09 November 2019

Essay: Konfrontation und Begegnung - Die Digitalisierung und wir. - Ein Plädoyer für mehr Differenzierung.

Viele Debatten unserer digitalen Gegenwart kranken an einer angemessenen Form der Differenzierung und bleiben so häufig Konfrontation. Die Dinge erscheinen uns somit entweder schwarz oder weiß. Die Ursache hierfür liegt in meinen Augen darin, dass es uns zumeist an der Fähigkeit zu moderieren fehlt.

Die Großstadt mit all ihren Verlockungen, all ihren Reizen, den dunklen Ecken, dem Lärm, dem Gestank, der Vielfalt, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Quelle nicht enden wollender Inspiration, aber auch Überforderung für Lyriker unterschiedlicher Strömungen wie Erich Kästner oder Georg Heym. 

Das Internet der Gegenwart erinnert an dieses wilde Nebeneinander des Schönen und Schrecklichen, des Anrührenden und Abstoßenden. Allein, die Großstadt bot dem Einzelnen Räume sich zu verstecken. Er konnte sich in die nächste Kneipe flüchten, in seine Wohnung oder hinaus aufs Land. Das ist im Netz ohne weiteres nicht möglich. Sicher, man kann auf den breitgetretenen Pfaden der Nachrichtenportale wandeln, seinen Facebook-Freundeskreis auf jene beschränken, die einem auch im echten Leben lieb und teuer sind und doch ist da am Ende die permanente Konfrontation mit dem Anderen. Sei es eine kurz aufgeschnappte Schlagzeile, ein Kommentar unter einem Youtube-Video, ein von Freunden geteiltes Meme. Sozial ist das Internet in dem Sinne, dass es es den Einzelnen immer in Beziehung zu etwas oder jemand anderem setzt. Das Gesehene oder Gelesene ruft im Individuum zwangsläufig eine Reaktion hervor.
Natürlich kann ich als Einzelner mein Smartphone ins Nebenzimmer verbannen oder den Computer ausschalten; aber angesichts der Tatsache, dass ein Großteil des wirklichen Lebens mittlerweile "in Bezug auf" das Netz stattfindet, ist das auf Dauer keine Option. Der permanente Konfrontationsmodus, in welchem wir durch das Internet streifen, überträgt sich in meinen Augen auf unsere Begegnungen in der Offline-Welt. 
An sich sind Begegnungen nach einer auch offline zwangsläufigen Konfrontation ("Da steht jemand" oder "Da hat mich jemand angesprochen") ein Abtasten: Mit den Augen, mit eingeübten Floskeln ("Wie geht es Ihnen?"), im Smalltalk. Das Internet verhält sich hier hingegen wie ein Monolith. Video, Bild oder Text, dem wir begegnen, steht für sich. Der Monolith erklärt sich nicht. Er ist einfach da. Je nachdem, zu was ich mich verhalten muss, sehe ich zunächst entweder bloß schwarz (Opposition) oder weiß (Zustimmung). Der nächste Schritt nach dieser Konfrontation wäre in der Offline-Welt jener Prozess des Abtastens, den ich oben benannt habe. Der ist im Netz jedoch kaum möglich: Die Logik des Internets gibt mir nur eine begrenzte Anzahl an Optionen zu reagieren: Ignorieren, kommentieren, teilen, melden. Das macht unser digitales Zusammenleben weniger differenziert als es bei einer realen Begegnung sein kann. 

Da wir alle - egal ob "digital natives" oder "silver surfer" - noch kaum Erfahrung mit dem Netz als Begegnungsraum haben, sind wir an sich permanent überfordert. Von Hass und Hetze, von Meme um Meme, von der Bilder- und Nachrichtenflut. Unsere Fähigkeit zu differenzieren scheint mir durch die permanente kognitive und emotionale Überforderung auf der Strecke zu bleiben. 
Die Digitalisierung und das Netzrauschen verlangen von allen Menschen nicht nur die Fähigkeit ihre Meinung zu äußern, sondern auch die Fähigkeit Gesagtes oder Geschriebenes zu moderieren. Wir müssen mit anderen Aussagen und Meinungen auf unsere Aussagen viel ungefilterter umgehen als in der prä-digitalen Zeit.
Zum Moderieren gehört die Fähigkeit zur Differenzierung. Wenn diese jedoch - wie oben dargelegt - permanent durch Konfrontation unterbunden wird, fördert dies unser Bedürfnis uns gegen das Geschriebene oder Gesagte zu verteidigen. So wogt im Netz nach meiner Empfindung vor allem deshalb so viel Negativität auf und nieder, weil Menschen permanent daran scheitern Debatten zu moderieren und sich in einer Art Dauerverteidigung befinden.

Wenn wir das Netz als Medium der Debatte nutzen wollen, als Instrument der Demokratisierung, welches es zumindest in Teilen zweifelsohne sein könnte, so müssen wir zunächst in der Offline-Welt lernen Gespräche zu moderieren. Umgekehrt - so ist derzeit zu beobachten - hält die mangelnde Differenzierung der "Netzgespräche" auf teils erschreckende Weise Einzug in unseren Alltag.