13 April 2018

Essay: Schafft die Lehrpläne ab!

Digitalisierung - es ist das Schlagwort der Stunde. Auch und gerade, wenn es um unser Schulsystem geht. Aber wie genau sollten Schulen auf sie reagieren? Es wird jedenfalls kaum genügen mehr Whiteboards oder Computer anzuschaffen. Es braucht einen Wandel des Lernens. Der erste Schritt dahin wäre es, die starren Lehrpläne abzuschaffen. 

Als der Filmemacher Werner Herzog vor zwei Jahren auszog, um in der Dokumentation „Wovon träumt das Internet?“ aus einer neuen Welt zu berichten, traf er auf buddhistische Mönche, die nicht meditierten, sondern twitterten, Menschen, die vor Handystrahlen in die Wildnis flohen und Computerexperten, die an Fußball-Robotern arbeiteten, die dereinst Nationalmannschaften schlagen können sollten. All diese Beispiele waren Ausdruck einer Welt im Übergang vom Analogen ins Digitale. Diese Welt der zwei Geschwindigkeiten ist mittlerweile allerorten mit Händen zu greifen. Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der nicht von diesem Wandel betroffen ist. Das so allgegenwärtige Schlagwort „Digitalisierung“ ist aus keiner Debatte mehr wegzudenken. Auch und gerade dann nicht, wenn es um das zukünftige Rollenverständnis von Schulen oder das Schulsystem im Allgemeinen geht.

Klar ist, dass die derzeit föderal erstellten Lehrpläne nicht mehr zeitgemäß sind. Sie sind starr und gehören in ihrer jetzigen Form abgeschafft. Um den tiefgreifenden Veränderungen unserer Zeit Rechnung zu tragen, müssen Schulsysteme den Spagat zwischen alter und neuer Welt meistern. Allein mit mehr Whiteboards, Smartphones in Klassenzimmern oder digitalen Klassenbüchern wird dies nicht gelingen. Vielmehr braucht es eine grundlegend neue Herangehensweise an die Vermittlung von Wissen. Moderne Lehrpläne sollten auf zwei Säulen ruhen. Die erste trägt der analogen Welt Rechnung. Ziel hierbei sollte es sein den Unterricht auf einem Bildungskanon aufzubauen, der Schülern hilft eine Art Landkarte des Wissens in verschiedenen Gebieten zu erwerben. Neben den naturwissenschaftlichen Fächern, der jeweiligen Landessprache und Fremdsprachen, sollten auch Fächer wie Geschichte oder Philosophie darin aufgenommen werden. Im Idealfall ist dieser Bildungskanon der Ausgangspunkt dafür sich auf der Basis erworbenen Wissens eigene Gedanken zu machen und diese für eine Welt im Wandel fruchtbar einzusetzen. Der Bildungskanon sollte sich zuvorderst nicht darum kümmern Schülern bloß „skills“ für einen späteren Arbeitsplatz zu vermitteln, sondern unabhängig davon Freude am Lernen und am „gebildet sein“ wachrufen. Gerade in Anbetracht einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt erscheint dies weit wertvoller als Fähigkeiten zu erwerben, die nach einer Weile nicht mehr gefragt sind.

Neben der analogen Säule entfernt sich die zweite, digitale Säule von den starren Lehrplänen der Gegenwart. Vorstellbar wäre eine regelmäßige Zusammenkunft von Lehrern, Schülern und Politikern auf Ebene der Bundesländer, um aktuelle Entwicklungen des Schulsystems zu diskutieren. Die Konferenzen, die in regelmäßigem, mehrjährigem Abstand stattfinden sollten, stellen hierbei folgende Frage in den Mittelpunkt: „Was und wie wollen wir lernen?“ – Auf dieser Basis diskutieren die beteiligten Akteure Bildungsfragen und beschließen am Ende in gemeinsamer Abstimmung Lehrpläne für die kommenden Jahre. Die Schwerpunkte des Plans könnten hierbei zum Beispiel aktuell debattierte technische Innovationen oder gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren.

Deutlich wird in diesem Vorschlag, dass es nicht nur darum geht Schüler mit besserem Internet in Schulen auszustatten oder sie im Programmieren zu unterrichten. Schüler sollten nicht nur Konsumenten digitaler Produkte sein, sondern mündige Staatsbürger, die schon früh die geistige Flexibilität erlernen, die eine Welt im Übergang verlangt.



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