingen ab 2004 bringt sie mit der Gegenwartsliteratur in Berührung; ebenso wie mit dem Schreiben erster Literaturkritiken für die „Frankfurter Rundschau“. Wie kam es dazu? Insa Wilkes Antwort: „Hauke Hückstädt hat damals das Literarische Zentrum geleitet. Einmal hatte er plötzlich keine Zeit, eine mit der FR vereinbarte Rezension zu schreiben und fragte mich, seine Volontärin, ob ich einspringen wolle. Das habe ich dann gemacht und Ina Hartwig, die damals Literaturredakteurin bei der FR war und die mir viel beigebracht hat, war einverstanden es mit einer Anfängerin zu probieren. Daraus hat sich in gewisser Weise ein Schneeballsystem ergeben. Eines ergab das andere – richtig geplant war das nicht“.

2009 wird sie an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über den Dichter Thomas Brasch promoviert, übernimmt in dieser Zeit auch Lehraufträge an der FU im Fach Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Nach und nach kommen immer neue Medien hinzu, die sie bespielt. Zunächst ist es das Radio. „Mir wurde zu Beginn von meinem Kollegen Michael Kohtes gesagt, dass sich im Radio die Dinge anders vermitteln als über einen Text – nämlich über Atmosphäre“, erklärt Insa Wilke mir. Basis sei für sie allerdings immer das Schreiben geblieben: „Da muss man sich präzise Gedanken darüber machen wie man formuliert und was genau in Texten man analysieren möchte. Ohne das zu tun, bestünde aus meiner Sicht die Gefahr, oberflächlich zu werden“. Dies gilt umso mehr, seit das Fernsehen hinzugekommen ist. Neben Ijoma Mangold (DIE ZEIT) und Denis Scheck ist sie festes Mitglied des „lesenswert“ Quartetts im SWR: „Im Fernsehen spricht man lockerer und ist weniger eng am Text. Wenn man da nicht die Rückbindung hat, zum Beispiel genau die Form zu analysieren, dann fehlt einem da etwas“.

Liest man Insa Wilkes Rezensionen, so fällt auf, dass sich in ihnen häufig ein Leitmotiv findet. Früh im jeweiligen Text wird ein Satz vorangestellt, ein Bild aufgegriffen, ein zentrales Wort eingeführt. Egal, ob es sich um Reiseliteratur, literaturhistorische Betrachtungen oder feministische Lyrik handelt. Wilke schafft es so, ihren Leserinnen und Lesern eine Brille für einen Text zu leihen, der sie Werke anders entdecken lässt als ohne eben diesen geliehenen Blick. Literaturkritik ist also nicht bloß Urteil, sondern auch eine Einladung Autorinnen und Autoren zu entdecken. Es scheint daher treffend, wenn Insa Wilke ihr Verständnis von ihrer Rolle als Moderatorin beschreibt: „Das Moderieren ermöglicht mir einen anderen Zugang zu Autorinnen und Autoren. Da geht es nicht primär um ein Urteil, sondern um die Frage: ‚Was ist das Interessante an einem Werk?‘ oder ‚Worum kreist es?‘“

Eine Grundhaltung ihres Verständnisses von Literaturkritik und dem Literaturbetrieb, schimmert durch diese Antwort hindurch. Auf meine Frage, was sie an ihrem Beruf störe, antwortet sie in Bezug auf den Literaturbetrieb: „Vieles daran ist Show, man selbst läuft Gefahr in Routinen zu geraten oder sich selbst zu wichtig zu nehmen. Das ist manchmal für mich frustrierend, manchmal macht es mir auch Angst, weil ich es wichtig finde, dass man die Sachen ernst nimmt. Literatur ist ja zumeist etwas Ernstes. Denn viele Leute haben da viel Lebenszeit reingesteckt. – Kurz gesagt: Die Rückbindung an Lebenswirklichkeiten ist mir wichtig“. In diesem Zusammenhang kommt sie auch auf Clemens Setz‘ Rede beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2019 zu sprechen. Er verglich dort den Literaturbetrieb mit Wrestling, was Insa Wilke nach eigener Aussage sehr eingeleuchtet habe. Die oberste Regel beim Wrestling sei es, so Setz, nicht aus der Rolle zu fallen (Kayfabe). Den versammelten Kandidatinnen und Kandidaten im Wettbewerb gab er mit, die Regeln (und somit wohl auch Rollen) der deutschsprachigen Literatur zu kennen und diese zugleich dringend zu meiden.

Insa Wilke beweist während unseres Gesprächs, dass sie diese Rollen gut kennt – ebenso wie sie die Bedeutung der Kultur im Allgemeinen als Herstellungsleistung von Gemeinschaftlichkeit zu würdigen weiß. In Bezug auf die schwierige Zeit, die Solokünstlerinnen, Veranstalterinnen oder Freiberufler im Kulturbereich durch die Corona-Pandemie durchmachen, sagt sie: „Natürlich ist die Tätigkeit einer Ärztin oder eines Krankenpflegers unmittelbar erst einmal wichtiger. Aber gerade Lesungen oder regionale Literaturfestivals tragen auch bei zur Herstellung oder Aktivierung einer politischen Öffentlichkeit“. Zugleich stört Wilke in der Kulturszene eine gewisse Larmoyanz. Es wäre gut, meint sie, aus einer Haltung der Stärke zu argumentieren und auch zu sehen, welche Möglichkeiten die Kultur – im Gegensatz zu einer 400-Euro-Fußpflegerin oder einer nicht festangestellten Reinigungskraft hat – Öffentlichkeit für sich herzustellen. Es werde viel zu häufig aus einer Position der Schwäche Kritik an Benachteiligungen geübt. Wobei Öffentlichkeit eben manchmal weniger nütze als die Verhandlungen in Hinterzimmern, in denen die Chefs von Banken, Auto- und Stromkonzernen ein und aus gehen. Und sie weist darauf hin, dass es eine ganze Reihe von Behörden gibt, denen möglicherweise das Verständnis dafür fehle, warum Kultur auch und gerade in Krisenzeiten wichtig und auch ein Standortfaktor sei. „Es ist in Krisensituationen wie dieser wahrscheinlich wirklich ein Problem, dass es in der Kulturszene keine Gewerkschaft gibt. Klar, es gibt den Kulturrat, aber nicht wirklich eine organisierte Institution. In den zuständigen politischen Institutionen wiederum arbeiten zu wenig Menschen, die wissen wie eine selbständige Künstlerin lebt, wie ihr Alltag aussieht, was sie verdient und wie. Dann ist man eben allein von der Selbstorganisation abhängig“, stellt Wilke fest.


Die Corona-Krise hat die bunte Kulturszene ihrer Präsenzkomponente beraubt. Lesungen finden, wenn überhaupt, nur digital statt, Literaturfestivals müssen ebenso im Netz ausgestrahlt werden wie Konzerte; die Museen sind geschlossen. Umso wichtiger ist es, dass Intellektuelle wie Insa Wilke unser aller Leben unter geänderten Vorzeichen lesen lernen, ihre Weltsichten entwerfen und diese mit der Öffentlichkeit teilen: „Ich merke im Moment tatsächlich, dass wir in einer Situation sind, die einem Angst machen kann – ebenso wie die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre. Egal an welchem politischen Pol man sitzt. Als Gegenpol braucht man ganz dringend Lebensfreude“. Gerade hierbei müsse sie oft an Roger Willemsen denken, dessen Nachlassverwalterin Wilke ist. Willemsen habe exemplarisch bewiesen, wie man Gesellschaft lesen könne, ebenso wie er Lebensfreude verkörpert habe. Zugleich schimmere in Willemsens Werk eine Melancholie hindurch, die vielleicht erst eine jüngere Generation entdecken könne.

Insa Wilke und ich sprechen in diesem Zusammenhang über die nachgelassene Rede „Wer wir waren“, die auf der einen Seite Sorgen vor der Zukunft formuliere, diesen auf der anderen jedoch eine produktive Lesart entgegenstelle. Die Idee, dass man aus der Zukunft auf die Gegenwart schaue, berge ja eben die Hoffnung, dass es eine Zukunft gibt, stellen wir fest.

 

08 Juli 2020

Essay: No Future? - Politische Rhetorik nach der Corona-Pandemie.

Die Corona-Pandemie hat Staaten rund um den Globus getroffen. In einigen Ländern sind die Zahlen der Neuinfektionen mittlerweile rückläufig, in anderen - wie den Vereinigten Staaten von Amerika - werden seit einigen Tagen wieder deutlich steigende Fallzahlen gemeldet. Klar ist: Die Pandemie ist nicht vorüber und zeigt die Fragilität dessen, was wir als "normales" Leben ansehen. Wie wird die Politik reagieren? 

Das Jahr 1977 gilt als Geburtsstunde des Schlagwortes "No Future". Die britische Punk-Band "Sex Pistols" hatte es in ihrem bekannten Song "God Save the Queen" geprägt. Seither gab es reihenweise Interpretationen dieses Slogans und popkulturelle Referenzen. Eine besonders im deutschsprachigen Raum bekannte dürfte noch immer Falcos "Helden von heute" (1982) sein. Er singt darin: "Brot und Spiele san gefragt/ "No future" extrem angesagt". 

Das Schlagwort "No Future" charakterisierte den drastischen, sehr allgemein formulierten Wunsch, dass "System zu zerstören" (so hat es "Sex Pistols"-Sänger Johnny Rotten in seiner Autobiografie formuliert), aber auch die Verzweiflung vieler Menschen angesichts der realen Bedrohung durch einen Atomkrieg im Kontext des Kalten Krieges oder des immer weiter in den Blick tretenden Ausmaßes an Umweltzerstörung. Zur Erinnerung: Der "Club of Rome"-Bericht "Die Grenzen des Wachstums" war 1972 erschienen. Ölteppiche auf den Weltmeeren, kahle und verdorrte Bäume oder Betonwüsten wurden zu Vanitas-Gemälden, die den Menschen ihre eigene Vergänglichkeit bewusst machten. Politisches Handeln wurde von einigen als nicht ausreichend beschrieben - die Zukunft stand aus ihrer Sicht auf dem Spiel.

Der Reflex die Zukunft abzuschreiben und von einer "verlorenen Generation" zu sprechen, zeigt sich auch während der Corona-Pandemie. Auf verschiedenen Ebenen wird die Systemfrage gestellt, werden Strukturen und Institutionen hinterfragt und angezählt. Gleichzeitig zeigen sich verloren geglaubte Reflexe (Stichwort: Solidarität) und Zukunftsoptimismus (viel wird von der "Krise als Chance" oder der sich beschleunigenden Digitalisierung als "Hoffnungsschimmer" gesprochen). Unabhängig davon, wie man jene Reaktionen des Menschen auf die gegenwärtige Krise bewertet, so ist zu konstatieren, dass darin Unmut mit der gegenwärtigen Lage zum Ausdruck kommt. Weder in Bezug auf Fragen der Globalisierung oder Digitalisierung, noch in Bezug auf angemessene Reaktionen auf den Klimawandel oder gesellschaftliche Herausforderungen wie Ungleichheit auf verschiedenen Ebenen, passiert den sich in ihren Forderungen und Interessen mal mehr, mal weniger überschneidenden Akteuren genug. Darüber hinaus offenbart die Corona-Pandemie, wo genau Menschen Probleme am eigenen Leibe erfahren oder Herausforderungen vermuten.
Die Analyse einzelner Probleme würde den Rahmen dieses Essays sprengen - sie ist an anderer Stelle bereits voll im Gange. Jutta Allmendinger hat in der "ZEIT" vor einer "entsetzlichen Retraditionalisierung" von Frauenrollen gewarnt, Heinz Bude im "NDR" - die Pandemie als "weltgeschichtliche Zäsur" bezeichnend - die wiedererstarkende Rolle des Staates betont. Jürgen Habermas, der wichtigste deutsche Philosoph nach Ende des Zweiten Weltkrieges, hat in der "Frankfurter Rundschau" wiederum herausgestellt, dass es noch nie so viel "Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen" gab. Viele andere Felder - Bildungs- und Sozialpolitik, ökonomische Folgen für Einzelpersonen, Familien, Berufsgruppen oder Staaten sowie multilaterale Entwicklungen - werden ebenfalls aus einer "Corona-Perspektive" betrachtet.

Die Chance all dieser Perspektiven besteht darin, dass die Politik sich nun noch einmal neu ausrichten kann. Viele Probleme (seien es soziale Ungleichheit, die noch immer bestehende Verbindung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, der Klimawandel oder die (gesetzliche) Regulierung des Internets) sind bereits seit langer Zeit bekannt. Viele empfanden die Politik in diesen Bereichen in den letzten Jahren als zu zaghaft.
Die Corona-Pandemie gibt der Politik jedoch nun ein einfaches Mittel sich eingehender mit den als drängend empfundenen Problemen zu beschäftigen: Rhetorisch lässt sich sehr einfach behaupten, dass diese Krise gezeigt habe, dass auf dem Politikfeld x und in Bezug auf Gesetz oder Verordnung y noch dringender Handlungsbedarf besteht. Die Politik kann hier also auf vorher weniger bestellten Politikfeldern an (Output)-Legitimität gewinnen, wenn sie rhetorisch plötzlich die Verbindung zwischen einem schon länger bestehenden Problem und der Pandemie herstellt.

Zugegeben: Diese Form der politischen Rhetorik verschweigt den Umstand, dass einige Probleme von den unterschiedlichen Parteien mal mehr, mal weniger vernachlässigt wurden. Sie birgt auch die Gefahr, dass Wählerinnen und Wähler die entsprechenden Parteien an der Urne abstrafen, weil sie dieser Rhetorik nicht auf den Leim gehen. Klar ist jedoch, dass Politik in allen Feldern lange "in Bezug auf Corona" stattfinden wird und es daher sehr wahrscheinlich ist, dass sich diese Form der politischen Rhetorik häufiger zeigen wird. Wenn das am Ende dazu führt, dass demokratische Politikerinnen und Politiker ihr Handeln neu ausrichten und die in vielen Bereichen seit Jahren bekannten Probleme neu bewerten, so ist dies ein Hebel für den notwendigen politischen Wettbewerb in einer Demokratie. Wettbewerb zwischen den demokratischen Parteien bestünde dann nicht im Umstand, ob eine Partei ein bestimmtes Problem als solches erkannt habe, sondern welche Lösung sie dafür vorbrächte.
Denn Demokratie ist auch und vor allem ein Wettstreit der Ideen. Politik ist nie ein in sich geschlossener Kosmos mit Patentlösungen für jede unvorhergesehene Wendung. Die politische Rhetorik hilft dabei, die Verbindung zwischen hinlänglich bekannten Missständen und geänderten Rahmenbedingungen herzustellen.

11 März 2020

Essay: Norm und Wirklichkeit. - Versuch über eine "Ethik des Verbindenden".

Oft genug wird unter Einsatz des Begriffs "Moral" derzeit das Handeln einer Person, die gegenläufige Meinungen zu denen einer anderen vertritt, abqualifiziert. Eine mögliche Begründung für dieses vertraute Muster gegenwärtiger Debatten ist die Absolutsetzung reaktionärer wie progressiver Normen. Dieser Text plädiert für eine in drei Bausteinen (Kriterien) beschriebene "Ethik des Verbindenden", die das Ringen um einen Minimal-Konsens wieder in den Mittelpunkt stellt.   

Betrachtet man die gegenwärtig in der Öffentlichkeit und auch im Privaten ausgetragenen Gespräche, so fällt auf, dass wir häufig davon sprechen, dass diese "moralisch aufgeladen" seien. Es gibt Ewiggestrige, die jedwede Form von Veränderung mit wüsten Anwürfen zurückweisen und sich in ein non-existentes "Damals" oder "Früher" zurückwünschen, und es gibt jene, denen der Wandel gar nicht schnell genug gehen kann und die das Hinterfragen bestimmter Ideen schon als Affront interpretieren und sich den Kritikern gegenüber unversöhnlich bis unbarmherzig zeigen. Was beide Seiten eint, ist ein Hang dazu, ihre jeweiligen handlungsleitenden Prinzipien absolut zu setzen. Mir ist wichtig, dass es in diesem Text weder um die Bewertung der Qualität der reaktionären, noch der progressiven Normen geht, ebenso wie es mir notwendig erscheint klar zu machen, dass der Ausgangspunkt meines Denkens von jeher die Unantastbarkeit der Würde jedes und jeder Einzelnen war und mir die Menschenrechte als Orientierung in der Welt dienen. 
Was mich in diesem Text interessiert, ist die Frage, wie wir mit "Leidenschaft und Augenmaß" (Max Weber) zu einer (normativen) Ethik des Verbindenden kommen können. Meine These ist hierbei, dass bei all der Relevanz, die Moral (zumindest als Begriff) in unseren gegenwärtigen Debatten zu spielen scheint, ihr Ausgangspunkt (eine ihr zugrunde liegende Ethik also, die ein bestimmtes Verständnis von Moral begründet) vollkommen unklar ist. Eine seit jeher in diesem Zusammenhang gestellte Frage lautet: Was soll ich tun? (siehe z.B. die Kantischen Fragen).

Christoph Möllers hat in seinem luziden Buch "Die Möglichkeit der Normen" (2015) Normen als "positiv markierte Möglichkeiten" charakterisiert, die "auf einen möglichen Zustand oder ein mögliches Ereignis" verweisen.  Er sieht in ihnen die Möglichkeit "Distanz von der Welt" zu nehmen, ohne dass man sich zu früh "dem Problem der Rechtfertigung" (der Normen) zuwendet. - Diese Möglichkeit Distanz von der Welt zu nehmen und sich somit die Frage zu stellen wie sie sein könnte, ist in meinen Augen der erste Baustein einer Ethik des Verbindenden. Jeder konkreten Verhaltensregel und dem Handeln danach liegt ein Nachdenken darüber zugrunde. Dabei mündet das Nachdenken über die Möglichkeiten einer Norm noch nicht zwangsläufig in Appellative. Diese entfalten sich erst auf Basis der Zusammenschau verschiedener Normen zu einer bestimmten Vorstellung von Moral. - Die Frage wie etwas sein könnte, ist grundsätzlich eine produktive. Sie weist in die Zukunft und eröffnet neben einer von Grund auf neu gedachten Idee wie Welt zu organisieren sei, auch die Möglichkeit diese Zukunft nach einem bereits bestehenden (oder gar vergangenen) Modell zu entwickeln. Wichtig ist, dass all diese Ideen eine Unsicherheit in sich tragen, weil sie die Stabilität der gegenwärtig existenten, in Frage stehenden Norm (und daran angeschlossener Verhaltensweisen o.ä.) erst einmal erodieren. Dies zu begreifen, ist wichtig, um den Wandel anderen, die sich unterscheidende Vorstellungen haben, nachvollziehbar machen zu können. Dieser Umstand weist auf die Relevanz von Verständigung zwischen unterschiedlichen Interpretationen von Welt hin, die der zweite Baustein aufgreift.

Dieser zweite Baustein einer Ethik des Verbindenden muss die - kaum überraschende - Einsicht beinhalten, dass nichts im Leben eines Menschen so stetig ist wie der Wandel. Einen Anspruch auf dauerhaft gültige Normen und ewig bestehende Moralvorstellungen gibt es daher nicht. Weiter oben habe ich darauf verwiesen, dass gerade dieser Absolutheitsanspruch derzeit jedoch sowohl im reaktionären wie auch im progressiven Lager verfängt. Dabei müsste statt einer Absolut-Setzung die Fähigkeit zur Aushandlung eines Minimal-Konsenses stehen, ebenso wie ein stärkerer Fokus auf der Begründung der jeweiligen Vorstellungen. Nur so bleiben unterschiedliche Interpretationen der Welt und dessen, was und wie sie sein könnte, miteinander vereinbar (um nicht zu sagen: möglich). Der Raum dessen was möglich wäre, entfaltet sich erst da, wo Welt unterschiedlich ausgedeutet werden kann. Die Schwierigkeit besteht darin, auch bei diametral gegenläufigen Interpretationen von Welt untereinander sprachfähig zu bleiben. Mit anderen Worten: Es bedarf gewisser Grundkonzepte, auf die man sich in ihrer Bedeutung einigen können muss, um dann um ihre genaue Umsetzung (Konzeption) zu ringen (concept/conception-Unterscheidung nach Rawls).
Für den Begriff der Gerechtigkeit, beispielsweise, gilt laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy die Beschreibung des Begriffs der Gerechtigkeit in den Institutiones Iustiniani als plausibelste Grunddefinition des Konzepts. Hierbei wird Gerechtigkeit als "beständiger und andauernder Wille jedem das Seine zukommen zu lassen" definiert (Lateinisches Original: "iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuens", I. 1.1). Basierend auf diesem Grundverständnis kann nun um die daraus folgenden Normen oder Handlungsanweisungen gerungen werden.
Zur Erzielung eines Minimal-Konsenses erscheint es grundsätzlich sinnvoll, die Geschichte von Begriffen und die Bedeutung einzelner Normen und Moralvorstellungen nachzuvollziehen. Sie alle nehmen zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext ihren Ausgang und vollziehen im Laufe der Jahrhunderte mehr oder weniger große Wandlungen. Eine möglichst schlüssige Herleitung der eigenen Überzeugung, was die Möglichkeit einer bestimmten Norm sei, macht eine Verständigung über gemeinsame Grundüberzeugungen wesentlich leichter. Zugleich fördert sie offensichtlich unvereinbare Ideen zutage. Hier muss nun der Wille das Verbindende zu suchen, einsetzen. Präzise Nachzeichnungen der Begriffsgeschichte bedeutender Grundkonzepte der Philosophie (z.B. Gerechtigkeit, Freiheit, Wille) könnten hier einen großen Beitrag leisten.

Neben den zwei zuvor genannten Bausteinen (Kriterien) einer Ethik des Verbindenden - Normen als Möglichkeit Distanz von der Welt zu nehmen (1) und die Suche nach einem Minimal-Konsens zwischen unterschiedlichen Interpretationen von Welt (2) - muss ein dritter Baustein die grundsätzliche Rahmung des Nachdenkens über eine bestimmte Moral und ihre Begründung (Ethik) bilden. Meines Erachtens nach bilden die Menschenrechte in ihrer Unveräußerlichkeit eben diesen Rahmen.

Der US-amerikanische Rechtshistoriker Samuel Moyn nennt sie "das letzte Utopia" (The Last Utopia, 2010). Eine tiefgreifende Bedeutung bekommen die Menschenrechte laut Moyn erst in den 1970er-Jahren; in dem Moment, als andere Utopien für eine bessere Zukunft - er nennt hier beispielsweise den Kommunismus - ihre Strahlkraft verlieren oder in sich zusammenfallen. Was die Menschenrechte zu einer solch überzeugenden Utopie macht, so meine ich, ist die Gedoppeltheit ihrer Vision. Zum einen versprechen die Menschenrechte jedem und jeder Einzelnen eine Welt in der ihm oder ihr das gleiche Maß an Würde und Respekt zuteil wird, jeder also in seiner Individualität anerkannt wird. Zum anderen verweisen die Menschenrechte auf eine universelle Gültigkeit, die alle Menschen als Gleiche unter Gleichen betrachtet. In der Verbindung zwischen individueller Anerkennung und universeller Gültigkeit zeigt sich die herausgehobene Stellung der Menschenrechte als Basis einer Ethik des Verbindenden.
Thomas Pogge hat die besondere Bedeutung der Menschenrechte in ihrer Unveräußerlichkeit wie folgt definiert: "(...) das Recht selbst verankert die Menschenrechte in einer Weise, die über das Recht hinausweist: In Form einer Normativität nämlich, die in ihrer Existenz nicht vom Recht abhängt und nicht durch eine gesetzliche oder juristische Anordnung bzw. durch andere Mechanismen der Gesetzgebung wie Verträge oder internationale Bräuche verändert oder aufgehoben werden kann (...) Ein unveräußerliches Recht ist ein Recht, welches seine Besitzer nicht verlieren können; durch nichts was sie selbst tun (Verzichtserklärung oder Verwirkung), noch durch irgendetwas was andere z.B. durch Veränderung des Rechts tun" (Pogge 2019 [Englisches Original: 2011]).

Eine Ethik des Verbindenden besteht aus ebenso abstrakten wie konkreten Elementen. Während ihre Basis das Nachdenken über Normen auf Basis der Menschenrechte in Anerkennung der Wandelbarkeit von Begriffen ist, sind einmal gesetzte Normen unmittelbar. Sie wirken sich auf das Handeln und Denken von Menschen aus und dienen als Orientierung in der Welt.
Ziel dieses kurzen Textes war es, ein paar Grundüberlegungen zu einem neuen Nachdenken über eine Ethik anzustellen, die es ermöglicht, sich unversöhnlich gegenüberstehende Gruppen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Konkrete Fallbeispiele, detaillierte Begründungen der Notwendigkeit einer neuen Ethik und ihre Ausgestaltung, sind im Rahmen dieses Textes nicht möglich. Möge er anderen eine Inspiration für genau diese Überlegungen sein. 

06 Februar 2020

Essay: Wie Wandel gelingen kann. - Zwei Miniaturen.

Die 2010er-Jahre haben uns eine Reihe drängender Fragen hinterlassen. In zwei kurzen Miniaturen versuche ich zu zeigen, was uns dabei helfen kann, zu einem gelingenden Wandel beizutragen.

Wer in den letzten Wochen durch Magazine oder Zeitungen geblättert hat, auf Instagram oder Twitter aktiv war oder Websites quergelesen hat, wurde immer wieder mit groß angelegten Bilanzen der 2010er-Jahre konfrontiert. Der "Sound" vieler Artikel lag irgendwo zwischen Ernüchterung und Krisenmodus, zwischen sehr leisem Optimismus und lähmender Verzagtheit. Am Ende eines Jahrzehnts Bilanz ziehen, heißt auch aus der gegenwärtigen Gemütsverfassung der jeweiligen Autorin oder des jeweiligen Autors heraus abzurechnen. Die Bewertung der vergangenen Jahre erfolgt aus der "breiten Gegenwart" (Hans Ulrich Gumbrecht) heraus, oft beeinflusst durch Heuristiken wie den "availability bias", der uns eindrückliche Ereignisse wie Terroranschläge, Flugzeugabstürze oder ähnliches wahrscheinlicher erscheinen lässt, als sie es statistisch sind. Bewertungen der vergangenen Dekade sind also mindestens mit Vorsicht zu genießen - eine gewisse Distanz wird Ereignisse der 2010er-Jahre noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.  

Klar ist: Die 2010er-Jahre haben uns eine ganze Menge Fragen hinterlassen. Diese reichen vom Klimawandel und all seinen nachgelagerten Herausforderungen über die Digitalisierung, die neben Fragen der Privatsphäre auch Fragen nach Arbeitsplatzschaffung und -rationalisierung aufwirft, Migration und Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften sowie die Bedrohung konsolidierter Demokratien durch Populisten.
Es ist leicht angesichts der Herausforderungen, die die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden, zu verzagen. Ratsam ist es nicht. Eine der zentralen Aufgaben der 2020er-Jahre wird es sein, mit den teils überlebensgroßen Herausforderungen umgehen zu lernen. Zwei Dinge können uns hierbei in meinen Augen helfen:

(1) Die Wiederbelebung der Öffentlichkeit in Politik und Gesellschaft oder: Über Kompromisse.

Der Begriff Öffentlichkeit kennt eine ganze Reihe von Definitionen. Ex negativo umreißt er das Nicht-Private. Schon diese Definition und ihre Auslegung könnten Gegenstand eines langen Exkurses sein. Um diesen abzukürzen, erlaube ich mir an dieser Stelle eine Setzung: Ganz im Sinne Seyla Benhabibs möchte ich Öffentlichkeit im Raum des Politischen verorten. In meinen Augen entfaltet sich der Raum des Politischen zwischen dem Staat mit all seinen Institutionen und Amtsträgern und der Gesellschaft, die sich aus Individuen und ihren je eigenen Bezügen aufeinander zusammensetzt. Öffentlichkeit verweist auf den Aushandlungsprozess politischer Fragen zwischen Staat und Gesellschaft. Außerdem bildet sie das Forum für neue Ideen, die einer der vorgenannten Akteure in den politischen Raum einbringt.
Allerorten wird beklagt, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität derzeit viel zu oft getrennt voneinander zu sein scheinen. Ich denke, dass Staat und Gesellschaft schon immer in einer Art und Weise voneinander getrennt waren; sie sind nicht deckungsgleich. Zwar ist der Souverän in einer Demokratie das Volk, welches verfassungsgebend ist und von dem alle Staatsgewalt ausgeht (Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2). Jedoch ist damit meines Erachtens nicht gemeint, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität bzw. Wünsche Einzelner an den Staat von vornherein deckungsgleich sein müssen.
Von entscheidender Bedeutung ist hierbei der (politische) Aushandlungsprozess, die Suche nach Kompromissen. Gegenwärtig wird dieser Prozess kaum wertgeschätzt. - Eine mündige Bürgerin bzw. ein mündiger Bürger zu sein heißt, sich seiner je eigenen Verantwortung für politische Entscheidungen bewusst zu sein und diese - beharrlich und ohne den Einsatz von Drohungen oder physischer Gewalt - im öffentlichen Raum zu vertreten. Die Politik muss den Vorstellungen und Wünschen der Bürger Rechnung tragen, indem sie diese anhört, aufnimmt und in den politischen Prozess einfließen lässt.
Auch in einer repräsentativen Demokratie gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, seine Meinung in den Prozess der Aushandlung einzubringen oder - und vielleicht gar vor allem - selbst Verantwortung zu übernehmen. Wichtig dabei ist, dass das Vertreten seiner eigenen Interessen niemals nur Selbstzweck sein darf und nicht von egoistischen Motiven geleitet sein sollte. Eine liberale Gesellschaft anerkennt die Freiheit jedes Einzelnen, misst ihm daher aber auch Verantwortung für sein Handeln zu. Dieses Leitmotiv erkennt in dieser Verantwortung auch die Notwendigkeit an, andere in den eigenen Vorschlägen mitzudenken, sie einzubeziehen oder sich einer Gruppe anzuschließen, die für die eigenen Überzeugungen einsteht. Ebenso bedeutet Verantwortung aber auch, duldsam und tolerant gegenüber anderen Gesellschaftsentwürfen zu sein - so sie denn auf dem Boden unserer Verfassung stehen. Schlussendlich bedeutet sie auch, kompromissbereit zu sein. Denn ohne Kompromisse, werden Aushandlungsprozesse allzu schnell zu Schaukämpfen ohne Ergebnis.


(2) Das Prinzip Hoffnung oder: Die Rolle des Pragmatismus. 

Jüngst hat Jonathan Franzen mit seinem Essay "What if We Stopped Pretending?" (The New Yorker, 08. September 2019) ein auf den ersten Blick sehr düsteres Bild für die Zukunft gezeichnet. Er schreibt, es gäbe zwei Möglichkeiten über den Klimawandel und seine Folgen nachzudenken, wenn man sich um den Planeten sowie die Menschen und Tiere auf der Erde sorge. Entweder, man hoffe, dass die Katastrophe noch abwendbar sei und würde von der Tatenlosigkeit der Welt von Tag zu Tag frustrierter oder wütender, oder man akzeptiere, dass ein "Desaster" eintrete und begönne von Neuem darüber nachzudenken, was es heiße Hoffnung zu haben.
Wie so oft in unserer (in vielerlei Hinsicht) überhitzten Zeit der unausweichlich unmittelbaren Reaktionen, wurde Franzens Essay als Nackenschlag für all jene interpretiert, die sich gegen den Klimawandel stemmen oder auf die Straße gehen, um der Öffentlichkeit immer wieder die Notwendigkeit zu handeln vorzuhalten. Man warf Franzen vor ein Pessimist zu sein, ein Zyniker gar. Zynismus gibt der Essay jedoch nicht her - vor allem dann nicht, wenn man die Definition dieses Wortes noch einmal genau studiert. Im "Großen Wörterbuch der deutschen Sprache" findet man das Wort "zynisch" unter anderem definiert als "eine gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung zum Ausdruck bringend (...)". Wenn Franzens Essay eines nicht ist, dann menschenverachtend. Ganz im Gegenteil: Er ist getragen von einer humanistischen (auch kommunitaristischen) Grundhaltung, welche angesichts der dräuenden Katastrophe, die es zu akzeptieren gelte, die Bedeutung kleiner Schritte hervorhebt. In Franzens eigenen Worten klingt dies so: "Keep doing the right thing for the planet (...) but also keep trying to save what you love specifically - a community, an institution, a wild place, a species that's in trouble - and take heart in your small success".
Natürlich kann man Franzen Resignation vorwerfen; man kann der Meinung sein, dass seine Vorstellung davon, wie die Zukunft sich gestalten werde, zu düster sei. Jedoch erscheint diese Reaktion zu kurz gedacht - zu unmittelbar. - Denn welch produktive Gedanken beinhaltet Franzens Essay?
Wenn man seinen Text bloß überfliegt, kann man ihn als Entlastung lesen. Getreu dem Motto: "Wir können eh nichts tun, deshalb können wir uns der Katastrophe auch ergeben". Das genau sagt Franzen jedoch nicht. Er will, dass wir handeln - gemeinsam und jeder für sich. Er strukturiert jedoch unsere Erwartungen neu; er lässt uns eine neue Form des Pragmatischen erkennen. Wir können nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass wir das Unter-Zwei-Grad-Ziel (noch) erreichen werden, daher müssen wir einen neuen Umgang mit dem Klimawandel finden. Wir müssen uns ambitionierte, aber realistische Ziele setzen, den Fokus auf die Prävention vor Feuern und Fluten legen, Strategien zum Umgang mit vom Klimawandel bedrohten Staaten und Menschen finden sowie unsere Demokratien stärken, um zu verhindern, dass sie in Zeiten größten Drucks zusammenbrechen. All diese Punkte nennt Franzen - und er nennt sie zurecht. Was auf dem Spiel steht, was zu bewältigen wäre, ist immer noch gewaltig, aber es ist zweifelsohne leichter beispielsweise Vorkehrungen gegen massive Überschwemmungen zu treffen, als die weltweiten Emissionen auf Null zu senken. Noch einmal: All das entbindet uns nicht von der Verantwortung alle Anstrengungen für die Erreichung des Unter-Zwei-Grad-Zieles zu bündeln, aber es zeigt uns eine "second best option" auf, die uns immer noch in die Pflicht nimmt. Unmittelbarer sogar als es das erste Ziel tut. Ein Feld kann ich alleine bestellen und darauf für gute, ökologische Bedingungen sorgen - das kann ein Signal für andere sein, sich auch für eine bessere Landwirtschaft, ein nachhaltigeres Denken und Handeln einzusetzen.

Was diese beiden Miniaturen exemplarisch zeigen ist, dass die großen und zum Teil bedrohlichen Fragen unserer Zeit nicht gelöst werden können, wenn wir vor ihrer schieren Größe verzagen. Sie verlangen von uns, sie anders und neu zu stellen - sie darauf zu prüfen, ob sie uns vielleicht schon Wege vorgeben (ob alt und lange nicht mehr betreten oder neu und erst Stein für Stein gebaut) und sie weisen Kompromiss und Pragmatismus - zwei derzeit nicht sehr beliebten Kategorien des Politischen - eine entscheidende Rolle zu.
Wie sich unser Zusammenleben in Zukunft gestaltet, entscheidet sich in der Rolle, die wir der Öffentlichkeit beimessen und darin, wie wir lernen, scheinbar ausweglose Situationen so zu rahmen, dass unser Handeln die Hoffnung auf Veränderung erhält. 





09 November 2019

Essay: Konfrontation und Begegnung - Die Digitalisierung und wir. - Ein Plädoyer für mehr Differenzierung.

Viele Debatten unserer digitalen Gegenwart kranken an einer angemessenen Form der Differenzierung und bleiben so häufig Konfrontation. Die Dinge erscheinen uns somit entweder schwarz oder weiß. Die Ursache hierfür liegt in meinen Augen darin, dass es uns zumeist an der Fähigkeit zu moderieren fehlt.

Die Großstadt mit all ihren Verlockungen, all ihren Reizen, den dunklen Ecken, dem Lärm, dem Gestank, der Vielfalt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Quelle nicht enden wollender Inspiration, aber auch Überforderung für Lyriker unterschiedlicher Strömungen wie Erich Kästner oder Georg Heym. 

Das Internet der Gegenwart erinnert an dieses wilde Nebeneinander des Schönen und Schrecklichen, des Anrührenden und Abstoßenden. Allein, die Großstadt bot dem Einzelnen Räume sich zu verstecken. Er konnte sich in die nächste Kneipe flüchten, in seine Wohnung oder hinaus aufs Land. Das ist im Netz ohne weiteres nicht möglich. Sicher, man kann auf den breitgetretenen Pfaden der Nachrichtenportale wandeln, seinen Facebook-Freundeskreis auf jene beschränken, die einem auch im echten Leben lieb und teuer sind und doch ist da am Ende die permanente Konfrontation mit dem Anderen. Sei es eine kurz aufgeschnappte Schlagzeile, ein Kommentar unter einem Youtube-Video, ein von Freunden geteiltes Meme. Sozial ist das Internet in dem Sinne, dass es es den Einzelnen immer in Beziehung zu etwas oder jemand anderem setzt. Das Gesehene oder Gelesene ruft im Individuum zwangsläufig eine Reaktion hervor.
Natürlich kann ich als Einzelner mein Smartphone ins Nebenzimmer verbannen oder den Computer ausschalten; aber angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des wirklichen Lebens mittlerweile "in Bezug auf" das Netz stattfindet, ist das auf Dauer keine Option. Der permanente Konfrontationsmodus, in welchem wir durch das Internet streifen, überträgt sich in meinen Augen auf unsere Begegnungen in der Offline-Welt. 
An sich sind Begegnungen nach einer auch offline zwangsläufigen Konfrontation ("Da steht jemand" oder "Da hat mich jemand angesprochen") ein Abtasten: Mit den Augen, mit eingeübten Floskeln ("Wie geht es Ihnen?"), im Smalltalk. Das Internet verhält sich hier hingegen wie ein Monolith. Video, Bild oder Text, dem wir begegnen, steht für sich. Der Monolith erklärt sich nicht. Er ist einfach da. Je nachdem, zu was ich mich verhalten muss, sehe ich zunächst entweder bloß schwarz (Opposition) oder weiß (Zustimmung). Der nächste Schritt nach dieser Konfrontation wäre in der Offline-Welt jener Prozess des Abtastens, den ich oben benannt habe. Der ist im Netz jedoch kaum möglich: Die Logik des Internets gibt mir nur eine begrenzte Anzahl an Optionen zu reagieren: Ignorieren, kommentieren, teilen, melden. Das macht unser digitales Zusammenleben weniger differenziert als es bei einer realen Begegnung sein kann. 

Da wir alle - egal ob "digital natives" oder "silver surfer" - noch kaum Erfahrung mit dem Netz als Begegnungsraum haben, sind wir an sich permanent überfordert. Von Hass und Hetze, von Meme um Meme, von der Bilder- und Nachrichtenflut. Unsere Fähigkeit zu differenzieren scheint mir durch die permanente kognitive und emotionale Überforderung auf der Strecke zu bleiben. 
Die Digitalisierung und das Netzrauschen verlangen von allen Menschen nicht nur die Fähigkeit ihre Meinung zu äußern, sondern auch die Fähigkeit Gesagtes oder Geschriebenes zu moderieren. Wir müssen mit anderen Aussagen und Meinungen auf unsere Aussagen viel ungefilterter umgehen als in der prä-digitalen Zeit.
Zum Moderieren gehört die Fähigkeit zur Differenzierung. Wenn diese jedoch - wie oben dargelegt - permanent durch Konfrontation unterbunden wird, fördert dies unser Bedürfnis uns gegen das Geschriebene oder Gesagte zu verteidigen. So wogt im Netz nach meiner Empfindung vor allem deshalb so viel Negativität auf und nieder, weil Menschen permanent daran scheitern Debatten zu moderieren und sich in einer Art Dauerverteidigung befinden.

Wenn wir das Netz als Medium der Debatte nutzen wollen, als Instrument der Demokratisierung, welches es zumindest in Teilen zweifelsohne sein könnte, so müssen wir zunächst in der Offline-Welt lernen Gespräche zu moderieren. Umgekehrt - so ist derzeit zu beobachten - hält die mangelnde Differenzierung der "Netzgespräche" auf teils erschreckende Weise Einzug in unseren Alltag. 




05 Oktober 2019

Essay: Populismus, Legitimität und der Nationalstaat.

Kaum ein Begriff wird gegenwärtig so hitzig debattiert wie der des Populismus. Er ist Ausdruck einer Re-Politisierung des öffentlichen Lebens. Allein, seine Antworten sind unzureichend, gestrig und allzu oft anti-demokratisch. Wer Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit - den menschengemachten Klimawandel, Weltarmut oder inter- und intranationale Ungleichheit - geben will, muss einen Blick über den Nationalstaat hinauswerfen. - Die hier entwickelten Gedanken nehmen zum Teil Bezug auf meine Masterarbeit "How Populism Can Contribute to Forming a World State - A Cosmopolitan Argument", die ich am 04. Oktober 2019 an der Universität Witten/Herdecke eingereicht habe.

Unsere Gegenwart ist, wer würde dies bestreiten wollen, höchst politisch. Wir erleben Grabenkämpfe zwischen der politischen Linken und der politischen Rechten, zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten, zwischen den Generationen. Die Themen sind mannigfaltig, die Gemüter erhitzt. 
Gerade in der Art und Weise wie Argumente ausgetauscht werden zeigt sich, dass wir uns an einem kritischen Punkt befinden. Offenheit und Dialogbereitschaft werden als Werte der Stunde gehandelt - wirklich danach handeln, scheinen die meisten jedoch eher in einem behüteten, vertrauten Umfeld. Vor allem in digitalen Sphären regieren Zuspitzung und Konfrontation. 

Dieser Umstand macht es nahezu unmöglich sich dem Mahlstrom der Stellvertreter-Debatten zu entziehen. Zu oft sind empörenswerte Äußerungen, Einzelbeobachtungen oder Trump-Tweets Gegenstand eines Reigens an Gegenreden, Artikeln oder Kurznachrichten. Das "große Ganze" gerät dabei allzu oft aus dem Blick. Damit ist nicht gemeint, dass Einzelfälle nicht zu diskutieren seien, dass sie zu vernachlässigen oder zu ignorieren seien; vielmehr soll damit darauf hingewiesen werden, dass diese Debatten allzu selten zum Kern des jeweils verhandelten Gegenstandes vordringen und vor-politisch sind.
Im Zusammenhang mit Forschungsprogrammen hat Imre Lakatos einmal von einem "harten Kern" und einer Reihe von Hilfsannahmen gesprochen, die wie ein Schutzgürtel um eine Ansammlung von Theorien liegen, die das Innere des Forschungsprogrammes ausmachen. Wenn wir das Programm prüfen, so werden zunächst die Hilfsannahmen desselben widerlegt (die im Anschluss durch neue Hilfsannahmen ersetzt werden können); nicht aber der Kern des Programms. Ob ein Programm schlussendlich für "progressiv" (und damit für gute Wissenschaft) oder "degenerativ" (und damit für schlechte Wissenschaft) befunden wird, lässt sich dadurch feststellen, ob es neue Fakten oder Vorhersagen ermöglicht. 

In Bezug auf den Gegenstand dieses Essays ist dieser Gedanke in zweierlei Hinsicht produktiv: Zunächst macht er deutlich, dass Stellvertreter-Debatten notwendigerweise zur Erörterung eines bestimmten Gegenstandes gehören, zum anderen zeigt er aber auch, dass wir an diesem Punkte nicht aufhören können - was wir gegenwärtig allzu oft tun. 
Ob eine Debatte uns gesellschaftlich voranbringt, lässt sich nur feststellen, indem wir zu ihrem Kern vordringen und prüfen, ob sie neue Erkenntnisse und damit politische Handlungen hervorbringt. - Folgende Einschränkung sei hier angemerkt: Natürlich unterscheiden sich wissenschaftliche Forschungsprogramme von gesellschaftlichen Debatten. Der von mir gezogene Vergleich trifft also mit Sicherheit nur cum grano salis

Dies vorausgeschickt, wage ich folgende These: Populismus ist nicht vordringlich eine Reaktion auf die unbefriedigenden Lebensumstände bestimmter Bevölkerungsgruppen; er ist auch nicht nur Ausdruck von Unsicherheit und Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung mit all ihren Folgen. Populismus ist in meinen Augen vor allem Ausdruck eines unzureichenden Legitimitätsbegriffs unserer Gegenwart. Legitimität verstehe ich nach Joseph Raz als "Rechtfertigung von politischer Autorität". 

Demokratische Politikerinnen und Politiker stehen heute vor der Herausforderung, Gesetze, Regeln oder Absprachen, die auf internationaler und supranationaler Ebene getroffen wurden, in ihren jeweiligen Nationalstaaten zu rechtfertigen. Dadurch, dass internationale und supranationale Institutionen jedoch nicht ausreichend legitimiert sind, die Ausübung ihrer Autorität also nicht immer vollständig zu rechtfertigen ist, entsteht eine Spannung zwischen dem Souverän, also den Bürgerinnen und Bürgern und denjenigen, die in ihrem Sinne handeln sollen. 
Dieser Spannung bedienen sich Populisten: Sie behaupten, dass Politiker den "Willen des Volkes" (den sie als uniform ansehen) nicht ausreichend repräsentieren würden und nur einer kleinen "Elite" (wie auch immer sie geartet sein möge) dienstbar seien. So lässt sich leicht eine "Wir gegen die"-Situation schaffen, die Populisten kreieren, um sich selbst als die wahren "Vertreter des Volkes" zu inszenieren. Boris Johnson oder Donald Trump tun dies, indem sie sich (oft recht erfolgreich) über gefestigte Institutionen hinwegsetzen und an ihnen "vorbeiregieren". Auf internationaler Ebene steigen sie so aus Verträgen aus (die USA z.B. aus dem INF-Vertrag oder dem Pariser Klimaabkommen), auf nationaler Ebene setzen sie - wenn nötig - das Parlament aus (wie Johnson im Vereinigten Königreich).

Es ist ein Trugschluss demoraktischer Politikerinnen und Politiker den Blick nun wieder verstärkt nach innen zu wenden, vor den Folgen einer zu schnellen europäischen Integration zu warnen oder nationale Interessen wieder stärker in den Mittelpunkt ihres Tuns zu rücken. 
Da das Legitimitätsdefizit auf internationaler und supranationaler Ebene entstanden ist, muss an dieser Stelle dafür gesorgt werden, dass sich diese erhöht. Meiner Meinung nach kann dies nur funktionieren, wenn wir auf Basis des existierenden UN-Systems Reformen anstreben, die auf den Prinzipien der Partizipation (durch zunehmende Bürgerbeteiligung z.B. durch Wahl eines Weltparlamentes), Stabilität (in Form einer globalen Verfassung) und zugleich Flexibilität (erreicht durch dynamische Gesetzgebung in Form von ständiger Re-Evaluierung der bestehenden Gesetze) sowie Subsidiarität beruhen. 

Stellvertreter-Debatten können uns einen Hinweis darauf geben, wo genau die Politik ansetzen kann; sie dürfen allerdings nicht - wie gegenwärtig - den Blick auf das wahre Problem der global zu denkenden Politik im 21. Jahrhundert verstellen.