29 Mai 2019

"Für Intellektuelle sollte Wandel kein Grund zum Klagen sein". - Ijoma Mangold im Interview.

Ich treffe Ijoma Mangold, Kulturkorrespondent im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT, Anfang April 2019 in seinem Berliner Büro. Gerade arbeitet er an einem Interview mit Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit", daher klingelt ab und zu das Telefon. Ijoma Mangold erledigt die Anrufe, tippt ein, zwei Änderungen in seinen Computer und nimmt anschließend unser Gespräch mühelos dort wieder auf, wo es durch das Klingeln unterbrochen wurde. - Wir sprechen über seine Lebensgeschichte, die er in seinem fabelhaften Buch "Das deutsche Krokodil" aufgeschrieben hat, die Rolle von Intellektuellen in bewegten Zeiten, die einmalige Kombination aus Lesen und Googeln sowie die Frage, ob es heute (noch) einen Bildungskanon braucht. Es ist das bisher ausführlichste Gespräch auf diesem Blog.  


Tobias Lentzler: Lieber Herr Mangold, Sie gelten als einer der bedeutenden deutschen Intellektuellen. Mich würde interessieren, wie Sie persönlich diese Rolle begreifen. Damit meine ich nicht nur die Rolle des Intellektuellen allgemein, sondern vor allem auch Ihre eigene. Haben Sie ein Problem mit dieser Zuschreibung?


Ijoma Mangold: Ich gehöre zu einer Generation, geboren 1971, die mit einem sehr überhöhten Begriff des Intellektuellen als moralische Instanz aufgewachsen ist. Gerade als junger Mensch hat man für hohle Begriffe ein sehr genaues Ohr – und der Begriff des Intellektuellen war in jener Zeit ein solcher. Es war also klar: So etwas will man lieber nie sein, ein Intellektueller. Nun fiel die Hochkonjunktur dieses Begriffes aber irgendwann komplett in sich zusammen. Vielleicht war das auch verknüpft mit einem Medienwandel. In den Neunzigerjahren hatte die Fernseh-Talkshow die Zeitung als politisches Leitmedium abgelöst. Plötzlich verschwand also die große Bühne für die Intellektuellen. Die meisten haben den Schritt ins Fernsehen nämlich nicht geschafft. Ein Walter Jens schrieb noch in der „ZEIT“, und selbst wenn er ein paar Mal im Fernsehen war, vielleicht in „Talk im Turm“ bei Erich Böhme, es kommt mir gerade so vor, so war das Personal der Talkshows insgesamt doch ein völlig anderes.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass der Begriff des Intellektuellen einen gewissen Wertverfall hingenommen hatte. Für mich wurde er somit wieder attraktiv. Man konnte ihn wieder verwenden, weil er mit seiner gesellschaftlichen Relevanz eben auch seine Prätention verloren hatte. Und da Sie gefragt haben: Ich persönlich finde es heute gar nicht schlecht, mich so zu nennen. Natürlich sollte das dann nicht verblasen klingen. In meiner Vorstellung ist es Aufgabe des Intellektuellen, gesellschaftliche Probleme auf eine möglichst überraschende Art sichtbar zu machen und sie zu analysieren. Damit ist allerdings keine moralische Privilegierung gemeint! Ich glaube nicht, dass Intellektuelle einen direkteren Zugang zur politischen Wahrheit haben. Ebenso scheint mir entscheidend, nicht zu allem etwas sagen zu müssen. Sonst besteht die Gefahr, nur in Plattitüden zu verharren. Umgekehrt darf es aber auch nicht nur Experten überlassen sein, die Welt zu erklären. 
Idealerweise langweilt sich der Intellektuelle – der auch immer ein bisschen ein Snob sein sollte – schnell, wenn er zu oft dasselbe sagt, und ist dadurch gezwungen, um nicht über seine eigenen Redundanzen einzuschlafen, in eine neue, eine überraschende Richtung zu denken. 


Tobias Lentzler: Gibt es für Sie derzeit solche Intellektuellen? Personen, die aufregende Gedanken aufbringen und in die Öffentlichkeit tragen? 


Ijoma Mangold: Auf jeden Fall! Viele von denen kommen aus der Akademie. Natürlich gibt es unendlich viele öde Professoren, aber ich denke – wenn ich das mal nestbeschmutzerisch sagen darf – dass es mehr Intellektuelle in der Wissenschaft gibt als im Journalismus. Jetzt studieren Sie in Witten/Herdecke: Selbstverständlich würde ich Dirk Baecker für ein Musterbeispiel eines aufregenden Denkers halten. Sein Denken schafft einen anderen Blick auf die Welt. Das liegt daran, dass seine Terminologie deutlich abstrakter ist, als wir es uns im Journalismus leisten könnten. Der politische Leitartikel ist wichtig, aber vielleicht klebt dessen Analyse manchmal noch zu nah an den Phänomenen. Als Student habe ich das bei Luhmann gelernt: Man muss die Abstraktionsgrade erhöhen, um zu überraschenden Einsichten zu kommen. Die Dinge werden dann überhaupt erst greifbar. – Ich könnte nun eine Menge Persönlichkeiten aufzählen, die mich interessieren und eine solche Fähigkeit zum aufregenden Denken besitzen: Staatsrechtler wie Christoph Möllers, zum Beispiel. Mit Begeisterung lese ich gerade Essays von Dan Diner, der die interessante These verfolgt, dass viele Phänomene, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, im Kalten Krieg eingefroren waren. In seinen Augen schließen wir jetzt quasi an die Zwanzigerjahre an. 


Tobias Lentzler: Kommen wir zu Ihrem Buch „Das deutsche Krokodil“. Es ist ja, so kann man wohl sagen, in eine politisch aufgeraute Zeit hineingeschrieben worden. Die liberale Gesellschaft scheint an vielen Stellen auf dem Rückzug, Rassismen treten wieder sehr offen zutage. Letzteres beschreiben Sie in Ihrem Buch, als Sie über die Reaktionen auf Ihren vernichtenden Verriss eines Machwerks von Akif Pirinçci berichten. Mir ist bei diesen Reaktionen offen gestanden schlecht geworden. – Wie betrachten Sie im Lichte unserer Gegenwart und dieser Reaktionen Ihre eigene Kindheit und Jugend? Denn ein Buch, wie Sie es mit dem „Deutschen Krokodil“ vorgelegt haben, entsteht ja möglicherweise auch unter dem Eindruck einer Veränderung. 


Ijoma Mangold: Auf Kuba nannte man die Neunzigerjahre Período especial, weil Castro in dieser Zeit eine leichte marktwirtschaftliche Öffnung zuließ. Im Rückblick mag mir mein Aufwachsen in der alten Bundesrepublik auch als eine período especial erscheinen. Der Schrecken über die Gräueltaten und Verbrechen der Nationalsozialisten, der gnadenlos betriebene Rassismus, der dort zu Politik wurde, steckte den Menschen so tief in den Knochen, dass dies zu einer gewissen Affekthemmung führte. Für einen kurzen Zeitraum wurde Rassismus historisch gebändigt. Meine Generation ist mit dieser vermeintlichen Gewissheit aufgewachsen und war überzeugt, dass es ja auch gar nicht anders sein könne. Gegenwärtig lernen wir: Oh doch – das kann es sehr wohl! Die Gewissheit war trügerisch.   Wir wuchsen mit der Vorstellung auf, dass die Geschichte eine klare Richtung eingeschlagen hatte. Eine Geschichte der Universalisierung, der Liberalisierung, der fortschreitenden Emanzipation, des Zurücktretens nationaler Grenzen und so weiter. Über Francis Fukuyama haben sich viele interessanterweise immer lustig gemacht, als er das „Ende der Geschichte“ verkündete. Dabei waren die meisten selbst genauso drauf. Denn was heißt es denn, überzeugt davon zu sein, die Geschichte kenne nunmehr bloß noch eine Richtung? Das ist nichts anderes als ein „Ende der Geschichte“.   Mich hat die Entwicklung der letzten fünf, sechs Jahre auch sehr kalt erwischt. Im Rückblick finde ich es natürlich absurd, dass man je davon überzeugt war, die Geschichte komme an ihr Ende. – Warum sollte plötzlich nichts mehr kommen? Nichts ist ewig. Reiche werden aufgebaut und fallen ein, Systeme stürzen oder werden überwunden. Und es ist nicht immer nur das Bessere des Guten Feind.     
Ich bin nicht so vermessen, mir anzumaßen, beurteilen zu können, ob die Dinge in fünfundzwanzig Jahren schlimmer sein werden als heute, nur weil sie anders sind, als wir sie uns vor zehn Jahren ausgemalt haben. – Ich versuche mir selbst Mut zuzusprechen und mir zu sagen: Erfreue Dich an dem ganzen Wandel. Wie langweilig wäre es, wenn alles absehbar wäre. Für Intellektuelle sollte Wandel kein Grund zum Klagen sein, sondern genau das, was man sich wünscht, weil sie dann beweisen können, was sie drauf haben. Unübersichtlichkeit macht es lohnend, noch einmal neu und offen auf alles zu schauen. 


Tobias Lentzler: Gerade der letzte Aspekt Ihrer Antwort führt mich zu einer Frage, die wahrscheinlich so alt ist wie die Menschheit selbst. Es ist die Frage, wie man das Staunen, welches Sie in der Freude am Wandel anklingen lassen, Heranwachsenden mitgibt. In meinen Augen ist das eng mit Bildung verknüpft. Denn nur, wenn man gebildet ist, stellen sich einem ja immer wieder von neuem Fragen. Ein solches Erlebnis beschreiben Sie in „Das deutsche Krokodil“ bei Ihrer ersten Lektüre von Joyce‘ „Ulysses“. Sie fühlen sich verloren in dem Werk wie in einem Hochgebirge – bis irgendwann eine Hütte zum Rasten kommt. Das sind die Passagen, die Ihnen zugänglich sind. Wie würden Sie jungen Menschen Bildung vermitteln oder besser: Begeisterung für das Gebildet-Sein? 


Ijoma Mangold: Was heißt Bildung? Es heißt den Ausschnitt dessen, was ich von der Welt wahrnehme, zu erweitern. Das tun wir durch das Lesen, aber auch dadurch, dass wir anderen Menschen sehr nahekommen. Seit dem 18. Jahrhundert ist der klassische Weg der Welterschließung natürlich das Reisen. Entscheidend scheint mir, Distanz hineinzubringen. Wir dürfen nie identisch mit uns selber sein und nie mit der Welt, die uns umgibt. Erst wenn wir Distanz zu der Gesellschaft einnehmen, in welcher wir leben, können wir sie betrachten wie ein Ethnologe, der einen eingeborenen Stamm im Amazonas beobachtet. So stellen wir fest, worin sie komisch, lächerlich oder auch liebenswert erscheinen mag.           
Zu erklären, was an Bildung so aufregend ist, erübrigt sich für denjenigen, der sich je in ein Buch vertieft hat. Ich kann nicht erklären, warum eine Rose schön ist. Sie ist schön. Das ist sie nicht um eines anderen Zweckes willen. Sie ist es für sich. Wenn man an der Welt und ihren Gegenständen interessiert ist, wird man immer wieder von neuem neugierig sein.


Tobias Lentzler: Der Distanzgedanke erscheint mir dahingehend sehr interessant, als er ein weites Feld öffnet, welches ich aufmachen wollte. Ich meine das der Digitalisierung. Die Möglichkeit an Wissen zu kommen war noch nie so unmittelbar. Wie – falls überhaupt – verändert das unsere Art, zu denken oder Dinge zu verstehen? 


Ijoma Mangold:  Für mich ist die Kombination aus Lesen und googeln einmalig! Man liegt daheim in seinem Bett und kann alles nachschauen, was in einem Buch als Referenz angegeben wird oder was man für eine solche hält. Gerade für Bücher, die historische Ereignisse verarbeiten, ist es toll, sich einfach noch einmal in den Kontext des jeweiligen Werkes einzulesen. Das ist wie „Stereolesen“. Ich finde das sehr fruchtbar. 


Tobias Lentzler: Ich habe das Gefühl, dass diese Art zu lesen und zu denken eine neue Form des Intellektuellen begründen könnte. Natürlich springt man – Stichwort „Hyperlink-Kultur“ – sehr häufig hin und her; jedoch ist das auch produktiv, wenn man diese Gedanken einem reichen Nährboden zuführen kann. 


Ijoma Mangold: Die Hyperlink-Kultur ist eigentlich schon immer ein Sehnsuchtsort der Literatur gewesen. Es gab schon immer eine Poetologie der Abschweifung, die genau das wollte. Denken Sie an Lawrence Sternes „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“. Die Abschweifung, der Exkurs, das vom Steinchen aufs Stöckchen Kommen, ist eigentlich eine alte Vorstellung. Es gibt die enzyklopädische, nach Wissensgebieten sortierte Welt und dann gibt es das, was Sie eben als „Hyperlink-Kultur“ bezeichnet haben. In dieser Struktur wird das Unverwandte, das Nicht-Ähnliche miteinander verknüpft. Für die Literatur war das schon immer ein spannendes Erzählprinzip. Dass diese Poetologie der Abschweifung jetzt so leicht umzusetzen ist, ist an sich schon aufregend. 

Nach dem Tod meiner Mutter habe ich aus Anhänglichkeit manche ihrer Bücher in meine Bibliothek übernommen. Erst jetzt fällt mir auf, dass auch dort schon der Wunsch nach Verlinkung bestand. Diese herzustellen wurde mit einem – aus heutiger Sicht sehr anrührenden – Sammeln von herausgeschnittenen Zeitungsartikeln versucht, die in ein thematisch verwandtes Buch reingelegt wurden. 


Tobias Lentzler: Noch einmal zurück zu unserer politisch aufgewühlten Gegenwart. In meinen Augen scheint diese durch ein hohes Erregungspotenzial charakterisierbar zu sein. Politik und Kultur waren ja schon immer miteinander verquickt. In ihrem Buch beschreiben Sie, wie kritisch Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ in Essaysammlungen auseinandergenommen wurde oder wie schwierig die Rolle Richard Wagners wenige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg noch immer war. Mir scheint sich gegenwärtig – auch im Lichte sich wandelnder Normen – einmal mehr die Kunst/Künstler-Frage zu stellen. Es gab Debatten um Eugen Gomringers „avenidas“ an der Alice-Salomon-Hochschule, die Frage, ob man Balthus noch ausstellen dürfe. Wo liegen für Sie die Grenzen einer solchen Debatte?


Ijoma Mangold: Wir reden neuerdings nur noch über die Sensibilität, die von einem Menschen gegenüber einem anderen verlangt wird. Das Schlimmste, was man jemand anderem unterstellen kann, ist somit, dass er keine Empathie habe. Allein schon diese Aussage spricht nach meiner Auffassung von einer maßlosen Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung des eigenen moralischen Standpunktes. Mir schlackern da die Ohren. – Wir leben in einer sehr gouvernantenhaften Zeit. Ich komme mir vor wie im tiefsten viktorianischen 19. Jahrhundert, als die Kirche über die einwandfreie Lebensführung eines jeden Einzelnen wachte. Viele Teile der Gesellschaft scheinen das heute wieder aufgreifen zu wollen. Alle sollen so leben, wie es moralisch einwandfrei ist. Dafür gibt es klare Instanzen, die darüber wachen und abwägen, wo man sich sensibel/unsensibel verhalten hat. Das alles finde ich grauenvoll. 


Tobias Lentzler: Wie gehen Sie denn damit um? 


Ijoma Mangold: Ich finde all diese Fragen – soll bzw. muss man gendern, darf man bestimmte Kunstwerke noch ausstellen und dergleichen mehr – überhaupt nicht degoutant. Im Gegenteil. Sie sind wichtig und auch bereichernd, denn sie bringen ja einen Diskurs voran. Aber ich kann nicht ganz daran glauben, dass die Geschichte in Richtung einer eschatologischen Erlösung unterwegs ist. Ich halte sie für ein dynamisches Chaos. Somit ist für mich das Gendersternchen auch keine letztgültige Erlösung. Aber darüber zu diskutieren kann sehr fruchtbar sein.            
Ich selber finde es absurd, wenn die Sprache die Rolle einer Gesamtrepräsentanz identitätspolitischer Kollektive dieser Gesellschaft erfüllen soll. Das läuft meiner Vorstellung des anarchischen Potenzials von Sprache zuwider. Allerdings gehört es selbstverständlich zur Wahrheit, dass viele Minderheitengruppen über Jahrhunderte hin extrem schlecht abgeschnitten haben. Auch in der Gegenwart ist das in vielen institutionellen Formen noch zu greifen. Das darf infrage gestellt und angegriffen werden – keine Frage! Ich bedaure jedoch, dass es derzeit kein offenes, wildes Nachdenken über diese Fragen gibt, sondern eine ziemlich rigide Moral, die am Ende immer auf identitätspolitische Kollektive abzielt.     Das Individuum in seiner universellen Freiheit und unsere Rolle als Bürger drohen unterzugehen, weil wir nur noch als Repräsentanten identitätspolitischer Fraktionen, die immer kleinteiliger werden, über uns sprechen und über alles das Opfernarrativ legen.  

Tobias Lentzler: Sehen Sie in dieser Hinsicht auch eine gewisse Verzagtheit in Bezug auf den journalistischen Berufsstand? Der vor allem aus rechtspopulistischer Ecke formulierte Vorwurf, es gäbe ein „linkes Meinungsdiktat“ ist ja sehr präsent in gegenwärtigen Debatten. Hier wird ja – wenn auch in sehr plumper Weise – auf diesen eben von Ihnen beschriebenen, moralisierenden Ton abgehoben. Ich habe große Probleme mit dieser Zuschreibung von rechter Seite, aber mich interessiert, wie Sie und Ihre Kollegen mit diesen Anwürfen umgehen. 


Ijoma Mangold: Ein linksliberales Diktat gibt es ganz sicher nicht. Was es selbstverständlich gibt, sind Selbstdynamiken. Das ist unvermeidlich. Die gibt es im Übrigen aber mittlerweile auch ganz stark von rechts. Auf rechten Blogs oder Plattformen herrscht in gewisser Weise Gleichschaltung. In diesem Fall erlaube ich mir dieses Wort einmal. In sehr kurzer Zeit haben die Rechten ihr eigenes Vokabular aufgebaut und wiederholen es – wie der Kuckuck in der Kuckucksuhr seinen Schrei zu jeder vollen Stunde. Da herrscht ein sehr stark formatierter Meinungskorridor. Ich glaube, die Rechten halten sich manchmal noch für Anarchisten, sind aber längst rechte Konformisten geworden. Die Rechten machen ja alles den Linken nach, jetzt auch noch deren Konformismus.      
Prozesse der Herdenbildung an sich sind unvermeidlich. Die gibt es im Journalismus deshalb so stark, weil es dort besonders auffällig ist. Als Ingenieur fiele es Ihnen möglicherweise nicht ganz so sehr auf, dass sie ganz genauso denken wie ihr Milieu, weil Sie sich nicht so oft äußern. Journalisten sind in der unglücklichen Rolle, jeden Tag die Welt erklären zu müssen. Im Rückblick fällt also deutlicher auf, wie herdenmäßig sie das manchmal tun.          
Zeitungen sind deshalb gut beraten auch innerhalb ihrer Redaktionen kontrapunktisch zu sein. Natürlich verlangt das manchmal Mut und Rückgrat und Durchhaltevermögen. – Ich habe das Gefühl, dass vor 15 Jahren in der Mitte so viel möglich war; dieser Platz schrumpft. Deshalb ist an den Rändern, den Extremen so viel los. Das führt zu der merkwürdigen Situation, dass man – wenn man alles sagt – heute sehr leicht ganz links oder ganz rechts eingeordnet wird. Vor 15 Jahren war man damit vielleicht noch in der Mitte. 


Tobias Lentzler: Vor kurzem hat Ihr Chefredakteur, Giovanni di Lorenzo, in einem Gespräch mit Klaus von Dohnanyi bei Markus Lanz genau diesen Aspekt aufgegriffen. Er sagte, die Mitte sei eigentlich viel zu leise, die Ränder zu laut. In diesem Zusammenhang vielleicht noch einmal eine Frage, die Aspekte der Bildung und der Kultur aufgreift. Gibt es Ihrer Meinung nach Kulturgüter – Romane, Musik –, die eine einigende Wirkung haben könnten? 


Ijoma Mangold: Ich bin zu sehr von Luhmann geprägt, als dass ich von der Einheit her denken würde. Ich möchte die Gesellschaft nicht als Gemeinschaft haben. Gesellschaften sollten meines Erachtens nach nicht in einem gefühlsmäßigen Sinne zu stark zusammengehalten werden. Ich finde Traditionen herrlich, aber ich möchte andere nicht darauf einschwören, sich zu diesen Traditionen zu bekennen. Wir sind ein Staatswesen von Bürgern. Selbstverständlich gibt es da eine Leitkultur im Sinne der Verfassung und in gewisser Weise bestimmt auch im Sinne unserer sprachlichen und kulturellen Herkunft, aber alles, was darüber hinaus geht, wäre mir an Wärme der Gemeinschaft zu viel. Helmuth Plessner spricht von den „Grenzen der Gemeinschaft“. Eine Distanzkultur ist für das Überleben des Individuums immer sehr wichtig, finde ich.        
Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, den Menschen einen Roman aufzudrängen, den alle lesen sollen, weil sie Teil desselben Überlieferungszusammenhanges sind. Schon Goethe konnte man nicht ernsthaft als einigendes Element der Nation verstehen. Mit ihm ließ sich kein nationaler Staat machen. Dafür war er viel zu anti-nationalistisch, viel zu Napoleon-freundlich, zu kosmopolitisch in seinen Interessen. Gleichzeitig war er in seinen politischen Tätigkeiten der Kleinstaaterei verpflichtet.   
Trotzdem ist es natürlich schön, wenn andere ähnliche Bücher lesen wie man selber, damit man sich auf sie beziehen kann, um zu streiten. In dem Sinne würde ich die Idee eines Bildungskanons immer verteidigen. Es führt einfach zu mehr gesellschaftlichem Gespräch, wenn jeder ähnliche Bücher liest, als wenn jeder etwas anderes auf dem Nachttisch liegen hat. 


Tobias Lentzler: Das verstehe ich als defensive Verteidigung des Kanons. Zu Beginn unseres Gespräches hatte ich fast den Eindruck Sie sprächen sich vielleicht sogar dagegen aus. 


Ijoma Mangold: In Wahrheit glaube ich deutlich fester an einen Kanon, als ich das bisher zum Ausdruck gebracht habe. Ich glaube an Meisterwerke. Das tut man heute eigentlich nicht mehr, aber in meinen Augen gibt es eine ästhetische Meisterschaft. Das geht ein bisschen in die Richtung von Harold Blooms „Western Canon“. 


Tobias Lentzler: Sie haben bei Barbara Bleisch im Schweizer Fernsehen und auf anrührende Weise in Ihrem Buch vom Tode Ihrer Mutter erzählt. Im Zentrum dieser Geschichte steht die Rezitation der Gedichte von Storm und Fontane. Fontane kommt mit seinem „Herrn von Ribbeck“ auch noch an anderer Stelle vor. Mir kam er vor wie einer Ihrer Hausheiligen, wenn ich das so sagen darf. Welche Autoren wünschten Sie sich auf eine einsame Insel? 


Ijoma Mangold: Zunächst zu Fontane. Ich habe anlässlich seines 200. Geburtstages noch einmal über ihn nachgedacht und festgestellt, dass er für mich eine überraschend große Rolle spielt; auch wenn er weltliterarisch kein absoluter Achttausender ist. Auf die einsame Insel würde ich daher selbstverständlich eher Tolstois „Krieg und Frieden“ mitnehmen als Fontanes „Schach von Wuthenow“.
Trotzdem hat Fontane für mich eine besondere Rolle gespielt, weil er in meiner Jugend eine Welt aufrief, die zum einen bereits lange untergegangen war, zum anderen aber auch nicht zugänglich war. Sie lag hinter dem „Eisernen Vorhang“. Als die Mauer fiel, war da für mich und auch meine Mutter plötzlich wieder die Möglichkeit, in Fontane-Landschaften zu reisen. Wanderungen durch den märkischen Sand erschlossen uns einen lange im Dornröschen Schlaf liegenden historischen Hallraum. Ich habe eine starke Pietät an alles, was untergegangen ist. Das ist nicht nur ein sentimentaler, konservativer Impuls, es ist auch ein damit verbundenes historisches Interesse. Die Welt des märkischen Adels, die gibt es nicht mehr. Und natürlich weine ich ihr nicht nach. Aber in Verbindung bleiben möchte ich doch mit ihr, denn ich glaube, dass all das, was es plötzlich nicht mehr gibt,  immer noch nachwirkt. Wir sollten uns nicht täuschen: Vermutlich sind wir stärker davon geprägt, als wir es uns vorstellen können. Fontane war als 1848er Revolutionär und zugleich als „Dichter der Mark“ selbst immer hin- und hergerissen zwischen Revolution und Reaktion. Diese Zerrissenheit, diese Ambivalenz interessiert mich.
Auf die einsame Insel hingegen würde ich schon aus ökonomischen Gründen andere Meisterwerke mitnehmen. An erster Stelle natürlich Prousts umfängliche „Recherche“. Kafkas „Parabel vor dem Gesetz“ ist natürlich brillant. Aber wenn Sie den Rest Ihres Lebens auf einer einsamen Insel verbringen müssen, ist diese halbe Seite vielleicht doch nicht genug. Es sei denn, Sie entwickelten auf der Insel eine neue talmudische Tradition und legten Kafkas Parabel immer wieder neu aus. Aus Freude an der Sprache würde ich auch Nabokov mit auf die Insel nehmen. Keiner vermag so wunderbar mit der Sprache zu spielen. Aufgrund meiner Anhänglichkeit an die antike Welt würde ich auch Vergils „Aeneis“ einpacken. Das Zusammenspiel aus Staatsgründung und Literatur ist hochinteressant und poetisch produktiv. 


Tobias Lentzler: Lieber Herr Mangold, vielen Dank für das Gespräch.

14 März 2019

Essay: Wie die Schülerstreiks für den Klimaschutz der Demokratie helfen

Wie jüngst bekannt wurde, ist die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die seit Mitte 2018 jeden Freitag für das Klima streikt, für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Diese ist nur eine von vielen Nachrichten, die weltweit rezipiert werden. Der eigentliche Zweck ihrer Protestaktion, der Schutz des Klimas, droht in den Hintergrund zu geraten - auch und gerade wegen der teils doch sehr rückständig ausgetragenen Diskussion darüber, ob Schüler den Unterricht schwänzen dürfen oder nicht. Dies ist der Versuch der abgeschmackten Debatte ein produktives Leitbild entgegenzustellen.

Vielleicht ist Greta Thunberg derzeit der berühmteste Teenager der Welt. Weltweit füllen Nachrichten über sie Zeitungen, Nachrichtenportale und Twitter-Feeds wichtiger Politikerinnen und Politiker. 
Seit Mitte 2018 streikt sie jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament in Stockholm; und mit ihr streiken mittlerweile viele Tausend Schülerinnen und Schüler (und auch Studierende) auf der ganzen Welt. Die so genannten "Fridays for Future", die von Thunberg inspiriert sind und das Ziel haben Politiker zum Handeln in Sachen Klimaschutz zu bewegen, ziehen mittlerweile allein in Deutschland etwa 300 Regionalgruppen an. 

Das Engagement von Thunberg und der von ihr Inspirierten ist bemerkenswert - egal, ob man es gutheißt oder verurteilt. 
Jedoch scheint es als liefen die öffentlichen Diskussionen an der eigentlichen Thematik vorbei. Diskussionen darüber wie Politiker konkrete Gesetze verabschieden könnten, die dem Klimaschutz förderlich wären, finden selten statt. Es dominiert die Frage darüber, ob Schüler für das Klima streiken- oder in die Schule gehen sollten. 
Dieses Essay will in drei Punkten versuchen aufzuzeigen wie Politikerinnen und Politiker die Signale, die Schülerinnen und Schüler durch ihre regelmäßigen Ausstände senden, produktiv nutzen könnten. 

(1) Schüler und Studierende haben eine eigene Stimme - nehmen wir diese ernst!

Keiner anderen Konvention sind mehr Staaten beigetreten als der UN-Kinderrechtskonvention. Artikel 13 hält fest: "Das Kind hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, ungeachtet der Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut jeder Art in Wort, Schrift oder (...) durch (...) andere vom Kind gewählte Mittel sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben". 
Vielen scheint es jedoch schwer zu fallen dieses Recht nicht nur de jure zu garantieren, sondern auch de facto ernst zu nehmen. Anders lässt sich nicht erklären wie Diskussionen darüber, ob es Schülern  (trotz geltender Schulpflicht) erlaubt sein sollte ihre Stimme zu erheben und ihre Meinung durch Ausstände zu äußern. 
Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler wirklich ernst zu nehmen begönne damit Gesprächsangebote zu machen - und zwar nicht nur einmal. Jeden Freitag! Lokal-, Landes-, und Bundespolitiker, Unternehmerinnen und Wissenschaftler sollten sich den drängenden Fragen der Schüler stellen. Die Formate müssten hierbei angemessen sein.

Die Stimmen der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen heißt übrigens auch nicht um jeden Preis zu versuchen sich mit ihnen gemein zu machen. Lebendige Diskussionen leben von ernstzunehmenden Widersprüchen. Trauen wir Kindern und Heranwachsenden zu diese auszuhalten.

(2)  Schülerstreiks sind gut für die Demokratie

Ein Gutteil der politischen Berichterstattung der letzten Jahre befasste sich mit dem Aufkommen populistischer Politiker oder Parteien. Oft wurde über ein Erstarken der Ränder und das "Schweigen der Mitte" geklagt. 
Die Ausstände der Schülerinnen und Schüler sind ein gutes Zeichen. Sie stehen prinzipiell jeder Schulform offen, sind nicht sehr voraussetzungsreich und erschaffen ein Gefühl von Solidarität. Im besten Fall entwickelt sich daraus ein dauerhaftes politisches und/oder soziales Engagement. 

Wenn Politikerinnen und Politiker ernste Gesprächsangebote machen kann neues Vertrauen in die Repräsentanten des Staates und seine Institutionen entstehen. 

(3) Streiks können den Blickwinkel verändern

Sich der Schulpflicht zu entziehen, indem man einmal in der Woche nicht dorthin geht, sondern streikt, ist eine Provokation. Und das ist gut so! Nur durch diese Form des Protests können Politikerinnen und Politiker gewohnte (vielleicht auch überkommene) Blickwinkel verändern und neue Perspektiven auf ein Thema gewinnen. Sie erfahren nicht nur, dass Kinder sich um ihre Zukunft sorgen, sondern können zum Beispiel auch über Fragen der Bildungspolitik (ein seit vielen Jahren sträflich vernachlässigtes Politikfeld) diskutieren. Einige wichtige Fragen könnten hierbei sein: Wie wollen Schüler lernen?, Was ist ihnen wichtig? und: Wie können wir sie auch auf dieser Ebene mit in den Prozess des Gesetzemachens einbinden?  

Diese drei Punkte ließen sich mit Sicherheit beliebig erweitern. Jedoch war dies ein erster Versuch den Umstand der andauernden Ausstände und der doch recht pomadigen, ja abgeschmackten Diskussionen über ihre Sinnhaftigkeit ein produktives Leitbild gegenüberzustellen.  Im Übrigen gelten diese drei Punkte nicht nur für Politiker; sie gelten für uns alle.

Die Schülerstreiks sind eine politische Willensäußerung - nehmen wir sie also als eine solche ernst!

02 Oktober 2018

Essay: Aus unserer Schuld muss die Kraft des Guten erwachsen.

Nicht erst die Ereignisse in Chemnitz Anfang September haben gezeigt, dass die Demokratie derzeit einer deutlichen Verteidigung bedarf. Dieser Essay entstand 2017 und fordert von allen Demokraten radikale Offenheit, Dialog, echte Gespräche, aber auch Hoffnung und Zuversicht. Als Deutsche haben wir die Verantwortung uns der Schuld, die wir im 2. Weltkrieg auf uns geladen haben, jeden Tag bewusst zu bleiben und daraus die Kraft des Guten erwachsen zu lassen, für liberale Werte zu werben und danach zu streben.

Der öffentliche Diskurs verwässert in unseren - sich immer diffiziler ausbildenden, digitalen Blasen. Er schrumpft zusammen auf ein paar kümmerliche Wortgefechte - mit blindwütiger Boshaftigkeit geführt -, wenn eine Blase auf die andere trifft. So beschäftigt sind wir mit uns selbst, mit bedeutungslosen Streitereien oder Selbstbestätigung auf unseren digitalen Inseln, dass wir höchsten kurz irritiert aufschauen, wenn aggressive Töne angeschlagen werden. – Sinnbildlich für die Düsternis stehen derzeit Rechtspopulisten wie Björn Höcke (AfD). Dieser warf Richard von Weizsäcker – dem Bundespräsidenten, der eine der wichtigsten Reden zur Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus am 8. Mai 1945 gehalten hat – vor sich gegen sein Volk gestellt zu haben und schmähte auch den im Januar 2017 verstorbenen Roman Herzog sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Am Schwersten jedoch wiegt, dass Höcke bei seiner Rede vom 17. Januar 2017 in Dresden das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnete und den Jubel einer Horde aufgepeitschter Nationalisten erntete. Björn Höckes menschenfeindlicher Gesinnung müssen wir radikale Offenheit entgegensetzen! Es bedarf gelebter Toleranz für die vielfältigen Lebensentwürfe, Familienbilder und Minderheiten in Deutschland.     
Gegen die Hasstiraden der Rechtspopulisten, ihre menschenverachtenden, in ihrer Grundüberzeugung anti-demokratischen Parolen, müssen wir den Dialog setzen. Gerade in Zeiten der – alle sozialen Geflechte wandelnden Digitalisierung – sind echte Gespräche außerhalb der digitalen Sphäre ein probates Mittel gegen Stammesbildungen (Tribalisierung) innerhalb einer Gesellschaft. Letztere rüttelt – wie die NZZ 2016 beschrieb – an Karl Poppers Idealbild einer offenen und liberalen Gesellschaft, die auf universellen Normen gründet. Miteinander in den Dialog zu treten ist kraftraubend und ernüchternd. Oftmals kosten Gespräche Mut und Kraft und Zeit. Doch wenn alles ausgesprochen ist, wenn der Zorn verraucht-, wenn die Standpunkte einander deutlich gemacht wurden, können gemeinsam Lösungsansätze entwickelt werden.           
Den Ängsten der Menschen müssen wir positive Emotionen – Hoffnung und Zuversicht – entgegensetzen. Wir können unsere positiven Emotionen auf Reformen gründen, die durchdrungen sind von den Idealen liberaler Demokratien. Sicherheit in Form von einem Mehr an Überwachungskameras oder Geheimdiensten, wird diese Ängste nicht zerstreuen. Die Rhetorik der Rechten zu übernehmen, wird ebenfalls nicht helfen. Rassismus und Hass gehören benannt und angeprangert. Jedem Menschen dieser Welt kommen die gleichen Rechte zu. Wer diese mit Füßen tritt, gehört bestraft.         
Die Rechtspopulisten versuchen die Europäische Union, den Gedanken an ein geeintes Europa niederzubrüllen. Wir dürfen nicht stumm bleiben! Gerade jetzt ist die Zeit gekommen für eine Europäische Verfassung einzutreten sowie den Menschen bewusst zu machen, welche Vorteile eine europäische Identität gegenüber einer nationalen hat.  
Deutschland kommt in diesen oben skizzierten Punkten eine entscheidende Rolle zu. Nicht als europäischer „Hegemon wider Willen“, sondern als das Land, das wie kein anderes auf der Welt Schuld auf sich geladen hat. – Das Andenken an all jene im Nationalsozialismus Verfolgten und Ermordeten ist Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland. Aus unserer Schuld, die uns an jedem Tag bewusst bleiben muss, erwächst die Kraft für das Gute zu werben, danach zu streben; Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, Demokratie und Freundschaft unter all unseren Brüdern und Schwestern – allen Menschen dieser Erde – als unsere höchsten Güter anzuerkennen und sie gegen jede Art von Anfeindung zu schützen.           
Der – wie Roman Herzog im Januar 2017 verstorbene – polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman hat in einem seiner letzten Texte darauf aufmerksam gemacht, dass freie und prosperierende Gesellschaften nur durch das Zusammentreffen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als drei sich gegenseitig ermöglichende Elemente entstehen konnten. Wenn unser Ziel eine ebensolche Gesellschaft ist, müssen wir für all die oben beschriebenen Dinge streiten, Einsatz zeigen und neue Formen bürgerlichen Engagements entwickeln. Es bedarf neuer Formen der gesellschaftlichen Teilhabe – wie sie zum Beispiel Claus Leggewie und Patrizia Nanz in ihrem Buch „Die Konsultative“ vorschlagen -, aber auch der Wiederentdeckung des Lobes für idealistische Politikerinnen und Politiker sowie Vertrauen in public intellectuals, Journalistinnen und Journalisten. Bürgerliches Engagement gepaart mit Lob und Vertrauen können wichtige Triebkräfte für eine neue Ära der Demokratie sein (siehe kulturlog-Artikel vom 01. Oktober 2018).          
Unser aller Kraft liegt in der Macht des Wortes. Wir müssen unsere Stimmen erheben und miteinander für eine offene Gesellschaft streiten, deren Grenzen nicht die eines einzelnen Landes sind.     
Im Englischen gibt es ein schönes Sprichwort: Every cloud has a silver lining. Diesen Hoffnungsschimmer auch in einem heraufziehenden Sturm zu erkennen und nach dieser Hoffnung zu handeln, ist unser aller Verantwortung. 




01 Oktober 2018

Essay: Wir leben nicht in einer Service-Demokratie. - Gedanken über staatsbürgerliche Pflichten.

Demokratie erfordert ein kontinuierliches Bemühen um sie. Die weltweit erstarkenden populistischen Bewegungen sind zum Teil auch Ausdruck eines falschen Demokratieverständnisses. Nicht nur Politiker haben in einer repräsentativen Demokratie die Pflicht sie zu pflegen; auch die Bürger sind hierbei gefragt. 

Diesem Essay geht es um eine Annäherung an den Begriff der staatsbürgerlichen Pflichten und die Rolle der Bürger in einer repräsentativen Demokratie. 

Ganz allgemein erfordert Demokratie ein stetiges Bemühen um sie. Sie kann sich nur fortentwickeln, wenn alle Bürger eines Staates (und auch all jene, die nicht die Staatsangehörigkeit des entsprechenden Landes teilen, aber in ihm leben) diese Aufgabe ebenso wahrnehmen wie Politiker. 

Der Gedanke es sei allein Aufgabe der Politik (und noch konkreter der jeweiligen Regierung) die unterschiedlich gelagerten Probleme eines Landes zu lösen, den Bürgern ihre Sorgen abzunehmen oder ihnen - wie auch immer geartete - Wohltaten angedeihen zu lassen, zeugt von einem verqueren Staatsverständnis. Wir leben nicht in einer Service-Demokratie. Der oben genannte Anspruch an alle Bürger erwächst aus der Tatsache, dass in einer Demokratie das Volk der Souverän ist.
Bürger müssen daher bereit sein Verantwortung für die Handlungen ihrer jeweiligen Regierungen im In- und Ausland mit zu übernehmen. Der in Yale lehrende Philosoph Thomas Pogge sieht in seinem 2011 erschienenen Text "Are We Violating the Human Rights of the World's Poor?" hierbei alle Bürger in der Pflicht. Ausgenommen sind bei ihm Kinder und Menschen mit schweren mentalen Behinderungen. Zwar bezieht sich Pogges Text auf das globale Problem der Weltarmut, jedoch erscheint sein Verständnis von Verantwortung, welches Bürgerinnen und Bürger (in Industrieländern) für die von ihren Regierungen betriebene Politik haben, auch auf andere Kontexte übertragbar zu sein. Um eines deutlich zu sagen: Diese (Mit-)Verantwortung entlässt Politiker keineswegs aus der Pflicht zu handeln. Viel eher geht es darum als Staatsbürger Möglichkeiten des aktiven Austauschs mit Politikern wahrzunehmen. Sei es in Form von Briefen an den jeweiligen Abgeordneten, Teilnahmen an Gesprächskreisen oder Veranstaltungen, als Teil einer Bürgerinitiative oder als Demonstrant für oder gegen etwas.

Der deutsche Politikwissenschaftler Christian Welzel schrieb 2009 in einem Buchkapitel über Demokratisierung: "What matters is not whether people support democracy but for what reasons they do so (...). Only when people support democracy for the freedoms that define it, are they ready to mount pressure on elites to introduce these freedoms when they are denied, to defend them when they are challenged, or to advance them when they stagnate".
Die Rolle des Staatsbürgers ist hierbei eine aktive. Er (oder sie) soll sich für die durch Demokratien zugesicherten Freiheiten einsetzen, sie verteidigen oder erweitern.

Doch wie sieht diese aktive Rolle eines Staatsbürgers konkret aus? - Ich sehe unsere Rolle (bitte verzeihen Sie mir den auf diesem Blog selten vollzogenen Wechsel in die erste Person Singular) darin Politik um neue Perspektiven zu bereichern. Diese Bereicherung kann konkrete Politik-Vorschläge beinhalten (z.B. die Einführung eines kostenlosen Dauertickets für den ÖPNV und/oder die Fernbahnen und -busse bei freiwilliger Abgabe seines Führerscheins) oder das Bewusstsein darüber, dass man sich in seiner je eigenen Rolle als Facharbeiter, Krankenpfleger, Universitätsprofessor oder Busfahrer usf. immer auch als Wissensvermittler und Dialogpartner für Anders- und Gleichdenkende sieht.

Jeder Mensch hat eine Fähigkeit, die ihn auszeichnet. Der aktive Staatsbürger nutzt sein Wissen, um seine Mitmenschen zu inspirieren oder zum Nachdenken anzuregen. Er überschätzt sich nicht, mischt sich aber dennoch aktiv ein. Es geht dabei nicht (nur) darum große Politik zu machen. Engagement kann im kleinen Rahmen zum Gelingen einer Nachbarschaft, eines Dorfes oder eines Stadtteils beitragen.

Von entscheidender Bedeutung sind drei Qualitäten: Zuhören, Handeln und Akzeptieren. Alle Meinungen, die vom demokratischen Meinungsspektrum abgedeckt werden, sollten zunächst Gehör finden. Auf Basis einer kritischen Auseinandersetzung sollte anschließend eine Haltung formuliert werden, die in eine Handlung überführt werden kann. Ist die Handlung dereinst ausgeführt gilt es, dass auch Menschen, die eine andere Handlung bevorzugt hätten die Entscheidung akzeptieren. Zumindest so lange bis ein neues (und besseres) Argument zu einem neuen Prozess des Aushandelns über ein bestimmtes Thema führt.




04 August 2018

"Meine Vorstöße sind anti-nostalgisch". - Robert Pfaller im Interview.

Robert Pfaller, Philosophie-Professor an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, kritisiert in seinem aktuellen Buch "Erwachsenensprache" den Neoliberalismus von links. Ein Gespräch über Bürgerlichkeit, politische Korrektheit, den Gender-Diskurs und unsere nostalgische Gegenwart. 

Tobias Lentzler: Herr Professor Pfaller, Genuss spielt in Ihren Werken eine zentrale Rolle. Warum? – Was macht diesen Begriff so zentral für Ihr Denken?

Robert Pfaller: An der Genussfähigkeit - also daran, ob Menschen sich gelegentlich die Frage stellen, wofür es sich zu leben lohnt - entscheidet sich, ob sie bereit sind, politisch zu kämpfen oder nicht. So, wie Bertolt Brechts Pariser Kommunarden in ihrer Resolution sagen: "In Erwägung, dass ihr uns nun eben/ mit Gewehren und Kanonen droht/ so haben wir beschlossen, von nun an/ schlechtes Leben mehr zu fürchten als den Tod."  
Wenn die Leute hingegen selbst verlernt haben, zu geniessen oder zufrieden zu sein, fangen sie auch an, anderen deren vermeintliches Glück zu neiden. Die derzeitige, für die Postmoderne typische Diffamierung vieler Glücksformen (wie Trinken, Rauchen, fett Essen, Autofahren, Flirten, Sex etc.) führt also zur politischen Wehrlosigkeit und zur neidischen Entsolidarisierung in der Gesellschaft.

Tobias Lentzler: Ein weiterer wichtiger Aspekt Ihres Denkens ist – soweit ich das feststellen kann – Ihre Überzeugung, dass das Private und das Öffentliche strikt voneinander zu trennen seien. Was geht verloren, wenn diese Begrifflichkeiten an Trennschärfe verlieren?

Robert Pfaller: Wie Richard Sennett bereits 1977 richtig erkannte, wird in westlichen Gesellschaften seit einigen Jahrzehnten die Errungenschaft der öffentlichen Rolle (des "Public Man", jeglichen Geschlechts) zugunsten der privaten Person aufgelöst. Alle kommen nun mit ihren persönlichen Empfindlichkeiten und Marotten in die Öffentlichkeit und verlangen nach "Anerkennung". Dadurch aber geht das Entscheidende verloren, was uns zu politischen Bürgerinnen und Bürgern macht. Als solche handeln wir, wenn wir unsere persönlichen Agenden ein Stück weit im Hintergrund halten - was schon bei elementaren Verhaltensweisen des öffentlichen Raumes wie zum Beispiel der Höflichkeit beginnt: auf die Frage, wie es einem geht, antwortet man ja bezeichnenderweise eben nicht mit dem eigenen Blutbild. Nur wenn wir das fertigbringen - was unsere Eltern- oder Großelterngeneration übrigens noch sehr gut beherrschte -, sind wir fähig, das Allgemeine in uns zum Vorschein zu bringen. Und nur dann sind wir in der Lage, uns mit anderen, ungeachtet von deren kultureller, sexueller, ethnischer oder religiöser Identität, zu verständigen, unsere gemeinsamen Interessen zu erkennen und uns mit ihnen zum politischen Handeln zusammenzuschließen. Die postmoderne Propaganda der Empfindlichkeit und der sogenannten "Sensibilisierung" hingegen ist eine Waffe der Zerstückelung der Gesellschaft, der Ablenkung auf unbedeutende Kleinigkeiten und der politischen Lähmung.

Tobias Lentzler: Ihr jüngstes Buch „Erwachsenensprache“ fällt in eine Zeit, da in vielen Ländern Europas und in den USA Kunstwerke kritisch hinterfragt, abgehängt oder gar übermalt werden. Wie kann man sich diesem Umstand philosophisch nähern?

Robert Pfaller: Überspitzt würde ich sagen: daran zeigt sich, dass man kein Muslim zu sein braucht, um sich wie ein Taliban aufzuführen. Die postmoderne Identitätspolitik mit ihrer Propaganda der Empfindlichkeiten erweist sich hier als Ideologie des Neoliberalismus: sie bedient das neoliberale Interesse der Privatisierung des öffentlichen Raumes; und seiner Unterwerfung unter persönliche Ansprüche. 

Tobias Lentzler: Welche möglichen Probleme entstehen aus der Art wie oben beschriebene Gesellschaften sich derzeit mit Kunst und Kultur auseinandersetzen?

Robert Pfaller: Der (oder die) vermeintlich Empfindlichste soll heute zum Maßstab dessen werden, was in der Öffentlichkeit vorkommen darf. Das alte Prinzip bürgerlicher Öffentlichkeit (im Sinn von citoyenneté) hingegen besagte, dass man im öffentlichen Raum Dinge und Meinungen bis zu einem gewissen Grad dulden muss, auch wenn sie einem nicht zur Gänze passen. Der Widerstreit von entgegengesetzten Ansichten und Interessen gehört ja zur Demokratie. Einen Film, den man nicht mag, muss man sich nicht ansehen; und eine Bar, in der geraucht wird oder in der Musik gespielt wird, die einem zuwider ist, braucht man ja nicht zu besuchen. Dieses Prinzip der maßvollen Zumutbarkeit widriger Dinge im öffentlichen Raum würde ich auch als Erwachsenheit bezeichnen. Diejenigen hingegen, die im Namen ihrer Empfindlichkeiten heute ständig nach Polizei und Zensur rufen, führen sich auf wie Kleinkinder. Dass Erwachsenheit heute nicht mehr von jedem Erwachsenen mit Selbstverständlichkeit erwartet werden kann - genau das macht meines Erachtens das Neoliberale an der Erosion des öffentlichen Raumes aus.

Tobias Lentzler: „Erwachsenensprache“ geißelt mit markigen Worten den Neoliberalismus. Was lässt Sie vermuten, dass er die Triebfeder der heftig diskutierten Fragen nach politischer Korrektheit oder rücksichtsvollem Sprechen ist?

Robert Pfaller: Die von vielen scheinbar emanzipatorischen Akteuren vorangetriebene Infantilisierung erscheint mir als eine sehr nützliche Stütze des Neoliberalismus. Die Leute kümmern sich nur noch um Kleinkram und symbolische Kompensationen, während in der Gesellschaft, wie zum Beispiel an der Banken- und Finanzkrise 2008 deutlich wurde, eine massive Umverteilung des Reichtums zugunsten der Reichsten stattfindet, gegen die kaum jemand mehr etwas unternimmt. Die Philosophin Nancy Fraser hat die Empfindlichkeitspropaganda der political correctness des sensiblen Sprechens darum auch als "progressiven Neoliberalismus" bezeichnet.

Tobias Lentzler: Wie erklären Sie sich, dass die Forderungen nach Binnen-I, Gendersternchen o.ä. öffentlich derzeit so stark – und oft auch recht einseitig – rezipiert werden? Inwieweit lassen diese Fragen Ihrer Meinung nach eine differenzierte Auseinandersetzung zu?
 
Robert Pfaller: Wie der Philosoph Spinoza bemerkte: Was die Menschen aus Vernunft erkennen, das verteidigen sie auch mit Vernunft. Was sie hingegen aus Leidenschaft erkennen, das verteidigen sie auch mit Leidenschaft. Bezeichnend erscheint mir für unsere gegenwärtige Situation, dass Massnahmen mit umso größerer Heftigkeit verteidigt werden, je weniger sie den betroffenen Gruppen wirklich nützen. Von Binnen-Is oder Gendersternchen kann sich niemand etwas kaufen.
Seit etwa 1980 haben die Sozialdemokratien und Mitte-Links-Parteien in den westlichen Ländern kaum mehr etwas gegen die wachsende ökonomische Ungleichheit unternommen. Gegen die Vorstöße von Thatcher und Reagan waren sie noch ohnmächtiger als die Bevölkerungen, die ja immerhin das eine oder andere Mal versucht haben, wieder eine Alternative an die Macht zu wählen. Aufgrund ihrer Ohnmacht haben eben diese Mitte-Links-Parteien ihre Aufmerksamkeit auf die Kultur und den symbolischen Raum verlagert - daher zum Beispiel das Augenmerk auf die Sprache. Aber wenn man Probleme, die auf der Ebene der Ökonomie und der Sozialpolitik gelöst werden müssen, in die Kultur verlagert, dann löst man diese Probleme nicht nur nicht; man schafft sogar zusätzliche neue. Man macht dann im Namen vermeintlicher Emanzipation auch noch reaktionäre Kulturpolitik, zum Beispiel durch verschärfte Zensur.

Tobias Lentzler: Viel ist derzeit von „Filterblasen“ und dem Verlust einer zivilisierten Diskussionskultur die Rede. Wie könnten wir Letztere wieder fördern?

Robert Pfaller: Indem wir uns auf der Ebene der Ethik wieder zunehmend wie erwachsene, mündige politische Bürgerinnen und Bürger verhalten, die in der Lage sind, ihre gemeinsamen Interessen zu erkennen und sie handelnd wahrzunehmen. Und indem wir auf der Ebene der Politik beginnen, Probleme ungleicher Einkommen als ökonomische Probleme, und nicht als kulturelle oder sprachliche, zu behandeln.

Tobias Lentzler: In Ihrem Buch „Erwachsenensprache“ plädieren Sie für das Prinzip der Bürgerlichkeit, das persönliche Befindlichkeiten in der Öffentlichkeit zurückstellt. Welche Fähigkeiten müssen gestärkt werden, damit Bürgerlichkeit wieder in den Fokus unseres öffentlichen Handelns rücken kann?

Robert Pfaller: Man muss die Leute, anstatt sie in ihren vermeintlichen Identitäten und den dazugehörigen Empfindlichkeiten zu bestärken, wieder daran erinnern, dass sie als Erwachsene durchaus in der Lage sind, einiges auszuhalten - ja sogar es als Bereicherung zu nutzen. Von manchem, was mir gegen den Strich geht, kann ich bei näherer Betrachtung schließlich auch etwas lernen.

Tobias Lentzler: An vielen Stellen in „Erwachsenensprache“ plädieren Sie für eine offene Gesellschaft, die „ohne Inklusion von identitären oder gemeinschaftlichen Gruppen“ politische und kulturelle Teilhabe ermöglicht. Skizzieren Sie bitte: Welche Schritte müssen wir unternehmen, um diesen Gesellschaftstypus zu erreichen?

Robert Pfaller: Gerade den heute um das Sprechen so sehr Besorgten scheint eines nicht aufzufallen: eine inklusive Gesellschaft ist, genauso wie eine exklusive, eine geschlossene Gesellschaft. Es geht doch nicht darum, alle einzuschließen, sondern darum, einen offenen Raum herzustellen, zu dem alle, ungeachtet ihrer Herkünfte oder Besonderheiten, Zugang haben. Dazu müssen sie auch nicht dauernd drinnen sein - wie das der irreführende Begriff der "Partizipation" unterstellt hat. Gerade am aktuellen Kapitalismus kann man lernen, dass oft diejenigen, die nicht aktiv mitmachen, von manchen Prozessen am meisten haben. Wenn man an dem Wort "Teilhabe" festhalten will, dann sollte man es darum nicht mit "Partizipation" übersetzen, sondern vielleicht eher mit "shareholding".

Tobias Lentzler: Herr Prof. Pfaller, viele Ihrer Vorschläge erscheinen lohnenswert, allein sie wirken auch weit entfernt davon derzeit gesellschaftlich zu verfangen. Würden Sie sich als Nostalgiker bezeichnen? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? 

Robert Pfaller: Ich glaube, die Gegenwartskultur ist zutiefst nostalgisch. Das kann man zum Beispiel am Retro-Design sehen, mit dem die Industrie den sehnsüchtigen Wunsch der Leute nach bestimmten, jüngeren Vergangenheiten bedient: etwa mit dem Mini oder dem Fiat Cinquecento. Nun kann man sich fragen, wonach sehnen sich die Leute zurück? - Und eines wird dabei sofort klar: sie sehnen sich nach einer Vergangenheit, die ihrerseits keine Sehnsucht nach Vergangenheit hatte. In den 60er und 70er Jahren gab es kein Retrodesign. Und zwar deshalb, weil die Leute damals begründete Hoffnung hatten, dass es ihnen in der Zukunft besser gehen würde. Wir sehnen uns heute also zurück in eine Vergangenheit, die anders als wir, noch Hoffnung auf Zukunft hatte. Da ich versuche, mit meinen bescheidenen philosophischen Mitteln eine Ethik und eine Politik zu befördern, die den Menschen wieder Aussicht auf eine bessere Zukunft verschafft (so, wie es derzeit, in nicht unbedeutendem Maß die Bewegungen rund um Bernie Sanders und Jeremy Corbyn tun), würde ich meinen, dass meine Vorstöße anti-nostalgisch sind.

Tobias Lentzler: Ijoma Mangold hat in der „Zeit“ 2016 vom „Verlust der Mitte“ gesprochen. Von links käme „Hypermoral“, von rechts „blanke Gewalt“. Begreifen Sie Ihre Arbeit als ein Plädoyer für eine neue Form von Bürgerlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft? Wenn ja, warum? Wenn nein, wofür plädieren Ihre Arbeiten dann?


Robert Pfaller: Sie dürfen nicht übersehen, dass ich die aktuelle Pseudolinke von links kritisiere. Gegen eine kulturelle Symbolpolitik, die letztlich den Neoliberalismus stützt, fordere ich eine ökonomische Politik, die ihn bekämpft. Ein Einsatz und Terrain dieses Kampfes ist aber tatsächlich die Frage, ob wir in Zukunft noch so etwas wie eine bürgerliche Öffentlichkeit haben werden, oder ob es den echauffierten "Kulturtaliban" westlicher Prägung gelingt, diese zur Gänze zu zerstören und ein Regime des "betreuten Denkens" einzurichten, wie die Philosophin Maria-Sibylla Lotter dies treffend genannt hat.  Das Wort "bürgerlich" bezeichnet hier den citoyen - eine Anrede, mit der auch Karl Marx seine Freunde und Genossen bedachte -, und nicht den bourgeois. Darum sehe ich meine linke Position in einer Allianz mit jenen bürgerlichen, liberalen Kräften, die ebenfalls den öffentlichen Raum von der Übernahme durch gutmeinende Privatinteressen schützen wollen. Bertolt Brechts Satz "der Kommunismus ist das Mittlere" scheint mir hierin eine mögliche Anwendung zu finden.

Tobias Lentzler: Wie gehen Sie nach dem Erfolg Ihrer Bücher mit möglicher Kritik von weit links bzw. Lob von weit rechts um? – Wie nah sind sich diese Extrem-Positionen argumentativ?

Robert Pfaller: Lob von rechts bekomme ich kaum jemals; und Kritik kommt nie von weit links, sondern meist von einer bourgeoisen, pseudolinken Mitte. Das ist nicht überraschend. Aus meiner Sicht sind die Kulturlinke und die extreme Rechte derzeit Komplizen. Denn alles, was wirklich von links kommt, kann die Kulturlinke bequem als rechts diffamieren. Und die Rechte profitiert davon, dass der Großteil der unteren Mittelschichten sich von der pseudolinken Kulturpolitik übergangen fühlt. Weil Empfindlichkeitspolitiken, Sprachorthodoxie, Museumszensur und ähnliche Maßnahmen immer nur Distinktionskapital für die Eliten erzeugen, wählen die durch diese Distinktion Deklassierten eben derzeit zornig rechts. Das könnte sich bald aber auch wieder ändern.

Tobias Lentzler: Wie sollten Ihrer Meinung nach Universitäten heute aussehen, damit Sie zum Denken anregen und öffentliche Debatten befruchten?

Robert Pfaller: Offen und gegen alle repressiven Empfindlichkeiten am Ideal der Erwachsenheit orientiert - so, wie das der Dekan der University of Chicago, John Ellison, einmal mit bewundernswerter Klarheit festgehalten hat: wir geben keine "trigger warnings" aus; wir laden eingeladene Vortragende nicht deshalb wieder aus, weil sie unbequeme Ansichten vertreten, und wir kreieren keine "safe spaces". Dieses Ideal muss auch für die Gesellschaft als ganze gelten: eine emanzipierte Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass alle Identitäten "sichtbar", und alle Empfindlichkeiten durch Zensur berücksichtigt sind. Die völlige Sichtbarkeit aller Gruppen hatten wir doch schon einmal - die haben die Nazis perfekt vorexerziert. Und was die, die es gut meinen, durch Zensur und Zerstörung anrichten, kann man zum Beispiel daran sehen, was die islamistischen Fanatiker des Daesh vor kurzem mit Timbouktou, dieser wunderbaren Stätte islamischer Gelehrsamkeit, gemacht haben. Eine egalitäre Gesellschaft hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass alle unbesehen ihrer Identität - entsprechend dem Ideal der "blinden Justitia" - Zugang zum öffentlichen Raum haben.

Tobias Lentzler: Zuletzt: Sie sind Professor an der Kunstuniversität in Linz. Welchen Eindruck macht der (akademische) Nachwuchs auf Sie? Wie blicken Sie auf Basis Ihrer Beobachtungen in die Zukunft? 

Robert Pfaller: Linz ist eine Arbeiterstadt. Der österreichische Bürgerkrieg hat am 11. Februar 1934 durch den Widerstand unbeugsamer Schutzbündler gegen die katholisch-faschistische Dollfuß-Diktatur hier seinen Ausgang genommen. Diese Tradition ist auch heute noch spürbar. Auch wenn freilich ein großer Teil der Studierenden nicht aus Linz kommt, scheint mir unter ihnen doch eine bestimmte politisierte Vernunft als Grundstimmung zu herrschen, die sie deutlich unempfänglicher macht für modische pseudolinke Strömungen, wie sie die bürgerlicheren Studierenden anderer Kunstuniversitäten, wie das Kunstfeld überhaupt, prägen. Aus dieser mainstream-kritischen Haltung gehen immer wieder grandiose Arbeiten hervor, wie zuletzt zum Beispiel die aufblasbare Karl-Marx-Monumentalskulptur von Hannes Langeder. Die intellektuellen und politischen Ressourcen sind also je nach Standort unterschiedlich. Ein großer Teil dessen allerdings, was die Universitäten in Europa zu Brutstätten eines kritischen Intellektualismus machen konnte, scheint mir heute massiv gefährdet durch die Reformen seit den 1990er-Jahren - also die sogenannte Bologna-Reform sowie die damit zusammenhängende Privatisierung der Universitäten (in Österreich "Vollrechtsfähigkeit" genannt) und die entsprechende Ökonomisierung der Bildung. Universitäten sind dadurch weitgehend zu stumpfen Ausbildungs- und Lernanstalten verkommen. Man kann den Studierenden kaum einen Vorwurf machen, wenn sie sich entsprechend verhalten. In kleinen Nischen aber kann man, wenn man Glück hat, sowohl als Student wie als Lehrender, noch vernünftig arbeiten. Von solchen Nischen kann dann auch mitunter ein kräftiger politischer Impuls ausgehen - wie zuletzt bei dem in seinem Umfang wie in seiner Qualität äußerst beachtlichen Streik im Jahr 2009, der, von einer Wiener Kunstakademie ausgehend, sich quer durch Europa zog und an dem sich Millionen von Studierenden wie Lehrenden beteiligten. Es verhält sich hier wie überall in der Gesellschaft: alle Tiger, die man vorübergehend ablenkt oder sediert, könnten eines Tages zorniger erwachen.




21 Mai 2018

Beobachtungen: Das Uneindeutige ist ein Opfer unserer Gegenwart.

Subtilität ist ein potenzielles Opfer einer Kultur der Eindeutigkeit, die sich in Bewertungsschemata wie "like"/"dislike" manifestiert. Über kurz oder lang steht zu befürchten, dass sich dadurch Kreativität und Tiefe verlieren könnten. Denn eine Kultur, die Urteile über kulturelle Lebensäußerungen nur anhand von zwei entgegengesetzten Punkten eines Spektrums bewerten kann, wird der Komplexität menschlichen Lebens nicht gerecht. 

Unsere digitale Gegenwart ist alles andere als subtil. Ständig werden wir dazu aufgefordert Produkte zu bewerten oder gar Menschen. "Like" und "Dislike", Rankings und Noten gewinnen zunehmend an Bedeutung. Der Soziologe Steffen Mau hat das 2017 in seinem Buch "Das Metrische Wir" als "Quantifizierung des Sozialen" bezeichnet und davor gewarnt, dass die zunehmende Vermessung des Lebens auch zu einer "Spaltbarkeit des Sozialen" führe. 
Eine künstlich erzeugte Vergleichbarkeit all unserer sozialen (Lebens-)Äußerungen scheint in der Tat Maßstäbe zu verschieben. Diese Aussage ist zunächst nicht normativ gemeint. Sie soll lediglich dafür sensibilisieren mögliche Veränderungen wahrnehmen zu können.

Verstehen wir Kultur im weitesten Sinne als die (geistigen) Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, so betreffen Veränderungen des Sozialen selbstverständlich auch die Kultur. Bewertungen in Form von Noten, Punkten, Likes oder Sternchen stellen an der Oberfläche Eindeutigkeit her. Sie lassen es zu Restaurants, Hotels oder so genannte Influencer, aber auch kulturelle Erzeugnisse wie Bücher, Filme, Tonträger in eine Reihenfolge zu bringen. 
Diese Rankings erleichtern auf den ersten Blick das Leben. Sie zeigen an, welche Gaststätten man lieber meiden, um welche Herbergen man besser einen Bogen machen sollte. Auch lässt sich an ihnen ablesen, welche Youtuber oder Musiker gerade hoch im Kurs stehen und augenscheinlich Beachtung verdient haben. 
Bewertungen provozieren eine Kultur der Eindeutigkeit, vielleicht gar der Konformität. Trends nicht aufzunehmen, ist ein Luxus. Sich Bewertungen zu verweigern fast unmöglich. Letztere werden gar zu einer Waffe, die Enttäuschte gegen Hotelbetreiber, Restaurantbesitzer oder Kulturschaffende einsetzen können. Sind die schlechten Noten für einen Gasthof zum Beispiel Ausdruck einer persönlichen Kränkung oder einer ernsthaften Warnung vor ungenießbaren Speisen? Oder: Ist die miserable Bewertung eines neuen Buches auf die stümperhafte Komposition der Charaktere oder umstrittene Äußerungen des Autors zurückzuführen?

An diesem Punkt werden Bewertungen bzw. Rankings paradoxer Ausdruck einer Kultur der Eindeutigkeit, die zugleich Uneindeutigkeiten hervorbringt. Ist ein "Like" immer auch ein "Dislike" seines Gegenteils?

Erst dort, wo sich diese Frage stellt, wird es spannend. Erst hier setzen Diskurse an, wird Kultur lebhaft. Doch die Paradoxie der Kultur der Eindeutigkeit lebt davon, dass diese Debatten - wenn sie denn überhaupt geführt werden - ausgelagert, d.h. unabhängig von der ursprünglichen Lebensäußerung, geführt werden. 

Über kurz oder lang steht zu befürchten, dass die Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit der massenhaften Bewertung einer Lebensäußerung zu einem Verlust an Kreativität und Tiefe von Werken führt. Zugänglichkeit, d.h. Massentauglichkeit könnte einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Natürlich ist diese Sorge nicht neu. Sie stellt sich ob der immer weiter zunehmenden Bedeutung von Rangfolgen allerdings mit immer größerer Dringlichkeit. 

Kultur bedarf eines subtilen Elements. Vorhersehbarkeit lässt dem Betrachter eines Werkes, dem Leser eines Romans keinen Raum sich eigene Gedanken zu machen. Dabei besteht die Absorptions-Kraft eines Textes oder eines filmischen Epos ja gerade darin Leerstellen selbst füllen zu können. Eine raumgreifende Kultur der Eindeutigkeit bedroht diesen Zustand des Denkens.




17 April 2018

Essay: Schafft die Lehrpläne ab!

Digitalisierung - es ist das Schlagwort der Stunde. Auch und gerade, wenn es um unser Schulsystem geht. Aber wie genau sollten Schulen auf sie reagieren? Es wird jedenfalls kaum genügen mehr Whiteboards oder Computer anzuschaffen. Es braucht einen Wandel des Lernens. Der erste Schritt dahin wäre es, die starren Lehrpläne abzuschaffen. 

Als der Filmemacher Werner Herzog vor zwei Jahren auszog, um in der Dokumentation „Wovon träumt das Internet?“ aus einer neuen Welt zu berichten, traf er auf buddhistische Mönche, die nicht meditierten, sondern twitterten, Menschen, die vor Handystrahlen in die Wildnis flohen und Computerexperten, die an Fußball-Robotern arbeiteten, die dereinst Nationalmannschaften schlagen können sollten. All diese Beispiele waren Ausdruck einer Welt im Übergang vom Analogen ins Digitale. Diese Welt der zwei Geschwindigkeiten ist mittlerweile allerorten mit Händen zu greifen. Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht von diesem Wandel betroffen ist. Das so allgegenwärtige Schlagwort „Digitalisierung“ ist aus keiner Debatte mehr wegzudenken. Auch und gerade dann nicht, wenn es um das zukünftige Rollenverständnis von Schulen oder das Schulsystem im Allgemeinen geht.

Klar ist, dass die derzeit föderal erstellten Lehrpläne nicht mehr zeitgemäß sind. Sie sind starr und gehören in ihrer jetzigen Form abgeschafft. Um den tiefgreifenden Veränderungen unserer Zeit Rechnung zu tragen, müssen Schulsysteme den Spagat zwischen alter und neuer Welt meistern. Allein mit mehr Whiteboards, Smartphones in Klassenzimmern oder digitalen Klassenbüchern wird dies nicht gelingen. Vielmehr braucht es eine grundlegend neue Herangehensweise an die Vermittlung von Wissen. Moderne Lehrpläne sollten auf zwei Säulen ruhen. Die erste trägt der analogen Welt Rechnung. Ziel hierbei sollte es sein den Unterricht auf einem Bildungskanon aufzubauen, der Schülern hilft eine Art Landkarte des Wissens in verschiedenen Gebieten zu erwerben. Neben den naturwissenschaftlichen Fächern, der jeweiligen Landessprache und Fremdsprachen, sollten auch Fächer wie Geschichte oder Philosophie darin aufgenommen werden. Im Idealfall ist dieser Bildungskanon der Ausgangspunkt dafür sich auf der Basis erworbenen Wissens eigene Gedanken zu machen und diese für eine Welt im Wandel fruchtbar einzusetzen. Der Bildungskanon sollte sich zuvorderst nicht darum kümmern Schülern bloß „skills“ für einen späteren Arbeitsplatz zu vermitteln, sondern unabhängig davon Freude am Lernen und am „gebildet sein“ wachrufen. Gerade in Anbetracht einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt erscheint dies weit wertvoller als Fähigkeiten zu erwerben, die nach einer Weile nicht mehr gefragt sind. 

Neben der analogen Säule entfernt sich die zweite, digitale Säule von den starren Lehrplänen der Gegenwart. Vorstellbar wäre eine regelmäßige Zusammenkunft von Lehrern, Schülern und Politikern auf Ebene der Bundesländer, um aktuelle Entwicklungen des Schulsystems zu diskutieren. Die Konferenzen, die in regelmäßigem, mehrjährigem Abstand stattfinden sollten, stellen hierbei folgende Frage in den Mittelpunkt: „Was und wie wollen wir lernen?“ – Auf dieser Basis diskutieren die beteiligten Akteure Bildungsfragen und beschließen am Ende in gemeinsamer Abstimmung Lehrpläne für die kommenden Jahre. Die Schwerpunkte des Plans könnten hierbei zum Beispiel aktuell debattierte technische Innovationen oder gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren. 

Deutlich wird in diesem Vorschlag, dass es nicht nur darum geht Schüler mit besserem Internet in Schulen auszustatten oder sie im Programmieren zu unterrichten. Schüler sollten nicht nur Konsumenten digitaler Produkte sein, sondern mündige Staatsbürger, die schon früh die geistige Flexibilität erlernen, die eine Welt im Übergang verlangt.