08 Juli 2020

Essay: No Future? - Politische Rhetorik nach der Corona-Pandemie.

Die Corona-Pandemie hat Staaten rund um den Globus getroffen. In einigen Ländern sind die Zahlen der Neuinfektionen mittlerweile rückläufig, in anderen - wie den Vereinigten Staaten von Amerika - werden seit einigen Tagen wieder deutlich steigende Fallzahlen gemeldet. Klar ist: Die Pandemie ist nicht vorüber und zeigt die Fragilität dessen, was wir als "normales" Leben ansehen. Wie wird die Politik reagieren? 

Das Jahr 1977 gilt als Geburtsstunde des Schlagwortes "No Future". Die britische Punk-Band "Sex Pistols" hatte es in ihrem bekannten Song "God Save the Queen" geprägt. Seither gab es reihenweise Interpretationen dieses Slogans und popkulturelle Referenzen. Eine besonders im deutschsprachigen Raum bekannte dürfte noch immer Falcos "Helden von heute" (1982) sein. Er singt darin: "Brot und Spiele san gefragt/ "No future" extrem angesagt". 

Das Schlagwort "No Future" charakterisierte den drastischen, sehr allgemein formulierten Wunsch, dass "System zu zerstören" (so hat es "Sex Pistols"-Sänger Johnny Rotten in seiner Autobiografie formuliert), aber auch die Verzweiflung vieler Menschen angesichts der realen Bedrohung durch einen Atomkrieg im Kontext des Kalten Krieges oder des immer weiter in den Blick tretenden Ausmaßes an Umweltzerstörung. Zur Erinnerung: Der "Club of Rome"-Bericht "Die Grenzen des Wachstums" war 1972 erschienen. Ölteppiche auf den Weltmeeren, kahle und verdorrte Bäume oder Betonwüsten wurden zu Vanitas-Gemälden, die den Menschen ihre eigene Vergänglichkeit bewusst machten. Politisches Handeln wurde von einigen als nicht ausreichend beschrieben - die Zukunft stand aus ihrer Sicht auf dem Spiel.

Der Reflex die Zukunft abzuschreiben und von einer "verlorenen Generation" zu sprechen, zeigt sich auch während der Corona-Pandemie. Auf verschiedenen Ebenen wird die Systemfrage gestellt, werden Strukturen und Institutionen hinterfragt und angezählt. Gleichzeitig zeigen sich verloren geglaubte Reflexe (Stichwort: Solidarität) und Zukunftsoptimismus (viel wird von der "Krise als Chance" oder der sich beschleunigenden Digitalisierung als "Hoffnungsschimmer" gesprochen). Unabhängig davon, wie man jene Reaktionen des Menschen auf die gegenwärtige Krise bewertet, so ist zu konstatieren, dass darin Unmut mit der gegenwärtigen Lage zum Ausdruck kommt. Weder in Bezug auf Fragen der Globalisierung oder Digitalisierung, noch in Bezug auf angemessene Reaktionen auf den Klimawandel oder gesellschaftliche Herausforderungen wie Ungleichheit auf verschiedenen Ebenen, passiert den sich in ihren Forderungen und Interessen mal mehr, mal weniger überschneidenden Akteuren genug. Darüber hinaus offenbart die Corona-Pandemie, wo genau Menschen Probleme am eigenen Leibe erfahren oder Herausforderungen vermuten.
Die Analyse einzelner Probleme würde den Rahmen dieses Essays sprengen - sie ist an anderer Stelle bereits voll im Gange. Jutta Allmendinger hat in der "ZEIT" vor einer "entsetzlichen Retraditionalisierung" von Frauenrollen gewarnt, Heinz Bude im "NDR" - die Pandemie als "weltgeschichtliche Zäsur" bezeichnend - die wiedererstarkende Rolle des Staates betont. Jürgen Habermas, der wichtigste deutsche Philosoph nach Ende des Zweiten Weltkrieges, hat in der "Frankfurter Rundschau" wiederum herausgestellt, dass es noch nie so viel "Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen" gab. Viele andere Felder - Bildungs- und Sozialpolitik, ökonomische Folgen für Einzelpersonen, Familien, Berufsgruppen oder Staaten sowie multilaterale Entwicklungen - werden ebenfalls aus einer "Corona-Perspektive" betrachtet.

Die Chance all dieser Perspektiven besteht darin, dass die Politik sich nun noch einmal neu ausrichten kann. Viele Probleme (seien es soziale Ungleichheit, die noch immer bestehende Verbindung zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, der Klimawandel oder die (gesetzliche) Regulierung des Internets) sind bereits seit langer Zeit bekannt. Viele empfanden die Politik in diesen Bereichen in den letzten Jahren als zu zaghaft.
Die Corona-Pandemie gibt der Politik jedoch nun ein einfaches Mittel sich eingehender mit den als drängend empfundenen Problemen zu beschäftigen: Rhetorisch lässt sich sehr einfach behaupten, dass diese Krise gezeigt habe, dass auf dem Politikfeld x und in Bezug auf Gesetz oder Verordnung y noch dringender Handlungsbedarf besteht. Die Politik kann hier also auf vorher weniger bestellten Politikfeldern an (Output)-Legitimität gewinnen, wenn sie rhetorisch plötzlich die Verbindung zwischen einem schon länger bestehenden Problem und der Pandemie herstellt.

Zugegeben: Diese Form der politischen Rhetorik verschweigt den Umstand, dass einige Probleme von den unterschiedlichen Parteien mal mehr, mal weniger vernachlässigt wurden. Sie birgt auch die Gefahr, dass Wählerinnen und Wähler die entsprechenden Parteien an der Urne abstrafen, weil sie dieser Rhetorik nicht auf den Leim gehen. Klar ist jedoch, dass Politik in allen Feldern lange "in Bezug auf Corona" stattfinden wird und es daher sehr wahrscheinlich ist, dass sich diese Form der politischen Rhetorik häufiger zeigen wird. Wenn das am Ende dazu führt, dass demokratische Politikerinnen und Politiker ihr Handeln neu ausrichten und die in vielen Bereichen seit Jahren bekannten Probleme neu bewerten, so ist dies ein Hebel für den notwendigen politischen Wettbewerb in einer Demokratie. Wettbewerb zwischen den demokratischen Parteien bestünde dann nicht im Umstand, ob eine Partei ein bestimmtes Problem als solches erkannt habe, sondern welche Lösung sie dafür vorbrächte.
Denn Demokratie ist auch und vor allem ein Wettstreit der Ideen. Politik ist nie ein in sich geschlossener Kosmos mit Patentlösungen für jede unvorhergesehene Wendung. Die politische Rhetorik hilft dabei, die Verbindung zwischen hinlänglich bekannten Missständen und geänderten Rahmenbedingungen herzustellen.

11 März 2020

Essay: Norm und Wirklichkeit. - Versuch über eine "Ethik des Verbindenden".

Oft genug wird unter Einsatz des Begriffs "Moral" derzeit das Handeln einer Person, die gegenläufige Meinungen zu denen einer anderen vertritt, abqualifiziert. Eine mögliche Begründung für dieses vertraute Muster gegenwärtiger Debatten ist die Absolutsetzung reaktionärer wie progressiver Normen. Dieser Text plädiert für eine in drei Bausteinen (Kriterien) beschriebene "Ethik des Verbindenden", die das Ringen um einen Minimal-Konsens wieder in den Mittelpunkt stellt.   

Betrachtet man die gegenwärtig in der Öffentlichkeit und auch im Privaten ausgetragenen Gespräche, so fällt auf, dass wir häufig davon sprechen, dass diese "moralisch aufgeladen" seien. Es gibt Ewiggestrige, die jedwede Form von Veränderung mit wüsten Anwürfen zurückweisen und sich in ein non-existentes "Damals" oder "Früher" zurückwünschen, und es gibt jene, denen der Wandel gar nicht schnell genug gehen kann und die das Hinterfragen bestimmter Ideen schon als Affront interpretieren und sich den Kritikern gegenüber unversöhnlich bis unbarmherzig zeigen. Was beide Seiten eint, ist ein Hang dazu, ihre jeweiligen handlungsleitenden Prinzipien absolut zu setzen. Mir ist wichtig, dass es in diesem Text weder um die Bewertung der Qualität der reaktionären, noch der progressiven Normen geht, ebenso wie es mir notwendig erscheint klar zu machen, dass der Ausgangspunkt meines Denkens von jeher die Unantastbarkeit der Würde jedes und jeder Einzelnen war und mir die Menschenrechte als Orientierung in der Welt dienen. 
Was mich in diesem Text interessiert, ist die Frage, wie wir mit "Leidenschaft und Augenmaß" (Max Weber) zu einer (normativen) Ethik des Verbindenden kommen können. Meine These ist hierbei, dass bei all der Relevanz, die Moral (zumindest als Begriff) in unseren gegenwärtigen Debatten zu spielen scheint, ihr Ausgangspunkt (eine ihr zugrunde liegende Ethik also, die ein bestimmtes Verständnis von Moral begründet) vollkommen unklar ist. Eine seit jeher in diesem Zusammenhang gestellte Frage lautet: Was soll ich tun? (siehe z.B. die Kantischen Fragen).

Christoph Möllers hat in seinem luziden Buch "Die Möglichkeit der Normen" (2015) Normen als "positiv markierte Möglichkeiten" charakterisiert, die "auf einen möglichen Zustand oder ein mögliches Ereignis" verweisen.  Er sieht in ihnen die Möglichkeit "Distanz von der Welt" zu nehmen, ohne dass man sich zu früh "dem Problem der Rechtfertigung" (der Normen) zuwendet. - Diese Möglichkeit Distanz von der Welt zu nehmen und sich somit die Frage zu stellen wie sie sein könnte, ist in meinen Augen der erste Baustein einer Ethik des Verbindenden. Jeder konkreten Verhaltensregel und dem Handeln danach liegt ein Nachdenken darüber zugrunde. Dabei mündet das Nachdenken über die Möglichkeiten einer Norm noch nicht zwangsläufig in Appellative. Diese entfalten sich erst auf Basis der Zusammenschau verschiedener Normen zu einer bestimmten Vorstellung von Moral. - Die Frage wie etwas sein könnte, ist grundsätzlich eine produktive. Sie weist in die Zukunft und eröffnet neben einer von Grund auf neu gedachten Idee wie Welt zu organisieren sei, auch die Möglichkeit diese Zukunft nach einem bereits bestehenden (oder gar vergangenen) Modell zu entwickeln. Wichtig ist, dass all diese Ideen eine Unsicherheit in sich tragen, weil sie die Stabilität der gegenwärtig existenten, in Frage stehenden Norm (und daran angeschlossener Verhaltensweisen o.ä.) erst einmal erodieren. Dies zu begreifen, ist wichtig, um den Wandel anderen, die sich unterscheidende Vorstellungen haben, nachvollziehbar machen zu können. Dieser Umstand weist auf die Relevanz von Verständigung zwischen unterschiedlichen Interpretationen von Welt hin, die der zweite Baustein aufgreift.

Dieser zweite Baustein einer Ethik des Verbindenden muss die - kaum überraschende - Einsicht beinhalten, dass nichts im Leben eines Menschen so stetig ist wie der Wandel. Einen Anspruch auf dauerhaft gültige Normen und ewig bestehende Moralvorstellungen gibt es daher nicht. Weiter oben habe ich darauf verwiesen, dass gerade dieser Absolutheitsanspruch derzeit jedoch sowohl im reaktionären wie auch im progressiven Lager verfängt. Dabei müsste statt einer Absolut-Setzung die Fähigkeit zur Aushandlung eines Minimal-Konsenses stehen, ebenso wie ein stärkerer Fokus auf der Begründung der jeweiligen Vorstellungen. Nur so bleiben unterschiedliche Interpretationen der Welt und dessen, was und wie sie sein könnte, miteinander vereinbar (um nicht zu sagen: möglich). Der Raum dessen was möglich wäre, entfaltet sich erst da, wo Welt unterschiedlich ausgedeutet werden kann. Die Schwierigkeit besteht darin, auch bei diametral gegenläufigen Interpretationen von Welt untereinander sprachfähig zu bleiben. Mit anderen Worten: Es bedarf gewisser Grundkonzepte, auf die man sich in ihrer Bedeutung einigen können muss, um dann um ihre genaue Umsetzung (Konzeption) zu ringen (concept/conception-Unterscheidung nach Rawls).
Für den Begriff der Gerechtigkeit, beispielsweise, gilt laut der Stanford Encyclopedia of Philosophy die Beschreibung des Begriffs der Gerechtigkeit in den Institutiones Iustiniani als plausibelste Grunddefinition des Konzepts. Hierbei wird Gerechtigkeit als "beständiger und andauernder Wille jedem das Seine zukommen zu lassen" definiert (Lateinisches Original: "iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuens", I. 1.1). Basierend auf diesem Grundverständnis kann nun um die daraus folgenden Normen oder Handlungsanweisungen gerungen werden.
Zur Erzielung eines Minimal-Konsenses erscheint es grundsätzlich sinnvoll, die Geschichte von Begriffen und die Bedeutung einzelner Normen und Moralvorstellungen nachzuvollziehen. Sie alle nehmen zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kontext ihren Ausgang und vollziehen im Laufe der Jahrhunderte mehr oder weniger große Wandlungen. Eine möglichst schlüssige Herleitung der eigenen Überzeugung, was die Möglichkeit einer bestimmten Norm sei, macht eine Verständigung über gemeinsame Grundüberzeugungen wesentlich leichter. Zugleich fördert sie offensichtlich unvereinbare Ideen zutage. Hier muss nun der Wille das Verbindende zu suchen, einsetzen. Präzise Nachzeichnungen der Begriffsgeschichte bedeutender Grundkonzepte der Philosophie (z.B. Gerechtigkeit, Freiheit, Wille) könnten hier einen großen Beitrag leisten.

Neben den zwei zuvor genannten Bausteinen (Kriterien) einer Ethik des Verbindenden - Normen als Möglichkeit Distanz von der Welt zu nehmen (1) und die Suche nach einem Minimal-Konsens zwischen unterschiedlichen Interpretationen von Welt (2) - muss ein dritter Baustein die grundsätzliche Rahmung des Nachdenkens über eine bestimmte Moral und ihre Begründung (Ethik) bilden. Meines Erachtens nach bilden die Menschenrechte in ihrer Unveräußerlichkeit eben diesen Rahmen.

Der US-amerikanische Rechtshistoriker Samuel Moyn nennt sie "das letzte Utopia" (The Last Utopia, 2010). Eine tiefgreifende Bedeutung bekommen die Menschenrechte laut Moyn erst in den 1970er-Jahren; in dem Moment, als andere Utopien für eine bessere Zukunft - er nennt hier beispielsweise den Kommunismus - ihre Strahlkraft verlieren oder in sich zusammenfallen. Was die Menschenrechte zu einer solch überzeugenden Utopie macht, so meine ich, ist die Gedoppeltheit ihrer Vision. Zum einen versprechen die Menschenrechte jedem und jeder Einzelnen eine Welt in der ihm oder ihr das gleiche Maß an Würde und Respekt zuteil wird, jeder also in seiner Individualität anerkannt wird. Zum anderen verweisen die Menschenrechte auf eine universelle Gültigkeit, die alle Menschen als Gleiche unter Gleichen betrachtet. In der Verbindung zwischen individueller Anerkennung und universeller Gültigkeit zeigt sich die herausgehobene Stellung der Menschenrechte als Basis einer Ethik des Verbindenden.
Thomas Pogge hat die besondere Bedeutung der Menschenrechte in ihrer Unveräußerlichkeit wie folgt definiert: "(...) das Recht selbst verankert die Menschenrechte in einer Weise, die über das Recht hinausweist: In Form einer Normativität nämlich, die in ihrer Existenz nicht vom Recht abhängt und nicht durch eine gesetzliche oder juristische Anordnung bzw. durch andere Mechanismen der Gesetzgebung wie Verträge oder internationale Bräuche verändert oder aufgehoben werden kann (...) Ein unveräußerliches Recht ist ein Recht, welches seine Besitzer nicht verlieren können; durch nichts was sie selbst tun (Verzichtserklärung oder Verwirkung), noch durch irgendetwas was andere z.B. durch Veränderung des Rechts tun" (Pogge 2019 [Englisches Original: 2011]).

Eine Ethik des Verbindenden besteht aus ebenso abstrakten wie konkreten Elementen. Während ihre Basis das Nachdenken über Normen auf Basis der Menschenrechte in Anerkennung der Wandelbarkeit von Begriffen ist, sind einmal gesetzte Normen unmittelbar. Sie wirken sich auf das Handeln und Denken von Menschen aus und dienen als Orientierung in der Welt.
Ziel dieses kurzen Textes war es, ein paar Grundüberlegungen zu einem neuen Nachdenken über eine Ethik anzustellen, die es ermöglicht, sich unversöhnlich gegenüberstehende Gruppen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Konkrete Fallbeispiele, detaillierte Begründungen der Notwendigkeit einer neuen Ethik und ihre Ausgestaltung, sind im Rahmen dieses Textes nicht möglich. Möge er anderen eine Inspiration für genau diese Überlegungen sein. 

06 Februar 2020

Essay: Wie Wandel gelingen kann. - Zwei Miniaturen.

Die 2010er-Jahre haben uns eine Reihe drängender Fragen hinterlassen. In zwei kurzen Miniaturen versuche ich zu zeigen, was uns dabei helfen kann, zu einem gelingenden Wandel beizutragen.

Wer in den letzten Wochen durch Magazine oder Zeitungen geblättert hat, auf Instagram oder Twitter aktiv war oder Websites quergelesen hat, wurde immer wieder mit groß angelegten Bilanzen der 2010er-Jahre konfrontiert. Der "Sound" vieler Artikel lag irgendwo zwischen Ernüchterung und Krisenmodus, zwischen sehr leisem Optimismus und lähmender Verzagtheit. Am Ende eines Jahrzehnts Bilanz ziehen, heißt auch aus der gegenwärtigen Gemütsverfassung der jeweiligen Autorin oder des jeweiligen Autors heraus abzurechnen. Die Bewertung der vergangenen Jahre erfolgt aus der "breiten Gegenwart" (Hans Ulrich Gumbrecht) heraus, oft beeinflusst durch Heuristiken wie den "availability bias", der uns eindrückliche Ereignisse wie Terroranschläge, Flugzeugabstürze oder ähnliches wahrscheinlicher erscheinen lässt, als sie es statistisch sind. Bewertungen der vergangenen Dekade sind also mindestens mit Vorsicht zu genießen - eine gewisse Distanz wird Ereignisse der 2010er-Jahre noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.  

Klar ist: Die 2010er-Jahre haben uns eine ganze Menge Fragen hinterlassen. Diese reichen vom Klimawandel und all seinen nachgelagerten Herausforderungen über die Digitalisierung, die neben Fragen der Privatsphäre auch Fragen nach Arbeitsplatzschaffung und -rationalisierung aufwirft, Migration und Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften sowie die Bedrohung konsolidierter Demokratien durch Populisten.
Es ist leicht angesichts der Herausforderungen, die die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden, zu verzagen. Ratsam ist es nicht. Eine der zentralen Aufgaben der 2020er-Jahre wird es sein, mit den teils überlebensgroßen Herausforderungen umgehen zu lernen. Zwei Dinge können uns hierbei in meinen Augen helfen:

(1) Die Wiederbelebung der Öffentlichkeit in Politik und Gesellschaft oder: Über Kompromisse.

Der Begriff Öffentlichkeit kennt eine ganze Reihe von Definitionen. Ex negativo umreißt er das Nicht-Private. Schon diese Definition und ihre Auslegung könnten Gegenstand eines langen Exkurses sein. Um diesen abzukürzen, erlaube ich mir an dieser Stelle eine Setzung: Ganz im Sinne Seyla Benhabibs möchte ich Öffentlichkeit im Raum des Politischen verorten. In meinen Augen entfaltet sich der Raum des Politischen zwischen dem Staat mit all seinen Institutionen und Amtsträgern und der Gesellschaft, die sich aus Individuen und ihren je eigenen Bezügen aufeinander zusammensetzt. Öffentlichkeit verweist auf den Aushandlungsprozess politischer Fragen zwischen Staat und Gesellschaft. Außerdem bildet sie das Forum für neue Ideen, die einer der vorgenannten Akteure in den politischen Raum einbringt.
Allerorten wird beklagt, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität derzeit viel zu oft getrennt voneinander zu sein scheinen. Ich denke, dass Staat und Gesellschaft schon immer in einer Art und Weise voneinander getrennt waren; sie sind nicht deckungsgleich. Zwar ist der Souverän in einer Demokratie das Volk, welches verfassungsgebend ist und von dem alle Staatsgewalt ausgeht (Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2). Jedoch ist damit meines Erachtens nicht gemeint, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität bzw. Wünsche Einzelner an den Staat von vornherein deckungsgleich sein müssen.
Von entscheidender Bedeutung ist hierbei der (politische) Aushandlungsprozess, die Suche nach Kompromissen. Gegenwärtig wird dieser Prozess kaum wertgeschätzt. - Eine mündige Bürgerin bzw. ein mündiger Bürger zu sein heißt, sich seiner je eigenen Verantwortung für politische Entscheidungen bewusst zu sein und diese - beharrlich und ohne den Einsatz von Drohungen oder physischer Gewalt - im öffentlichen Raum zu vertreten. Die Politik muss den Vorstellungen und Wünschen der Bürger Rechnung tragen, indem sie diese anhört, aufnimmt und in den politischen Prozess einfließen lässt.
Auch in einer repräsentativen Demokratie gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, seine Meinung in den Prozess der Aushandlung einzubringen oder - und vielleicht gar vor allem - selbst Verantwortung zu übernehmen. Wichtig dabei ist, dass das Vertreten seiner eigenen Interessen niemals nur Selbstzweck sein darf und nicht von egoistischen Motiven geleitet sein sollte. Eine liberale Gesellschaft anerkennt die Freiheit jedes Einzelnen, misst ihm daher aber auch Verantwortung für sein Handeln zu. Dieses Leitmotiv erkennt in dieser Verantwortung auch die Notwendigkeit an, andere in den eigenen Vorschlägen mitzudenken, sie einzubeziehen oder sich einer Gruppe anzuschließen, die für die eigenen Überzeugungen einsteht. Ebenso bedeutet Verantwortung aber auch, duldsam und tolerant gegenüber anderen Gesellschaftsentwürfen zu sein - so sie denn auf dem Boden unserer Verfassung stehen. Schlussendlich bedeutet sie auch, kompromissbereit zu sein. Denn ohne Kompromisse, werden Aushandlungsprozesse allzu schnell zu Schaukämpfen ohne Ergebnis.


(2) Das Prinzip Hoffnung oder: Die Rolle des Pragmatismus. 

Jüngst hat Jonathan Franzen mit seinem Essay "What if We Stopped Pretending?" (The New Yorker, 08. September 2019) ein auf den ersten Blick sehr düsteres Bild für die Zukunft gezeichnet. Er schreibt, es gäbe zwei Möglichkeiten über den Klimawandel und seine Folgen nachzudenken, wenn man sich um den Planeten sowie die Menschen und Tiere auf der Erde sorge. Entweder, man hoffe, dass die Katastrophe noch abwendbar sei und würde von der Tatenlosigkeit der Welt von Tag zu Tag frustrierter oder wütender, oder man akzeptiere, dass ein "Desaster" eintrete und begönne von Neuem darüber nachzudenken, was es heiße Hoffnung zu haben.
Wie so oft in unserer (in vielerlei Hinsicht) überhitzten Zeit der unausweichlich unmittelbaren Reaktionen, wurde Franzens Essay als Nackenschlag für all jene interpretiert, die sich gegen den Klimawandel stemmen oder auf die Straße gehen, um der Öffentlichkeit immer wieder die Notwendigkeit zu handeln vorzuhalten. Man warf Franzen vor ein Pessimist zu sein, ein Zyniker gar. Zynismus gibt der Essay jedoch nicht her - vor allem dann nicht, wenn man die Definition dieses Wortes noch einmal genau studiert. Im "Großen Wörterbuch der deutschen Sprache" findet man das Wort "zynisch" unter anderem definiert als "eine gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung zum Ausdruck bringend (...)". Wenn Franzens Essay eines nicht ist, dann menschenverachtend. Ganz im Gegenteil: Er ist getragen von einer humanistischen (auch kommunitaristischen) Grundhaltung, welche angesichts der dräuenden Katastrophe, die es zu akzeptieren gelte, die Bedeutung kleiner Schritte hervorhebt. In Franzens eigenen Worten klingt dies so: "Keep doing the right thing for the planet (...) but also keep trying to save what you love specifically - a community, an institution, a wild place, a species that's in trouble - and take heart in your small success".
Natürlich kann man Franzen Resignation vorwerfen; man kann der Meinung sein, dass seine Vorstellung davon, wie die Zukunft sich gestalten werde, zu düster sei. Jedoch erscheint diese Reaktion zu kurz gedacht - zu unmittelbar. - Denn welch produktive Gedanken beinhaltet Franzens Essay?
Wenn man seinen Text bloß überfliegt, kann man ihn als Entlastung lesen. Getreu dem Motto: "Wir können eh nichts tun, deshalb können wir uns der Katastrophe auch ergeben". Das genau sagt Franzen jedoch nicht. Er will, dass wir handeln - gemeinsam und jeder für sich. Er strukturiert jedoch unsere Erwartungen neu; er lässt uns eine neue Form des Pragmatischen erkennen. Wir können nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass wir das Unter-Zwei-Grad-Ziel (noch) erreichen werden, daher müssen wir einen neuen Umgang mit dem Klimawandel finden. Wir müssen uns ambitionierte, aber realistische Ziele setzen, den Fokus auf die Prävention vor Feuern und Fluten legen, Strategien zum Umgang mit vom Klimawandel bedrohten Staaten und Menschen finden sowie unsere Demokratien stärken, um zu verhindern, dass sie in Zeiten größten Drucks zusammenbrechen. All diese Punkte nennt Franzen - und er nennt sie zurecht. Was auf dem Spiel steht, was zu bewältigen wäre, ist immer noch gewaltig, aber es ist zweifelsohne leichter beispielsweise Vorkehrungen gegen massive Überschwemmungen zu treffen, als die weltweiten Emissionen auf Null zu senken. Noch einmal: All das entbindet uns nicht von der Verantwortung alle Anstrengungen für die Erreichung des Unter-Zwei-Grad-Zieles zu bündeln, aber es zeigt uns eine "second best option" auf, die uns immer noch in die Pflicht nimmt. Unmittelbarer sogar als es das erste Ziel tut. Ein Feld kann ich alleine bestellen und darauf für gute, ökologische Bedingungen sorgen - das kann ein Signal für andere sein, sich auch für eine bessere Landwirtschaft, ein nachhaltigeres Denken und Handeln einzusetzen.

Was diese beiden Miniaturen exemplarisch zeigen ist, dass die großen und zum Teil bedrohlichen Fragen unserer Zeit nicht gelöst werden können, wenn wir vor ihrer schieren Größe verzagen. Sie verlangen von uns, sie anders und neu zu stellen - sie darauf zu prüfen, ob sie uns vielleicht schon Wege vorgeben (ob alt und lange nicht mehr betreten oder neu und erst Stein für Stein gebaut) und sie weisen Kompromiss und Pragmatismus - zwei derzeit nicht sehr beliebten Kategorien des Politischen - eine entscheidende Rolle zu.
Wie sich unser Zusammenleben in Zukunft gestaltet, entscheidet sich in der Rolle, die wir der Öffentlichkeit beimessen und darin, wie wir lernen, scheinbar ausweglose Situationen so zu rahmen, dass unser Handeln die Hoffnung auf Veränderung erhält. 





09 November 2019

Essay: Konfrontation und Begegnung - Die Digitalisierung und wir. - Ein Plädoyer für mehr Differenzierung.

Viele Debatten unserer digitalen Gegenwart kranken an einer angemessenen Form der Differenzierung und bleiben so häufig Konfrontation. Die Dinge erscheinen uns somit entweder schwarz oder weiß. Die Ursache hierfür liegt in meinen Augen darin, dass es uns zumeist an der Fähigkeit zu moderieren fehlt.

Die Großstadt mit all ihren Verlockungen, all ihren Reizen, den dunklen Ecken, dem Lärm, dem Gestank, der Vielfalt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Quelle nicht enden wollender Inspiration, aber auch Überforderung für Lyriker unterschiedlicher Strömungen wie Erich Kästner oder Georg Heym. 

Das Internet der Gegenwart erinnert an dieses wilde Nebeneinander des Schönen und Schrecklichen, des Anrührenden und Abstoßenden. Allein, die Großstadt bot dem Einzelnen Räume sich zu verstecken. Er konnte sich in die nächste Kneipe flüchten, in seine Wohnung oder hinaus aufs Land. Das ist im Netz ohne weiteres nicht möglich. Sicher, man kann auf den breitgetretenen Pfaden der Nachrichtenportale wandeln, seinen Facebook-Freundeskreis auf jene beschränken, die einem auch im echten Leben lieb und teuer sind und doch ist da am Ende die permanente Konfrontation mit dem Anderen. Sei es eine kurz aufgeschnappte Schlagzeile, ein Kommentar unter einem Youtube-Video, ein von Freunden geteiltes Meme. Sozial ist das Internet in dem Sinne, dass es es den Einzelnen immer in Beziehung zu etwas oder jemand anderem setzt. Das Gesehene oder Gelesene ruft im Individuum zwangsläufig eine Reaktion hervor.
Natürlich kann ich als Einzelner mein Smartphone ins Nebenzimmer verbannen oder den Computer ausschalten; aber angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des wirklichen Lebens mittlerweile "in Bezug auf" das Netz stattfindet, ist das auf Dauer keine Option. Der permanente Konfrontationsmodus, in welchem wir durch das Internet streifen, überträgt sich in meinen Augen auf unsere Begegnungen in der Offline-Welt. 
An sich sind Begegnungen nach einer auch offline zwangsläufigen Konfrontation ("Da steht jemand" oder "Da hat mich jemand angesprochen") ein Abtasten: Mit den Augen, mit eingeübten Floskeln ("Wie geht es Ihnen?"), im Smalltalk. Das Internet verhält sich hier hingegen wie ein Monolith. Video, Bild oder Text, dem wir begegnen, steht für sich. Der Monolith erklärt sich nicht. Er ist einfach da. Je nachdem, zu was ich mich verhalten muss, sehe ich zunächst entweder bloß schwarz (Opposition) oder weiß (Zustimmung). Der nächste Schritt nach dieser Konfrontation wäre in der Offline-Welt jener Prozess des Abtastens, den ich oben benannt habe. Der ist im Netz jedoch kaum möglich: Die Logik des Internets gibt mir nur eine begrenzte Anzahl an Optionen zu reagieren: Ignorieren, kommentieren, teilen, melden. Das macht unser digitales Zusammenleben weniger differenziert als es bei einer realen Begegnung sein kann. 

Da wir alle - egal ob "digital natives" oder "silver surfer" - noch kaum Erfahrung mit dem Netz als Begegnungsraum haben, sind wir an sich permanent überfordert. Von Hass und Hetze, von Meme um Meme, von der Bilder- und Nachrichtenflut. Unsere Fähigkeit zu differenzieren scheint mir durch die permanente kognitive und emotionale Überforderung auf der Strecke zu bleiben. 
Die Digitalisierung und das Netzrauschen verlangen von allen Menschen nicht nur die Fähigkeit ihre Meinung zu äußern, sondern auch die Fähigkeit Gesagtes oder Geschriebenes zu moderieren. Wir müssen mit anderen Aussagen und Meinungen auf unsere Aussagen viel ungefilterter umgehen als in der prä-digitalen Zeit.
Zum Moderieren gehört die Fähigkeit zur Differenzierung. Wenn diese jedoch - wie oben dargelegt - permanent durch Konfrontation unterbunden wird, fördert dies unser Bedürfnis uns gegen das Geschriebene oder Gesagte zu verteidigen. So wogt im Netz nach meiner Empfindung vor allem deshalb so viel Negativität auf und nieder, weil Menschen permanent daran scheitern Debatten zu moderieren und sich in einer Art Dauerverteidigung befinden.

Wenn wir das Netz als Medium der Debatte nutzen wollen, als Instrument der Demokratisierung, welches es zumindest in Teilen zweifelsohne sein könnte, so müssen wir zunächst in der Offline-Welt lernen Gespräche zu moderieren. Umgekehrt - so ist derzeit zu beobachten - hält die mangelnde Differenzierung der "Netzgespräche" auf teils erschreckende Weise Einzug in unseren Alltag. 




05 Oktober 2019

Essay: Populismus, Legitimität und der Nationalstaat.

Kaum ein Begriff wird gegenwärtig so hitzig debattiert wie der des Populismus. Er ist Ausdruck einer Re-Politisierung des öffentlichen Lebens. Allein, seine Antworten sind unzureichend, gestrig und allzu oft anti-demokratisch. Wer Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Zeit - den menschengemachten Klimawandel, Weltarmut oder inter- und intranationale Ungleichheit - geben will, muss einen Blick über den Nationalstaat hinauswerfen. - Die hier entwickelten Gedanken nehmen zum Teil Bezug auf meine Masterarbeit "How Populism Can Contribute to Forming a World State - A Cosmopolitan Argument", die ich am 04. Oktober 2019 an der Universität Witten/Herdecke eingereicht habe.

Unsere Gegenwart ist, wer würde dies bestreiten wollen, höchst politisch. Wir erleben Grabenkämpfe zwischen der politischen Linken und der politischen Rechten, zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten, zwischen den Generationen. Die Themen sind mannigfaltig, die Gemüter erhitzt. 
Gerade in der Art und Weise wie Argumente ausgetauscht werden zeigt sich, dass wir uns an einem kritischen Punkt befinden. Offenheit und Dialogbereitschaft werden als Werte der Stunde gehandelt - wirklich danach handeln, scheinen die meisten jedoch eher in einem behüteten, vertrauten Umfeld. Vor allem in digitalen Sphären regieren Zuspitzung und Konfrontation. 

Dieser Umstand macht es nahezu unmöglich sich dem Mahlstrom der Stellvertreter-Debatten zu entziehen. Zu oft sind empörenswerte Äußerungen, Einzelbeobachtungen oder Trump-Tweets Gegenstand eines Reigens an Gegenreden, Artikeln oder Kurznachrichten. Das "große Ganze" gerät dabei allzu oft aus dem Blick. Damit ist nicht gemeint, dass Einzelfälle nicht zu diskutieren seien, dass sie zu vernachlässigen oder zu ignorieren seien; vielmehr soll damit darauf hingewiesen werden, dass diese Debatten allzu selten zum Kern des jeweils verhandelten Gegenstandes vordringen und vor-politisch sind.
Im Zusammenhang mit Forschungsprogrammen hat Imre Lakatos einmal von einem "harten Kern" und einer Reihe von Hilfsannahmen gesprochen, die wie ein Schutzgürtel um eine Ansammlung von Theorien liegen, die das Innere des Forschungsprogrammes ausmachen. Wenn wir das Programm prüfen, so werden zunächst die Hilfsannahmen desselben widerlegt (die im Anschluss durch neue Hilfsannahmen ersetzt werden können); nicht aber der Kern des Programms. Ob ein Programm schlussendlich für "progressiv" (und damit für gute Wissenschaft) oder "degenerativ" (und damit für schlechte Wissenschaft) befunden wird, lässt sich dadurch feststellen, ob es neue Fakten oder Vorhersagen ermöglicht. 

In Bezug auf den Gegenstand dieses Essays ist dieser Gedanke in zweierlei Hinsicht produktiv: Zunächst macht er deutlich, dass Stellvertreter-Debatten notwendigerweise zur Erörterung eines bestimmten Gegenstandes gehören, zum anderen zeigt er aber auch, dass wir an diesem Punkte nicht aufhören können - was wir gegenwärtig allzu oft tun. 
Ob eine Debatte uns gesellschaftlich voranbringt, lässt sich nur feststellen, indem wir zu ihrem Kern vordringen und prüfen, ob sie neue Erkenntnisse und damit politische Handlungen hervorbringt. - Folgende Einschränkung sei hier angemerkt: Natürlich unterscheiden sich wissenschaftliche Forschungsprogramme von gesellschaftlichen Debatten. Der von mir gezogene Vergleich trifft also mit Sicherheit nur cum grano salis

Dies vorausgeschickt, wage ich folgende These: Populismus ist nicht vordringlich eine Reaktion auf die unbefriedigenden Lebensumstände bestimmter Bevölkerungsgruppen; er ist auch nicht nur Ausdruck von Unsicherheit und Entwurzelung in Zeiten der Globalisierung mit all ihren Folgen. Populismus ist in meinen Augen vor allem Ausdruck eines unzureichenden Legitimitätsbegriffs unserer Gegenwart. Legitimität verstehe ich nach Joseph Raz als "Rechtfertigung von politischer Autorität". 

Demokratische Politikerinnen und Politiker stehen heute vor der Herausforderung, Gesetze, Regeln oder Absprachen, die auf internationaler und supranationaler Ebene getroffen wurden, in ihren jeweiligen Nationalstaaten zu rechtfertigen. Dadurch, dass internationale und supranationale Institutionen jedoch nicht ausreichend legitimiert sind, die Ausübung ihrer Autorität also nicht immer vollständig zu rechtfertigen ist, entsteht eine Spannung zwischen dem Souverän, also den Bürgerinnen und Bürgern und denjenigen, die in ihrem Sinne handeln sollen. 
Dieser Spannung bedienen sich Populisten: Sie behaupten, dass Politiker den "Willen des Volkes" (den sie als uniform ansehen) nicht ausreichend repräsentieren würden und nur einer kleinen "Elite" (wie auch immer sie geartet sein möge) dienstbar seien. So lässt sich leicht eine "Wir gegen die"-Situation schaffen, die Populisten kreieren, um sich selbst als die wahren "Vertreter des Volkes" zu inszenieren. Boris Johnson oder Donald Trump tun dies, indem sie sich (oft recht erfolgreich) über gefestigte Institutionen hinwegsetzen und an ihnen "vorbeiregieren". Auf internationaler Ebene steigen sie so aus Verträgen aus (die USA z.B. aus dem INF-Vertrag oder dem Pariser Klimaabkommen), auf nationaler Ebene setzen sie - wenn nötig - das Parlament aus (wie Johnson im Vereinigten Königreich).

Es ist ein Trugschluss demoraktischer Politikerinnen und Politiker den Blick nun wieder verstärkt nach innen zu wenden, vor den Folgen einer zu schnellen europäischen Integration zu warnen oder nationale Interessen wieder stärker in den Mittelpunkt ihres Tuns zu rücken. 
Da das Legitimitätsdefizit auf internationaler und supranationaler Ebene entstanden ist, muss an dieser Stelle dafür gesorgt werden, dass sich diese erhöht. Meiner Meinung nach kann dies nur funktionieren, wenn wir auf Basis des existierenden UN-Systems Reformen anstreben, die auf den Prinzipien der Partizipation (durch zunehmende Bürgerbeteiligung z.B. durch Wahl eines Weltparlamentes), Stabilität (in Form einer globalen Verfassung) und zugleich Flexibilität (erreicht durch dynamische Gesetzgebung in Form von ständiger Re-Evaluierung der bestehenden Gesetze) sowie Subsidiarität beruhen. 

Stellvertreter-Debatten können uns einen Hinweis darauf geben, wo genau die Politik ansetzen kann; sie dürfen allerdings nicht - wie gegenwärtig - den Blick auf das wahre Problem der global zu denkenden Politik im 21. Jahrhundert verstellen. 




29 Mai 2019

"Für Intellektuelle sollte Wandel kein Grund zum Klagen sein". - Ijoma Mangold im Interview.

Ich treffe Ijoma Mangold, Kulturkorrespondent im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT, Anfang April 2019 in seinem Berliner Büro. Gerade arbeitet er an einem Interview mit Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit", daher klingelt ab und zu das Telefon. Ijoma Mangold erledigt die Anrufe, tippt ein, zwei Änderungen in seinen Computer und nimmt anschließend unser Gespräch mühelos dort wieder auf, wo es durch das Klingeln unterbrochen wurde. - Wir sprechen über seine Lebensgeschichte, die er in seinem fabelhaften Buch "Das deutsche Krokodil" aufgeschrieben hat, die Rolle von Intellektuellen in bewegten Zeiten, die einmalige Kombination aus Lesen und Googeln sowie die Frage, ob es heute (noch) einen Bildungskanon braucht. Es ist das bisher ausführlichste Gespräch auf diesem Blog.  


Tobias Lentzler: Lieber Herr Mangold, Sie gelten als einer der bedeutenden deutschen Intellektuellen. Mich würde interessieren, wie Sie persönlich diese Rolle begreifen. Damit meine ich nicht nur die Rolle des Intellektuellen allgemein, sondern vor allem auch Ihre eigene. Haben Sie ein Problem mit dieser Zuschreibung?


Ijoma Mangold: Ich gehöre zu einer Generation, geboren 1971, die mit einem sehr überhöhten Begriff des Intellektuellen als moralische Instanz aufgewachsen ist. Gerade als junger Mensch hat man für hohle Begriffe ein sehr genaues Ohr – und der Begriff des Intellektuellen war in jener Zeit ein solcher. Es war also klar: So etwas will man lieber nie sein, ein Intellektueller. Nun fiel die Hochkonjunktur dieses Begriffes aber irgendwann komplett in sich zusammen. Vielleicht war das auch verknüpft mit einem Medienwandel. In den Neunzigerjahren hatte die Fernseh-Talkshow die Zeitung als politisches Leitmedium abgelöst. Plötzlich verschwand also die große Bühne für die Intellektuellen. Die meisten haben den Schritt ins Fernsehen nämlich nicht geschafft. Ein Walter Jens schrieb noch in der „ZEIT“, und selbst wenn er ein paar Mal im Fernsehen war, vielleicht in „Talk im Turm“ bei Erich Böhme, es kommt mir gerade so vor, so war das Personal der Talkshows insgesamt doch ein völlig anderes.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass der Begriff des Intellektuellen einen gewissen Wertverfall hingenommen hatte. Für mich wurde er somit wieder attraktiv. Man konnte ihn wieder verwenden, weil er mit seiner gesellschaftlichen Relevanz eben auch seine Prätention verloren hatte. Und da Sie gefragt haben: Ich persönlich finde es heute gar nicht schlecht, mich so zu nennen. Natürlich sollte das dann nicht verblasen klingen. In meiner Vorstellung ist es Aufgabe des Intellektuellen, gesellschaftliche Probleme auf eine möglichst überraschende Art sichtbar zu machen und sie zu analysieren. Damit ist allerdings keine moralische Privilegierung gemeint! Ich glaube nicht, dass Intellektuelle einen direkteren Zugang zur politischen Wahrheit haben. Ebenso scheint mir entscheidend, nicht zu allem etwas sagen zu müssen. Sonst besteht die Gefahr, nur in Plattitüden zu verharren. Umgekehrt darf es aber auch nicht nur Experten überlassen sein, die Welt zu erklären. 
Idealerweise langweilt sich der Intellektuelle – der auch immer ein bisschen ein Snob sein sollte – schnell, wenn er zu oft dasselbe sagt, und ist dadurch gezwungen, um nicht über seine eigenen Redundanzen einzuschlafen, in eine neue, eine überraschende Richtung zu denken. 


Tobias Lentzler: Gibt es für Sie derzeit solche Intellektuellen? Personen, die aufregende Gedanken aufbringen und in die Öffentlichkeit tragen? 


Ijoma Mangold: Auf jeden Fall! Viele von denen kommen aus der Akademie. Natürlich gibt es unendlich viele öde Professoren, aber ich denke – wenn ich das mal nestbeschmutzerisch sagen darf – dass es mehr Intellektuelle in der Wissenschaft gibt als im Journalismus. Jetzt studieren Sie in Witten/Herdecke: Selbstverständlich würde ich Dirk Baecker für ein Musterbeispiel eines aufregenden Denkers halten. Sein Denken schafft einen anderen Blick auf die Welt. Das liegt daran, dass seine Terminologie deutlich abstrakter ist, als wir es uns im Journalismus leisten könnten. Der politische Leitartikel ist wichtig, aber vielleicht klebt dessen Analyse manchmal noch zu nah an den Phänomenen. Als Student habe ich das bei Luhmann gelernt: Man muss die Abstraktionsgrade erhöhen, um zu überraschenden Einsichten zu kommen. Die Dinge werden dann überhaupt erst greifbar. – Ich könnte nun eine Menge Persönlichkeiten aufzählen, die mich interessieren und eine solche Fähigkeit zum aufregenden Denken besitzen: Staatsrechtler wie Christoph Möllers, zum Beispiel. Mit Begeisterung lese ich gerade Essays von Dan Diner, der die interessante These verfolgt, dass viele Phänomene, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, im Kalten Krieg eingefroren waren. In seinen Augen schließen wir jetzt quasi an die Zwanzigerjahre an. 


Tobias Lentzler: Kommen wir zu Ihrem Buch „Das deutsche Krokodil“. Es ist ja, so kann man wohl sagen, in eine politisch aufgeraute Zeit hineingeschrieben worden. Die liberale Gesellschaft scheint an vielen Stellen auf dem Rückzug, Rassismen treten wieder sehr offen zutage. Letzteres beschreiben Sie in Ihrem Buch, als Sie über die Reaktionen auf Ihren vernichtenden Verriss eines Machwerks von Akif Pirinçci berichten. Mir ist bei diesen Reaktionen offen gestanden schlecht geworden. – Wie betrachten Sie im Lichte unserer Gegenwart und dieser Reaktionen Ihre eigene Kindheit und Jugend? Denn ein Buch, wie Sie es mit dem „Deutschen Krokodil“ vorgelegt haben, entsteht ja möglicherweise auch unter dem Eindruck einer Veränderung. 


Ijoma Mangold: Auf Kuba nannte man die Neunzigerjahre Período especial, weil Castro in dieser Zeit eine leichte marktwirtschaftliche Öffnung zuließ. Im Rückblick mag mir mein Aufwachsen in der alten Bundesrepublik auch als eine período especial erscheinen. Der Schrecken über die Gräueltaten und Verbrechen der Nationalsozialisten, der gnadenlos betriebene Rassismus, der dort zu Politik wurde, steckte den Menschen so tief in den Knochen, dass dies zu einer gewissen Affekthemmung führte. Für einen kurzen Zeitraum wurde Rassismus historisch gebändigt. Meine Generation ist mit dieser vermeintlichen Gewissheit aufgewachsen und war überzeugt, dass es ja auch gar nicht anders sein könne. Gegenwärtig lernen wir: Oh doch – das kann es sehr wohl! Die Gewissheit war trügerisch.   Wir wuchsen mit der Vorstellung auf, dass die Geschichte eine klare Richtung eingeschlagen hatte. Eine Geschichte der Universalisierung, der Liberalisierung, der fortschreitenden Emanzipation, des Zurücktretens nationaler Grenzen und so weiter. Über Francis Fukuyama haben sich viele interessanterweise immer lustig gemacht, als er das „Ende der Geschichte“ verkündete. Dabei waren die meisten selbst genauso drauf. Denn was heißt es denn, überzeugt davon zu sein, die Geschichte kenne nunmehr bloß noch eine Richtung? Das ist nichts anderes als ein „Ende der Geschichte“.   Mich hat die Entwicklung der letzten fünf, sechs Jahre auch sehr kalt erwischt. Im Rückblick finde ich es natürlich absurd, dass man je davon überzeugt war, die Geschichte komme an ihr Ende. – Warum sollte plötzlich nichts mehr kommen? Nichts ist ewig. Reiche werden aufgebaut und fallen ein, Systeme stürzen oder werden überwunden. Und es ist nicht immer nur das Bessere des Guten Feind.     
Ich bin nicht so vermessen, mir anzumaßen, beurteilen zu können, ob die Dinge in fünfundzwanzig Jahren schlimmer sein werden als heute, nur weil sie anders sind, als wir sie uns vor zehn Jahren ausgemalt haben. – Ich versuche mir selbst Mut zuzusprechen und mir zu sagen: Erfreue Dich an dem ganzen Wandel. Wie langweilig wäre es, wenn alles absehbar wäre. Für Intellektuelle sollte Wandel kein Grund zum Klagen sein, sondern genau das, was man sich wünscht, weil sie dann beweisen können, was sie drauf haben. Unübersichtlichkeit macht es lohnend, noch einmal neu und offen auf alles zu schauen. 


Tobias Lentzler: Gerade der letzte Aspekt Ihrer Antwort führt mich zu einer Frage, die wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit selbst. Es ist die Frage, wie man das Staunen, welches Sie in der Freude am Wandel anklingen lassen, Heranwachsenden mitgibt. In meinen Augen ist das eng mit Bildung verknüpft. Denn nur, wenn man gebildet ist, stellen sich einem ja immer wieder von neuem Fragen. Ein solches Erlebnis beschreiben Sie in „Das deutsche Krokodil“ bei Ihrer ersten Lektüre von Joyce‘ „Ulysses“. Sie fühlen sich verloren in dem Werk wie in einem Hochgebirge – bis irgendwann eine Hütte zum Rasten kommt. Das sind die Passagen, die Ihnen zugänglich sind. Wie würden Sie jungen Menschen Bildung vermitteln oder besser: Begeisterung für das Gebildet-Sein? 


Ijoma Mangold: Was heißt Bildung? Es heißt den Ausschnitt dessen, was ich von der Welt wahrnehme, zu erweitern. Das tun wir durch das Lesen, aber auch dadurch, dass wir anderen Menschen sehr nahekommen. Seit dem 18. Jahrhundert ist der klassische Weg der Welterschließung natürlich das Reisen. Entscheidend scheint mir, Distanz hineinzubringen. Wir dürfen nie identisch mit uns selber sein und nie mit der Welt, die uns umgibt. Erst wenn wir Distanz zu der Gesellschaft einnehmen, in welcher wir leben, können wir sie betrachten wie ein Ethnologe, der einen eingeborenen Stamm im Amazonas beobachtet. So stellen wir fest, worin sie komisch, lächerlich oder auch liebenswert erscheinen mag.           
Zu erklären, was an Bildung so aufregend ist, erübrigt sich für denjenigen, der sich je in ein Buch vertieft hat. Ich kann nicht erklären, warum eine Rose schön ist. Sie ist schön. Das ist sie nicht um eines anderen Zweckes willen. Sie ist es für sich. Wenn man an der Welt und ihren Gegenständen interessiert ist, wird man immer wieder von neuem neugierig sein.


Tobias Lentzler: Der Distanzgedanke erscheint mir dahingehend sehr interessant, als er ein weites Feld öffnet, welches ich aufmachen wollte. Ich meine das der Digitalisierung. Die Möglichkeit an Wissen zu kommen war noch nie so unmittelbar. Wie – falls überhaupt – verändert das unsere Art, zu denken oder Dinge zu verstehen? 


Ijoma Mangold:  Für mich ist die Kombination aus Lesen und googeln einmalig! Man liegt daheim in seinem Bett und kann alles nachschauen, was in einem Buch als Referenz angegeben wird oder was man für eine solche hält. Gerade für Bücher, die historische Ereignisse verarbeiten, ist es toll, sich einfach noch einmal in den Kontext des jeweiligen Werkes einzulesen. Das ist wie „Stereolesen“. Ich finde das sehr fruchtbar. 


Tobias Lentzler: Ich habe das Gefühl, dass diese Art zu lesen und zu denken eine neue Form des Intellektuellen begründen könnte. Natürlich springt man – Stichwort „Hyperlink-Kultur“ – sehr häufig hin und her; jedoch ist das auch produktiv, wenn man diese Gedanken einem reichen Nährboden zuführen kann. 


Ijoma Mangold: Die Hyperlink-Kultur ist eigentlich schon immer ein Sehnsuchtsort der Literatur gewesen. Es gab schon immer eine Poetologie der Abschweifung, die genau das wollte. Denken Sie an Lawrence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“. Die Abschweifung, der Exkurs, das vom Steinchen aufs Stöckchen Kommen, ist eigentlich eine alte Vorstellung. Es gibt die enzyklopädische, nach Wissensgebieten sortierte Welt und dann gibt es das, was Sie eben als „Hyperlink-Kultur“ bezeichnet haben. In dieser Struktur wird das Unverwandte, das Nicht-Ähnliche miteinander verknüpft. Für die Literatur war das schon immer ein spannendes Erzählprinzip. Dass diese Poetologie der Abschweifung jetzt so leicht umzusetzen ist, ist an sich schon aufregend. 

Nach dem Tod meiner Mutter habe ich aus Anhänglichkeit manche ihrer Bücher in meine Bibliothek übernommen. Erst jetzt fällt mir auf, dass auch dort schon der Wunsch nach Verlinkung bestand. Diese herzustellen wurde mit einem – aus heutiger Sicht sehr anrührenden – Sammeln von herausgeschnittenen Zeitungsartikeln versucht, die in ein thematisch verwandtes Buch reingelegt wurden. 


Tobias Lentzler: Noch einmal zurück zu unserer politisch aufgewühlten Gegenwart. In meinen Augen scheint diese durch ein hohes Erregungspotenzial charakterisierbar zu sein. Politik und Kultur waren ja schon immer miteinander verquickt. In ihrem Buch beschreiben Sie, wie kritisch Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ in Essaysammlungen auseinandergenommen wurde oder wie schwierig die Rolle Richard Wagners wenige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer war. Mir scheint sich gegenwärtig – auch im Lichte sich wandelnder Normen – einmal mehr die Kunst/Künstler-Frage zu stellen. Es gab Debatten um Eugen Gomringers „avenidas“ an der Alice-Salomon-Hochschule, die Frage, ob man Balthus noch ausstellen dürfe. Wo liegen für Sie die Grenzen einer solchen Debatte?


Ijoma Mangold: Wir reden neuerdings nur noch über die Sensibilität, die von einem Menschen gegenüber einem anderen verlangt wird. Das Schlimmste, was man jemand anderem unterstellen kann, ist somit, dass er keine Empathie habe. Allein schon diese Aussage spricht nach meiner Auffassung von einer maßlosen Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung des eigenen moralischen Standpunktes. Mir schlackern da die Ohren. – Wir leben in einer sehr gouvernantenhaften Zeit. Ich komme mir vor wie im tiefsten viktorianischen 19. Jahrhundert, als die Kirche über die einwandfreie Lebensführung eines jeden Einzelnen wachte. Viele Teile der Gesellschaft scheinen das heute wieder aufgreifen zu wollen. Alle sollen so leben, wie es moralisch einwandfrei ist. Dafür gibt es klare Instanzen, die darüber wachen und abwägen, wo man sich sensibel/unsensibel verhalten hat. Das alles finde ich grauenvoll. 


Tobias Lentzler: Wie gehen Sie denn damit um? 


Ijoma Mangold: Ich finde all diese Fragen – soll bzw. muss man gendern, darf man bestimmte Kunstwerke noch ausstellen und dergleichen mehr – überhaupt nicht degoutant. Im Gegenteil. Sie sind wichtig und auch bereichernd, denn sie bringen ja einen Diskurs voran. Aber ich kann nicht ganz daran glauben, dass die Geschichte in Richtung einer eschatologischen Erlösung unterwegs ist. Ich halte sie für ein dynamisches Chaos. Somit ist für mich das Gendersternchen auch keine letztgültige Erlösung. Aber darüber zu diskutieren kann sehr fruchtbar sein.            
Ich selber finde es absurd, wenn die Sprache die Rolle einer Gesamtrepräsentanz identitätspolitischer Kollektive dieser Gesellschaft erfüllen soll. Das läuft meiner Vorstellung des anarchischen Potenzials von Sprache zuwider. Allerdings gehört es selbstverständlich zur Wahrheit, dass viele Minderheitengruppen über Jahrhunderte hin extrem schlecht abgeschnitten haben. Auch in der Gegenwart ist das in vielen institutionellen Formen noch zu greifen. Das darf infrage gestellt und angegriffen werden – keine Frage! Ich bedaure jedoch, dass es derzeit kein offenes, wildes Nachdenken über diese Fragen gibt, sondern eine ziemlich rigide Moral, die am Ende immer auf identitätspolitische Kollektive abzielt.     Das Individuum in seiner universellen Freiheit und unsere Rolle als Bürger drohen unterzugehen, weil wir nur noch als Repräsentanten identitätspolitischer Fraktionen, die immer kleinteiliger werden, über uns sprechen und über alles das Opfernarrativ legen.  

Tobias Lentzler: Sehen Sie in dieser Hinsicht auch eine gewisse Verzagtheit in Bezug auf den journalistischen Berufsstand? Der vor allem aus rechtspopulistischer Ecke formulierte Vorwurf, es gäbe ein „linkes Meinungsdiktat“ ist ja sehr präsent in gegenwärtigen Debatten. Hier wird ja – wenn auch in sehr plumper Weise – auf diesen eben von Ihnen beschriebenen, moralisierenden Ton abgehoben. Ich habe große Probleme mit dieser Zuschreibung von rechter Seite, aber mich interessiert, wie Sie und Ihre Kollegen mit diesen Anwürfen umgehen. 


Ijoma Mangold: Ein linksliberales Diktat gibt es ganz sicher nicht. Was es selbstverständlich gibt, sind Selbstdynamiken. Das ist unvermeidlich. Die gibt es im Übrigen aber mittlerweile auch ganz stark von rechts. Auf rechten Blogs oder Plattformen herrscht in gewisser Weise Gleichschaltung. In diesem Fall erlaube ich mir dieses Wort einmal. In sehr kurzer Zeit haben die Rechten ihr eigenes Vokabular aufgebaut und wiederholen es – wie der Kuckuck in der Kuckucksuhr seinen Schrei zu jeder vollen Stunde. Da herrscht ein sehr stark formatierter Meinungskorridor. Ich glaube, die Rechten halten sich manchmal noch für Anarchisten, sind aber längst rechte Konformisten geworden. Die Rechten machen ja alles den Linken nach, jetzt auch noch deren Konformismus.      
Prozesse der Herdenbildung an sich sind unvermeidlich. Die gibt es im Journalismus deshalb so stark, weil es dort besonders auffällig ist. Als Ingenieur fiele es Ihnen möglicherweise nicht ganz so sehr auf, dass sie ganz genauso denken wie ihr Milieu, weil Sie sich nicht so oft äußern. Journalisten sind in der unglücklichen Rolle, jeden Tag die Welt erklären zu müssen. Im Rückblick fällt also deutlicher auf, wie herdenmäßig sie das manchmal tun.          
Zeitungen sind deshalb gut beraten auch innerhalb ihrer Redaktionen kontrapunktisch zu sein. Natürlich verlangt das manchmal Mut und Rückgrat und Durchhaltevermögen. – Ich habe das Gefühl, dass vor 15 Jahren in der Mitte so viel möglich war; dieser Platz schrumpft. Deshalb ist an den Rändern, den Extremen so viel los. Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass man – wenn man alles sagt – heute sehr leicht ganz links oder ganz rechts eingeordnet wird. Vor 15 Jahren war man damit vielleicht noch in der Mitte. 


Tobias Lentzler: Vor kurzem hat Ihr Chefredakteur, Giovanni di Lorenzo, in einem Gespräch mit Klaus von Dohnanyi bei Markus Lanz genau diesen Aspekt aufgegriffen. Er sagte, die Mitte sei eigentlich viel zu leise, die Ränder zu laut. In diesem Zusammenhang vielleicht noch einmal eine Frage, die Aspekte der Bildung und der Kultur aufgreift. Gibt es Ihrer Meinung nach Kulturgüter – Romane, Musik –, die eine einigende Wirkung haben könnten? 


Ijoma Mangold: Ich bin zu sehr von Luhmann geprägt, als dass ich von der Einheit her denken würde. Ich möchte die Gesellschaft nicht als Gemeinschaft haben. Gesellschaften sollten meines Erachtens nach nicht in einem gefühlsmäßigen Sinne zu stark zusammengehalten werden. Ich finde Traditionen herrlich, aber ich möchte andere nicht darauf einschwören, sich zu diesen Traditionen zu bekennen. Wir sind ein Staatswesen von Bürgern. Selbstverständlich gibt es da eine Leitkultur im Sinne der Verfassung und in gewisser Weise bestimmt auch im Sinne unserer sprachlichen und kulturellen Herkunft, aber alles, was darüber hinaus geht, wäre mir an Wärme der Gemeinschaft zu viel. Helmuth Plessner spricht von den „Grenzen der Gemeinschaft“. Eine Distanzkultur ist für das Überleben des Individuums immer sehr wichtig, finde ich.        
Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, den Menschen einen Roman aufzudrängen, den alle lesen sollen, weil sie Teil desselben Überlieferungszusammenhanges sind. Schon Goethe konnte man nicht ernsthaft als einigendes Element der Nation verstehen. Mit ihm ließ sich kein nationaler Staat machen. Dafür war er viel zu anti-nationalistisch, viel zu Napoleon-freundlich, zu kosmopolitisch in seinen Interessen. Gleichzeitig war er in seinen politischen Tätigkeiten der Kleinstaaterei verpflichtet.   
Trotzdem ist es natürlich schön, wenn andere ähnliche Bücher lesen wie man selber, damit man sich auf sie beziehen kann, um zu streiten. In dem Sinne würde ich die Idee eines Bildungskanons immer verteidigen. Es führt einfach zu mehr gesellschaftlichem Gespräch, wenn jeder ähnliche Bücher liest, als wenn jeder etwas anderes auf dem Nachttisch liegen hat. 


Tobias Lentzler: Das verstehe ich als defensive Verteidigung des Kanons. Zu Beginn unseres Gespräches hatte ich fast den Eindruck Sie sprächen sich vielleicht sogar dagegen aus. 


Ijoma Mangold: In Wahrheit glaube ich deutlich fester an einen Kanon, als ich das bisher zum Ausdruck gebracht habe. Ich glaube an Meisterwerke. Das tut man heute eigentlich nicht mehr, aber in meinen Augen gibt es eine ästhetische Meisterschaft. Das geht ein bisschen in die Richtung von Harold Blooms „Western Canon“. 


Tobias Lentzler: Sie haben bei Barbara Bleisch im Schweizer Fernsehen und auf anrührende Weise in Ihrem Buch vom Tode Ihrer Mutter erzählt. Im Zentrum dieser Geschichte steht die Rezitation der Gedichte von Storm und Fontane. Fontane kommt mit seinem „Herrn von Ribbeck“ auch noch an anderer Stelle vor. Mir kam er vor wie einer Ihrer Hausheiligen, wenn ich das so sagen darf. Welche Autoren wünschten Sie sich auf eine einsame Insel? 


Ijoma Mangold: Zunächst zu Fontane. Ich habe anlässlich seines 200. Geburtstages noch einmal über ihn nachgedacht und festgestellt, dass er für mich eine überraschend große Rolle spielt; auch wenn er weltliterarisch kein absoluter Achttausender ist. Auf die einsame Insel würde ich daher selbstverständlich eher Tolstois „Krieg und Frieden“ mitnehmen als Fontanes „Schach von Wuthenow“.
Trotzdem hat Fontane für mich eine besondere Rolle gespielt, weil er in meiner Jugend eine Welt aufrief, die zum einen bereits lange untergegangen war, zum anderen aber auch nicht zugänglich war. Sie lag hinter dem „Eisernen Vorhang“. Als die Mauer fiel, war da für mich und auch meine Mutter plötzlich wieder die Möglichkeit, in Fontane-Landschaften zu reisen. Wanderungen durch den märkischen Sand erschlossen uns einen lange im Dornröschen Schlaf liegenden historischen Hallraum. Ich habe eine starke Pietät an alles, was untergegangen ist. Das ist nicht nur ein sentimentaler, konservativer Impuls, es ist auch ein damit verbundenes historisches Interesse. Die Welt des märkischen Adels, die gibt es nicht mehr. Und natürlich weine ich ihr nicht nach. Aber in Verbindung bleiben möchte ich doch mit ihr, denn ich glaube, dass all das, was es plötzlich nicht mehr gibt,  immer noch nachwirkt. Wir sollten uns nicht täuschen: Vermutlich sind wir stärker davon geprägt, als wir es uns vorstellen können. Fontane war als 1848er Revolutionär und zugleich als „Dichter der Mark“ selbst immer hin- und hergerissen zwischen Revolution und Reaktion. Diese Zerrissenheit, diese Ambivalenz interessiert mich.
Auf die einsame Insel hingegen würde ich schon aus ökonomischen Gründen andere Meisterwerke mitnehmen. An erster Stelle natürlich Prousts umfängliche „Recherche“. Kafkas „Parabel vor dem Gesetz“ ist natürlich brillant. Aber wenn Sie den Rest Ihres Lebens auf einer einsamen Insel verbringen müssen, ist diese halbe Seite vielleicht doch nicht genug. Es sei denn, Sie entwickelten auf der Insel eine neue talmudische Tradition und legten Kafkas Parabel immer wieder neu aus. Aus Freude an der Sprache würde ich auch Nabokov mit auf die Insel nehmen. Keiner vermag so wunderbar mit der Sprache zu spielen. Aufgrund meiner Anhänglichkeit an die antike Welt würde ich auch Vergils „Aeneis“ einpacken. Das Zusammenspiel aus Staatsgründung und Literatur ist hochinteressant und poetisch produktiv. 


Tobias Lentzler: Lieber Herr Mangold, vielen Dank für das Gespräch.

14 März 2019

Essay: Wie die Schülerstreiks für den Klimaschutz der Demokratie helfen

Wie jüngst bekannt wurde, ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die seit Mitte 2018 jeden Freitag für das Klima streikt, für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Diese ist nur eine von vielen Nachrichten, die weltweit rezipiert werden. Der eigentliche Zweck ihrer Protestaktion, der Schutz des Klimas, droht in den Hintergrund zu geraten - auch und gerade wegen der teils doch sehr rückständig ausgetragenen Diskussion darüber, ob Schüler den Unterricht schwänzen dürfen oder nicht. Dies ist der Versuch der abgeschmackten Debatte ein produktives Leitbild entgegenzustellen.

Vielleicht ist Greta Thunberg derzeit der berühmteste Teenager der Welt. Weltweit füllen Nachrichten über sie Zeitungen, Nachrichtenportale und Twitter-Feeds wichtiger Politikerinnen und Politiker. 
Seit Mitte 2018 streikt sie jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament in Stockholm; und mit ihr streiken mittlerweile viele Tausend Schülerinnen und Schüler (und auch Studierende) auf der ganzen Welt. Die so genannten "Fridays for Future", die von Thunberg inspiriert sind und das Ziel haben Politiker zum Handeln in Sachen Klimaschutz zu bewegen, ziehen mittlerweile allein in Deutschland etwa 300 Regionalgruppen an. 

Das Engagement von Thunberg und der von ihr Inspirierten ist bemerkenswert - egal, ob man es gutheißt oder verurteilt. 
Jedoch scheint es als liefen die öffentlichen Diskussionen an der eigentlichen Thematik vorbei. Diskussionen darüber wie Politiker konkrete Gesetze verabschieden könnten, die dem Klimaschutz förderlich wären, finden selten statt. Es dominiert die Frage darüber, ob Schüler für das Klima streiken- oder in die Schule gehen sollten. 
Dieses Essay will in drei Punkten versuchen aufzuzeigen wie Politikerinnen und Politiker die Signale, die Schülerinnen und Schüler durch ihre regelmäßigen Ausstände senden, produktiv nutzen könnten. 

(1) Schüler und Studierende haben eine eigene Stimme - nehmen wir diese ernst!

Keiner anderen Konvention sind mehr Staaten beigetreten als der UN-Kinderrechtskonvention. Artikel 13 hält fest: "Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, ungeachtet der Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder (...) durch (...) andere vom Kind gewählte Mittel sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben". 
Vielen scheint es jedoch schwer zu fallen dieses Recht nicht nur de jure zu garantieren, sondern auch de facto ernst zu nehmen. Anders lässt sich nicht erklären wie Diskussionen darüber, ob es Schülern  (trotz geltender Schulpflicht) erlaubt sein sollte ihre Stimme zu erheben und ihre Meinung durch Ausstände zu äußern. 
Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler wirklich ernst zu nehmen begönne damit Gesprächsangebote zu machen - und zwar nicht nur einmal. Jeden Freitag! Lokal-, Landes-, und Bundespolitiker, Unternehmerinnen und Wissenschaftler sollten sich den drängenden Fragen der Schüler stellen. Die Formate müssten hierbei angemessen sein.

Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen heißt übrigens auch nicht um jeden Preis zu versuchen sich mit ihnen gemein zu machen. Lebendige Diskussionen leben von ernstzunehmenden Widersprüchen. Trauen wir Kindern und Heranwachsenden zu diese auszuhalten.

(2)  Schülerstreiks sind gut für die Demokratie

Ein Gutteil der politischen Berichterstattung der letzten Jahre befasste sich mit dem Aufkommen populistischer Politiker oder Parteien. Oft wurde über ein Erstarken der Ränder und das "Schweigen der Mitte" geklagt. 
Die Ausstände der Schülerinnen und Schüler sind ein gutes Zeichen. Sie stehen prinzipiell jeder Schulform offen, sind nicht sehr voraussetzungsreich und erschaffen ein Gefühl von Solidarität. Im besten Fall entwickelt sich daraus ein dauerhaftes politisches und/oder soziales Engagement. 

Wenn Politikerinnen und Politiker ernste Gesprächsangebote machen kann neues Vertrauen in die Repräsentanten des Staates und seine Institutionen entstehen. 

(3) Streiks können den Blickwinkel verändern

Sich der Schulpflicht zu entziehen, indem man einmal in der Woche nicht dorthin geht, sondern streikt, ist eine Provokation. Und das ist gut so! Nur durch diese Form des Protests können Politikerinnen und Politiker gewohnte (vielleicht auch überkommene) Blickwinkel verändern und neue Perspektiven auf ein Thema gewinnen. Sie erfahren nicht nur, dass Kinder sich um ihre Zukunft sorgen, sondern können zum Beispiel auch über Fragen der Bildungspolitik (ein seit vielen Jahren sträflich vernachlässigtes Politikfeld) diskutieren. Einige wichtige Fragen könnten hierbei sein: Wie wollen Schüler lernen?, Was ist ihnen wichtig? und: Wie können wir sie auch auf dieser Ebene mit in den Prozess des Gesetzemachens einbinden?  

Diese drei Punkte ließen sich mit Sicherheit beliebig erweitern. Jedoch war dies ein erster Versuch den Umstand der andauernden Ausstände und der doch recht pomadigen, ja abgeschmackten Diskussionen über ihre Sinnhaftigkeit ein produktives Leitbild gegenüberzustellen.  Im Übrigen gelten diese drei Punkte nicht nur für Politiker; sie gelten für uns alle.

Die Schülerstreiks sind eine politische Willensäußerung - nehmen wir sie also als eine solche ernst!