22 Dezember 2012

Glück verspüren - Ein Essay.

"Maßvoll und genügsam", Tobias Lentzlers erste Auseinandersetzung mit dem Thema Glück erscheint in den nächsten Wochen in der "Berliner Gazette". Grund genug sich ein weiteres Mal mit Glück auseinanderzusetzen. Was Camus, Schlingensief und Sisyphos gemeinsam haben, erfahren Sie in diesem Essay.

Das Meer - für viele Menschen ein Ort der Ruhe und gleichzeitiger Beständigkeit,
Foto: Tobias Lentzler
Schon Albert Camus sagte, wir müssten uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Ständig neu angetrieben von einer Aufgabe, die Erlösung vor Augen oder zumindest in Reichweite. In gewisser Weise gleichen alle Menschen dem Sisyphos: Glück verspüren wir, wenn wir eine Aufgabe haben; immer vor Augen, dass irgendwann Heil und Erlösung - wie auch immer diese geartet seien - auf uns warten. Christoph Schlingensief jedoch empfand diesen Heils- und Paradiesgedanken als bedrohlich. Er verstelle die Schönheit des Lebens, sagte er, den Tod vor Augen. Doch auch ich - kernig, jung und gesund - möchte mich Schlingensiefs These anschließen! Was hilft das Warten auf bessere Tage? Das Warten auf bessere Tage ist wie ein Warten auf Godot. Sie werden bestimmt nicht kommen. Denn wir bestimmen, was wir aus unseren gelebten Minuten, Stunden und Tagen machen. Zwanglos können wir uns geben, wenn wir unsere Pflichten ein wenig lausbübischer wahrnehmen - mangelnde Vorbereitung und ein Arbeiten auf den sprichwörtlich gewordenen letzten Drücker, gepaart mit ein wenig Belesenheit, Menschenkenntnis und Intelligenz wirken hierbei oftmals Wunder! 
Anstatt unter der Pflichtbelastung unseres heutigen Daseins zu ächzen, sollten wir vielmehr in uns hineinhorchen und uns fragen: Wann war ich das letzte Mal wirklich glücklich? - Denken wir dabei nicht immer bloß an materielles, liebevolles oder belohnendes, so werden wir lohnenswerte Momente schnell erkennen. Horaz wies uns an den Tag zu pflücken (lat. "carpe diem", obwohl er meiner Kenntnis nach kein Epikureier war. Er sprach bloß aus, was wir vergessen haben: Leben ohne unter Pflichten zu stöhnen. Wir müssen sie schätzen - sie sind uns eine Aufgabe. Tagtäglich und immer wieder aufs Neue! Denn Sisyphos, der Gestrafte, war glücklich! 

1 Kommentar:

  1. Die Gedankenführung scheint mir nicht ganz konzise: gerade Sisyphos hat keine Erlösung im eigentlichen Sinn vor Augen, weiss er doch um die Vergeblichkeit seiner Aufgabe (erschiene die Götterstrafe andernfalls nicht gleich um ein Vielfaches weniger monströs, ja: erträglicher?).

    Dennoch: ein schöner Text. Mit einem Augenzwinkern zu Weihnachen, mila.

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