06 Februar 2020

Essay: Wie Wandel gelingen kann. - Zwei Miniaturen.

Die 2010er-Jahre haben uns eine Reihe drängender Fragen hinterlassen. In zwei kurzen Miniaturen versuche ich zu zeigen, was uns dabei helfen kann, zu einem gelingenden Wandel beizutragen.

Wer in den letzten Wochen durch Magazine oder Zeitungen geblättert hat, auf Instagram oder Twitter aktiv war oder Websites quergelesen hat, wurde immer wieder mit groß angelegten Bilanzen der 2010er-Jahre konfrontiert. Der "Sound" vieler Artikel lag irgendwo zwischen Ernüchterung und Krisenmodus, zwischen sehr leisem Optimismus und lähmender Verzagtheit. Am Ende eines Jahrzehnts Bilanz ziehen, heißt auch aus der gegenwärtigen Gemütsverfassung der jeweiligen Autorin oder des jeweiligen Autors heraus abzurechnen. Die Bewertung der vergangenen Jahre erfolgt aus der "breiten Gegenwart" (Hans Ulrich Gumbrecht) heraus, oft beeinflusst durch Heuristiken wie den "availability bias", der uns eindrückliche Ereignisse wie Terroranschläge, Flugzeugabstürze oder ähnliches wahrscheinlicher erscheinen lässt, als sie es statistisch sind. Bewertungen der vergangenen Dekade sind also mindestens mit Vorsicht zu genießen - eine gewisse Distanz wird Ereignisse der 2010er-Jahre noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen.  

Klar ist: Die 2010er-Jahre haben uns eine ganze Menge Fragen hinterlassen. Diese reichen vom Klimawandel und all seinen nachgelagerten Herausforderungen über die Digitalisierung, die neben Fragen der Privatsphäre auch Fragen nach Arbeitsplatzschaffung und -rationalisierung aufwirft, Migration und Zusammenleben in multikulturellen Gesellschaften sowie die Bedrohung konsolidierter Demokratien durch Populisten.
Es ist leicht angesichts der Herausforderungen, die die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden, zu verzagen. Ratsam ist es nicht. Eine der zentralen Aufgaben der 2020er-Jahre wird es sein, mit den teils überlebensgroßen Herausforderungen umgehen zu lernen. Zwei Dinge können uns hierbei in meinen Augen helfen:

(1) Die Wiederbelebung der Öffentlichkeit in Politik und Gesellschaft oder: Über Kompromisse.

Der Begriff Öffentlichkeit kennt eine ganze Reihe von Definitionen. Ex negativo umreißt er das Nicht-Private. Schon diese Definition und ihre Auslegung könnten Gegenstand eines langen Exkurses sein. Um diesen abzukürzen, erlaube ich mir an dieser Stelle eine Setzung: Ganz im Sinne Seyla Benhabibs möchte ich Öffentlichkeit im Raum des Politischen verorten. In meinen Augen entfaltet sich der Raum des Politischen zwischen dem Staat mit all seinen Institutionen und Amtsträgern und der Gesellschaft, die sich aus Individuen und ihren je eigenen Bezügen aufeinander zusammensetzt. Öffentlichkeit verweist auf den Aushandlungsprozess politischer Fragen zwischen Staat und Gesellschaft. Außerdem bildet sie das Forum für neue Ideen, die einer der vorgenannten Akteure in den politischen Raum einbringt.
Allerorten wird beklagt, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität derzeit viel zu oft getrennt voneinander zu sein scheinen. Ich denke, dass Staat und Gesellschaft schon immer in einer Art und Weise voneinander getrennt waren; sie sind nicht deckungsgleich. Zwar ist der Souverän in einer Demokratie das Volk, welches verfassungsgebend ist und von dem alle Staatsgewalt ausgeht (Grundgesetz, Artikel 20, Absatz 2). Jedoch ist damit meines Erachtens nicht gemeint, dass staatliches Handeln und gesellschaftliche Realität bzw. Wünsche Einzelner an den Staat von vornherein deckungsgleich sein müssen.
Von entscheidender Bedeutung ist hierbei der (politische) Aushandlungsprozess, die Suche nach Kompromissen. Gegenwärtig wird dieser Prozess kaum wertgeschätzt. - Eine mündige Bürgerin bzw. ein mündiger Bürger zu sein heißt, sich seiner je eigenen Verantwortung für politische Entscheidungen bewusst zu sein und diese - beharrlich und ohne den Einsatz von Drohungen oder physischer Gewalt - im öffentlichen Raum zu vertreten. Die Politik muss den Vorstellungen und Wünschen der Bürger Rechnung tragen, indem sie diese anhört, aufnimmt und in den politischen Prozess einfließen lässt.
Auch in einer repräsentativen Demokratie gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, seine Meinung in den Prozess der Aushandlung einzubringen oder - und vielleicht gar vor allem - selbst Verantwortung zu übernehmen. Wichtig dabei ist, dass das Vertreten seiner eigenen Interessen niemals nur Selbstzweck sein darf und nicht von egoistischen Motiven geleitet sein sollte. Eine liberale Gesellschaft anerkennt die Freiheit jedes Einzelnen, misst ihm daher aber auch Verantwortung für sein Handeln zu. Dieses Leitmotiv erkennt in dieser Verantwortung auch die Notwendigkeit an, andere in den eigenen Vorschlägen mitzudenken, sie einzubeziehen oder sich einer Gruppe anzuschließen, die für die eigenen Überzeugungen einsteht. Ebenso bedeutet Verantwortung aber auch, duldsam und tolerant gegenüber anderen Gesellschaftsentwürfen zu sein - so sie denn auf dem Boden unserer Verfassung stehen. Schlussendlich bedeutet sie auch, kompromissbereit zu sein. Denn ohne Kompromisse, werden Aushandlungsprozesse allzu schnell zu Schaukämpfen ohne Ergebnis.


(2) Das Prinzip Hoffnung oder: Die Rolle des Pragmatismus. 

Jüngst hat Jonathan Franzen mit seinem Essay "What if We Stopped Pretending?" (The New Yorker, 08. September 2019) ein auf den ersten Blick sehr düsteres Bild für die Zukunft gezeichnet. Er schreibt, es gäbe zwei Möglichkeiten über den Klimawandel und seine Folgen nachzudenken, wenn man sich um den Planeten sowie die Menschen und Tiere auf der Erde sorge. Entweder, man hoffe, dass die Katastrophe noch abwendbar sei und würde von der Tatenlosigkeit der Welt von Tag zu Tag frustrierter oder wütender, oder man akzeptiere, dass ein "Desaster" eintrete und begönne von Neuem darüber nachzudenken, was es heiße Hoffnung zu haben.
Wie so oft in unserer (in vielerlei Hinsicht) überhitzten Zeit der unausweichlich unmittelbaren Reaktionen, wurde Franzens Essay als Nackenschlag für all jene interpretiert, die sich gegen den Klimawandel stemmen oder auf die Straße gehen, um der Öffentlichkeit immer wieder die Notwendigkeit zu handeln vorzuhalten. Man warf Franzen vor ein Pessimist zu sein, ein Zyniker gar. Zynismus gibt der Essay jedoch nicht her - vor allem dann nicht, wenn man die Definition dieses Wortes noch einmal genau studiert. Im "Großen Wörterbuch der deutschen Sprache" findet man das Wort "zynisch" unter anderem definiert als "eine gefühllose, mitleidlose, menschenverachtende Haltung zum Ausdruck bringend (...)". Wenn Franzens Essay eines nicht ist, dann menschenverachtend. Ganz im Gegenteil: Er ist getragen von einer humanistischen (auch kommunitaristischen) Grundhaltung, welche angesichts der dräuenden Katastrophe, die es zu akzeptieren gelte, die Bedeutung kleiner Schritte hervorhebt. In Franzens eigenen Worten klingt dies so: "Keep doing the right thing for the planet (...) but also keep trying to save what you love specifically - a community, an institution, a wild place, a species that's in trouble - and take heart in your small success".
Natürlich kann man Franzen Resignation vorwerfen; man kann der Meinung sein, dass seine Vorstellung davon, wie die Zukunft sich gestalten werde, zu düster sei. Jedoch erscheint diese Reaktion zu kurz gedacht - zu unmittelbar. - Denn welch produktive Gedanken beinhaltet Franzens Essay?
Wenn man seinen Text bloß überfliegt, kann man ihn als Entlastung lesen. Getreu dem Motto: "Wir können eh nichts tun, deshalb können wir uns der Katastrophe auch ergeben". Das genau sagt Franzen jedoch nicht. Er will, dass wir handeln - gemeinsam und jeder für sich. Er strukturiert jedoch unsere Erwartungen neu; er lässt uns eine neue Form des Pragmatischen erkennen. Wir können nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass wir das Unter-Zwei-Grad-Ziel (noch) erreichen werden, daher müssen wir einen neuen Umgang mit dem Klimawandel finden. Wir müssen uns ambitionierte, aber realistische Ziele setzen, den Fokus auf die Prävention vor Feuern und Fluten legen, Strategien zum Umgang mit vom Klimawandel bedrohten Staaten und Menschen finden sowie unsere Demokratien stärken, um zu verhindern, dass sie in Zeiten größten Drucks zusammenbrechen. All diese Punkte nennt Franzen - und er nennt sie zurecht. Was auf dem Spiel steht, was zu bewältigen wäre, ist immer noch gewaltig, aber es ist zweifelsohne leichter beispielsweise Vorkehrungen gegen massive Überschwemmungen zu treffen, als die weltweiten Emissionen auf Null zu senken. Noch einmal: All das entbindet uns nicht von der Verantwortung alle Anstrengungen für die Erreichung des Unter-Zwei-Grad-Zieles zu bündeln, aber es zeigt uns eine "second best option" auf, die uns immer noch in die Pflicht nimmt. Unmittelbarer sogar als es das erste Ziel tut. Ein Feld kann ich alleine bestellen und darauf für gute, ökologische Bedingungen sorgen - das kann ein Signal für andere sein, sich auch für eine bessere Landwirtschaft, ein nachhaltigeres Denken und Handeln einzusetzen.

Was diese beiden Miniaturen exemplarisch zeigen ist, dass die großen und zum Teil bedrohlichen Fragen unserer Zeit nicht gelöst werden können, wenn wir vor ihrer schieren Größe verzagen. Sie verlangen von uns, sie anders und neu zu stellen - sie darauf zu prüfen, ob sie uns vielleicht schon Wege vorgeben (ob alt und lange nicht mehr betreten oder neu und erst Stein für Stein gebaut) und sie weisen Kompromiss und Pragmatismus - zwei derzeit nicht sehr beliebten Kategorien des Politischen - eine entscheidende Rolle zu.
Wie sich unser Zusammenleben in Zukunft gestaltet, entscheidet sich in der Rolle, die wir der Öffentlichkeit beimessen und darin, wie wir lernen, scheinbar ausweglose Situationen so zu rahmen, dass unser Handeln die Hoffnung auf Veränderung erhält.