17 Februar 2018

Beobachtungen: Zukunft ohne Menschen. - Digitale Visionen und ihr Einfluss auf Gesellschaften.

Der Begriff "Zukunft" klang lange verheißungsvoll. Er stand für gesellschaftliche Visionen, Aufstieg, Wandel; kurzum für bessere Zeiten. Zugleich hatte er auch immer schon ein bedrohliches Element. Wenn wir heute von Zukunft reden, ist dieser Begriff stark an die Digitalisierung und die Vorstellungen einiger weniger Technologie-Unternehmen geknüpft. Menschen kommen darin - so scheint es mir - nur noch als Platzhalter vor.

Roger Willemsens letztes Buch, das ein Fragment geblieben ist, stellt eine scheinbar einfache Frage: "Wer waren wir?". Er unternimmt darin das Gedankenexperiment aus der Zukunft auf unsere Gegenwart zurückzuschauen und stellt fest: "(...) da die großen Zukunftsträume ausgeträumt oder wahr geworden sind, stellen sich die Menschen die Zukunft oft nur noch unscharf vor. Nur Zeiten, die vieles zu wünschen übriglassen, sind auch stark im Visionären." Wir stellten uns die Zukunft  "(...) als die Wiederkehr des Vergangenen oder schlicht als Erlösung" vor, schreibt er weiter.

"Erlösung" erscheint mir ein treffender Begriff für viele Ideen zu sein, die aus dem Herzen des 21. Jahrhunderts, dem Silicon Valley in Kalifornien, kommen. Dort arbeitet man an Künstlicher Intelligenz, die das Wissen und die Fähigkeiten der Menschen weit übersteigen soll, oder an Möglichkeiten den bis dato unvermeidlichen Tod zu überwinden. "Zukunft" geht hierbei immer einher mit Selbstoptimierung oder der Übersteigung des Menschlichen.

Die Technikgläubigkeit der Gegenwart und eine beinahe manische Fixiertheit auf die "Zukunft", die hierbei synonym gesetzt werden könnte mit dem so allgegenwärtigen wie undeutlichen Schlagwort "Digitalisierung", sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass keine dieser "Visionen" eine ernsthafte Programmatik entwickelt, die das Leben aller Mitglieder einer Gesellschaft verbessert.
Selbstverständlich lässt sich nicht von der Hand weisen, dass z.B. die Digitalisierung der Medizin das Leben vieler Patienten verlängern und ihre Lebensqualität verbessern kann oder dass die sich stetig erhöhenden Rechenkapazitäten von Computern Vorhersagen von Erdbeben, Orkanen o.ä. durch die Auswertung enormer Datenmengen präziser machen können. Dennoch scheint vielen Ideen ein Sinn für das Gemeinwohl zu fehlen. Elemente, die Gesellschaften einen können, entdeckt man nicht. Alle gehen konsequent vom Individuum und der Optimierung des jeweiligen Lebens aus. Materielle Unterschiede, verschiedene Ansichten, variierende intellektuelle Kapazitäten oder gesellschaftliche Gegebenheiten, werden dabei jedoch oftmals ausgeblendet.

Das Versprechen, dass die Zukunft für die eigenen Kinder dereinst (noch) besser würde, erfüllt sich für viele heute nicht mehr. Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk sieht dadurch die Staatsform der liberale Demokratie bedroht.
Doch anstatt das öffentlich echte Ideen entworfen würden, die Gemeinwohl und Bürgersinn in den Mittelpunkt des (politischen) Denkens stellen und die Visionen vom Menschen aus denken, wird die Leerstelle "Zukunft" durch immer enger geschnittene Räume, in denen Freiheitsgewinne für einzelne Gruppen erlebbar sind bzw. sein sollen, besetzt. So lässt sich auf Dauer keine gesamtgesellschaftliche Vision entwickeln.

Die Zukunft, die sich das Silicon Valley  und viele Unternehmer aus der Technologie-Branche vorstellen, geht über den Menschen hinaus. Er ist - so meine ich - nicht der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Die Zukunft gilt somit nicht jedem unbedingt als ein Synonym für bessere Zeiten.
Begreifen wir die Zukunft als eine Denkfigur bzw. als Teil der "breiten Gegenwart", die Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt, und stellen uns immer wieder Roger Willemsens Frage "Wer waren wir?", oder besser: "Wer werden wir gewesen sein?", können wir möglicherweise grundsätzliche Thesen formulieren, die Gemeinwohl und Bürgersinn immer mitdenken.

Arno Schmidt schrieb schon 1955 in "Seelandschaft mit Pocahontas": "der Grundirrtum liegt immer darin, daß die Zeit nur als Zahlengerade gesehen wird, auf der nichts als ein Nacheinander statthaben kann. <In Wahrheit> wäre sie durch eine Fläche zu veranschaulichen, auf der Alles <gleichzeitig> vorhanden ist; denn auch die Zukunft ist längst <da> (die Vergangenheit <noch>) und in den erwähnten Ausnahmezuständen (die nichtsdestoweniger <natürlich> sind!) eben durchaus schon wahrnehmbar."



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