06 Oktober 2011

"Alles viel, alles laut." - Henriette Kaiser im Interview.

Die Planung für ein Interview mit Henriette Kaiser, Autorin und Filmemacherin und nebenbei auch Tochter des Musikkritikers Joachim Kaiser, läuft seit Mai 2011. Wir telefonieren, planen ein Gespräch im Juni oder Juli - schlussendlich legen wir uns auf einen Termin im August fest. Das Interview soll in Berlin stattfinden. Doch auch daraus wird nichts, zu viel läuft gerade "drunter und drüber" in Henriette Kaisers Leben. Im September beschließen wir, das Interview per E-Mail zu führen. Nun ist es fertig - oft lohnt es sich um ein Gespräch zu kämpfen!




Tobias Lentzler:  
Liebe Frau Kaiser, Ihr Vater ist so etwas wie die „graue Eminenz“ der SZ. Inwieweit fühlt Sie sich von ihm in den Schatten gedrängt?

Henriette Kaiser:  
Na, das geht ja gleich in medias res. Ein verdammt komplexes Thema. Gut, weil Sie es sind: Zuerst musste ich mein eigenes Vater-Verhältnis klären, um mich aus vermeintlichen oder echten Schatten zu befreien. So einen Klärungsakt mit den eigenen Wurzeln muss meines Erachtens aber jeder Mensch in irgendeiner  Form für sich machen. Wahrscheinlich muss man mit einem Vater, der auch öffentlich eine Rolle spielt so eine Klärung gründlicher betreiben, als mit einem rein privaten Vater. Das weiß ich aber nicht. Ich kenne nichts anderes. Ich weiß nur, dass ich neben den internen Mechanismen zwischen meinem Vater und mir auch die Mechanismen durchforsten musste, die durch die Umgebung stattfinden. Die Rolle der Umgebung spielt bei diesen Schatten nämlich eine große Rolle. Wenn sie auf mich trifft, hat sie indirekt die Möglichkeit, an meinen Vater zu gelangen. Und darum geht es ihr oft. Ich bin oft nur  ein Mittler des Verhältnisses der Umgebung zu meinem Vater. Über das Treffen mit mir kann sich ihr Verhältnis zu meinem Vater spiegeln, von was auch immer dieses Verhältnis geprägt ist, von Interesse, Hass, Neid, Wut, Liebe, Bewunderung etc. Und noch verwirrender: Oft verbirgt sich hinter diesem Verhältnis ein komplexer Spiegel zu ihrem eigenen Vater-Verhältnis. Das alles prallt dann irgendwie auf mich und wirft seine Schatten. Es hat lang gedauert, bis ich begriffen habe: all die Reaktionen, die verletzenden, die schmeichelnden, die positiven, die negativen haben so gut wie nie etwas mit mir selber zu tun. Als ich das durchschaut habe, haben sich die Schatten weitestgehend verzogen. Im beruflichen Gefilde dauerte das länger als im Privaten, wo ich seit eh und je das Glück hatte, immer ganz großartige Freunde zu haben, denen mein Vater natürlich nicht egal - aber was mich angeht – doch sehr egal war.

Tobias Lentzler: 
Wie haben Sie Ihre Kindheit in Erinnerung? Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihre spätere Berufswahl?


Henriette Kaiser: 
Bei uns ging es immer recht emotional zu. Im Guten wie im schlechten. Unendlich viele Gespräche, viele Streitereien, viel Lachen. Alles viel, alles laut. Alles über den Kopf und trotzdem emotional. Viel Intellekt. Viel Ironie. Und unendlich viel Musik und Literatur. Und Theater und Film. Und Kunst. Asterix, Dostojewski, Patty Smith, Goya, Polke, Franz Schubert, "Vier Fäuste für ein Halleluja", Woody Allen, Fellini und Bunuel. Alles wild durcheinander, alles verbindend, alles bereichernd. Letztlich landet man da automatisch bei Film, weil es die komplexeste Erzähl- und Kunstform ist. Schon als 15-Jährige wusste ich, dass ich Filmregisseurin werden wollte.

Tobias Lentzler: 
Sie haben 3 Ausbildungen gemacht – warum?

Henriette Kaiser: 
Da ich schon immer den ganzen Tag herumgesungen habe, kam irgendwann einmal von meiner Mutter der Vorschlag, ob ich nicht Lust auf eine Gesangsausbildung hätte.  Mit 17, also noch vor dem Abitur, habe ich damit begonnen. Ein bisschen Talent hatte schon, aber immer deutlicher zeigte sich, dass ich nicht der Typ bin, der sich auf eine Bühne stellen muss, um andere Menschen mit seinem Singen glücklich zu machen, sondern eher der Typ bin, der sich gerne überlegt, was auf der Bühne stattfinden soll. Außerdem tauchte plötzlich auch das Problem mit meinem Namen als Kritikertochter auf. Für eine Laufbahn als Opernsängerin hätte ich ein Pseudonym annehmen müssen, hieß es von mehreren Branchenkundigen Leuten. Da hat sich aber alles in mir gesperrt.  Und dann half eine chronische Kehlkopfentzündung die Entscheidung zu fällen: ich durfte für ein halbes Jahr nicht mehr singen, ich zog nach Berlin, studierte diverse Geisteswissenschaften und stob an so vielen Opernbühnen wie möglich als Hospitantin und Assistentin herum. Über diese vielen Bühnenarbeiten spürte ich, dass meine Art zu erzählen und zu inszenieren eher in das Medium Film passen würde als auf die Bühne. Also begann ich bei Filmprojekten in allen möglichen Funktionen zu jobben. Mit Ende 20 bewarb ich mich dann auf der Filmhochschule und hatte das Glück, dass ich aufgenommen wurde. Bei meinem ersten Film, den ich selber schrieb, inszenierte und schnitt spürte ich: ja, das ist es. Alles, was ich je gelernt habe, alle meine Interessen kommen hier zusammen. Film und Musik liegen übrigens sehr nahe zusammen. Auch beim Geschichten erzählen geht es um Rhythmus, um das Atmen. Und eine Bühnenarbeit würde ich heue auch glatt machen.Da wird auch geatmet.

Tobias Lentzler: 
Auf Ihrer Website ist anhand vieler verworfener oder in die Schublade gelegter Projekte abzulesen, dass die Filmbranche heute ein sehr schwieriges Geschäft zu sein scheint. Was macht die Branche Ihrer Meinung nach so schwierig?

Henriette Kaiser: 
Das ist ebenfalls irre komplex verwoben. Grob gesagt: Die Filmbranche war schon immer schwierig und nichts für allzu empfindliche Gemüter. Einfach weil Film schon immer unendlich teuer war. Aber in den 90er Jahren haben sich Fernsehen und Kino immer mehr in eine Richtung Industrie entwickelt, wo erzählerische oder künstlerische Kriterien immer weniger zählten und marktwirtschaftliche Kriterien immer wichtiger wurden. Da haben meine Geschichten zwischen den Genres oft nicht ins System gepasst. Um einige der Geschichten, die nicht gemacht wurden, tut es mir leid. Andere haben sich schmerzfrei in Luft aufgelöst und wiederum andere haben sich als Zwischenstufen für andere Projekte herausgestellt.

Tobias Lentzler: 
Warum haben Sie das Filmen trotz vieler „Rückschläge“, also Verwerfungen oder verlorener Finanzierungen/ Förderungen nicht aufgegeben?

Henriette Kaiser: 
Es macht mir Spaß, Geschichten zu erzählen. Mir macht das Ausdenken und Schreiben Spaß und die Synergie, die sich mit anderen kreativen Menschen ergibt, wenn man dreht. Es macht glücklich, wenn man merkt, dass man die Menschen erreicht, mit dem, was man macht. Wenn das Kinopublikum an den Stellen lacht oder weint, wo man es sich erhofft hat, dann ist das einfach toll. Und noch toller ist es vielleicht, wenn man spürt, dass man Menschen manchmal vielleicht sogar helfen kann. Bei einem Projekt hatte ich das Glück, diese Erfahrung zu machen. Bei dem Buch "Schlussakkord", in dem es um das Sterben meiner Freundin ging und meinen sehr hilflosen Versuch, sie zu begleiten und zu stützen. Und aus all diesen Gründen möchte ich weitermachen.

Tobias Lentzler: 
Bücherschreiben tun Sie auch – was sind Ihre nächsten Projekte?

Henriette Kaiser: 
Seit Jahren schwebt mir ein Buch-Film-Projekt vor Augen, das mit Reisen zu tun hat. Mit filmischen Reisen,  mit echten Reisen. Ich habe aber nie genau gewusst, wie ich es angehen soll. Und nun habe ich den Ansatz gefunden. Ich mache eine lange Argentinien-Reise, und die wird der Aufhänger für die anderen Reisen, die ich erzählen möchte. Als Buch und auch als Film. Ich freue mich schon sehr. Ich mache übrigens beim Geschichten-Erzählen keine Unterscheidung in Film oder Buch. Beides ist für mich gleichwertig. Beides ist auch sehr ähnlich - abgesehen von den Faktoren einsames Rumarbeiten, Teamgedanken, Kostenpunkte und Abhängigkeiten.  Bei den Kosten und Abhängigkeiten ist das Schreiben natürlich im Vorteil. Aber der Teamgedanke und die Teamsynergie beim Drehen: das ist phänomenal. Mit einem Wort: der Wechsel von beiden Tätigkeiten scheint mir ideal zu sein.

Tobias Lentzler: 
Woher nehmen Sie ihre Inspiration für neue Filmstoffe oder Bücher?

Henriette Kaiser: 
Inspiration kann alles sein. Aber ich wähle und suche nicht die Stoffe, sondern die Stoffe wählen oder suchen mich. Meist, wenn ich in Bewegung bin. Beim gehen, beim reisen.

Tobias Lentzler: 
Was hat Sie in letzter Zeit bereichert?

Henriette Kaiser: 
Meine selber angepflanzten Tomaten, mein Salat. Meisen, die in ein Meisenhäuschen eingezogen sind, das ihnen ein Freund in meinem Garten gebaut hat, tolle Landschaften, die Möglichkeit, ganz nah vor alten Meisterwerken der Malerei zu stehen und ihnen in die Seele schauen zu können. Und gerade in letzter Zeit, wo sehr viele Umbrüche und unangenehme Dinge passiert sind, die großartige Unterstützung von echten Freunden.

Tobias Lentzler: 
Welches Projekt wollen Sie demnächst umsetzen?

Henriette Kaiser: 
Das Argentinien-Abenteuer. Und Hunde-Interviews, die ich dort führen werde. Todernst gemeint natürlich.

Tobias Lentzler: 
Welches Projekt ist Ihnen eine Herzensangelegenheit bzw. ein Stoff, der Ihnen am Herzen liegt?

Henriette Kaiser: 
Wofür ich immer noch nicht die richtige Form gefunden habe, ist mein Herzensprojekt über Mütter. Da geht es natürlich um alle Menschen, um das Leben an sich. Und dummerweise auch um Religion und Glaube. Dummerweise sage ich, weil dadurch der Stoff nicht eben vereinfach wird. Aber ich bin guter Dinge. Ich finde schon noch den Weg, dieses kleine "Epos" unterhaltsam, spannend und leicht zu erzählen. Über welche Umwege auch immer. Was mir dazu gerade einfällt: erzählen bedeutet auch, Dinge für sich begreifbar zu machen. Auch wenn das dann vielleicht andere Dinge sind, als die, die der Leser, Zuschauer, Betrachter für sich herausliest. Oder wenn man auch als Macher sich darüber nicht im Klaren ist, um was es eigentlich hinter der Geschichte geht. Schon doll, was da alles passiert.

Tobias Lentzler: Als 
Freiberuflerin kommen Sie sicherlich viel herum bzw. haben nicht immer einen festen Arbeitsplatz, oder? Wo sammeln Sie sich?

Henriette Kaiser: 
Ich komme nicht so viel herum, wie ich es gerne täte. Es gibt nun einmal Verpflichtungen und das Rumkommen kostet ja auch. Leider habe ich es bisher verpasst, einen zahlenden Auftragsgeber zu finden. Was das sammeln angeht, da bin ich aber zum Glück örtlich ungebunden. Ich sammle mich beim Yoga machen, beim Gehen und Wandern, bei guten Gesprächen, beim Lesen, beim Beobachten von Tieren und Genießen von schönen Landschaften in nah und fern.



Tobias Lentzler: 
Was geschieht bei Ihnen mit „verworfenen“ Drehbüchern oder Ideen?



Henriette Kaiser: 
Sie schlummern. Dann wachen sie manchmal auf, melden sich in neuer Form. Sie veralten. Oder sie werden plötzlich wieder topaktuell.

Tobias Lentzler: 
Ist Ihr Vater ein Vorbild für Sie? Wenn ja – warum? Wenn nein – was müssen Vorbilder leisten?

Henriette Kaiser: 
Es gibt in der Tat etwas, worin mein Vater für mich ein Ansporn war. Das ist der Versuch, komplizierte Dinge und Zusammenhänge nicht kompliziert zu präsentieren, sondern möglichst einfach. Ihm ist es mit all seinen Vorträgen und Aufsätzen wirklich immer ein Bedürfnis gewesen, dass man versteht, um was es geht und sich die Sinnlichkeit vermittelt. Ich versuche auch, komplizierte Themen möglichst lebensnah, also auch mit Humor und möglichst einfach zu erzählen, ohne den ernsten Inhalt zu denunzieren oder lächerlich zu machen. Dafür habe ich aber natürlich auch noch andere Vorbilder, z.B. Fellini und da besonders sein Film Amarcord. Ich wusste immer, wenn ich es schaffe, so einen großen Inhalt mit soviel Humor und Poesie zu erzählen, dann kann ich mich glücklich schätzen.

Tobias Lentzler: 
Wie beurteilen Sie den Stand der Hochkultur heute für die Ihr Vater immer so vehement eintritt? Was macht Sie Ihrer Meinung nach bedeutsam?

Henriette Kaiser: 
Oh weh. Letztlich gibt es für mich keinen Unterschied zwischen Hochkultur und "Nieder-Kultur". Für mich kann alle Kultur spannend, gut gemacht oder eben fad und schlecht gemacht sein.
Aber natürlich gibt es Kultur, die mehr wirkt, die länger Bestand hat, eindringlicher und auch anspruchsvoller ist, als eine andere. Aber es gibt - finde ich - keine kristallklaren Definitionen dafür, was Hoch oder Nicht-Hochkultur voneinander trennt. Vielleicht der Anspruch. Ein Anspruch, den vielleicht auch schon der Schaffende hatte, ein Anspruch aber auch für den Rezipienten, der die Kunst wichtig nehmen und dafür auch einen kleinen Einsatz aufbringen möchte: Zeit, Konzentration, Interesse, Leidenschaft. Das System, immer nur von irgendwelchen Events mitgerissen und überwältigt zu werden, das haut nicht hin. Letztlich ist Hochkultur vielleicht die Kunst, wo man sich auch mal wieder auf etwas konzentrieren und einlassen möchte, um Erfahrungen zumachen, die sich im Alltag nicht jeden Moment ergeben. Um wichtige Essenzen zu erleben. So gesehen wird sie zur Zeit vielleicht sogar noch wichtiger, als zu Zeiten, wo es nicht ganz so viel nur um Kommerz, um Verkäuflichkeit, um Ablenkung und  Werbung ging. Aber das ist jetzt alles ziemlich aus dem Bauch. Darüber könnte man stundenlang reden und schreiben. 

Tobias Lentzler: 
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Henriette Kaiser: 
Für eine Geigenkarriere ist es zu spät. Auch der Zug als Hochleistungssportlerin oder vielfache Mutter ist abgefahren. Ich hoffe nur, dass ich in fünf Jahren einigermaßen gesund und in mir ruhend bin und mich auf neue Abenteuer einlassen kann und an schönen Projekten arbeite, mit netten Menschen zusammen lebe und etwas Geld verdiene.

Tobias Lentzler: 
Planen Sie Ihr Leben minuziös oder leben Sie mehr in den Tag?

Henriette Kaiser: 
Ich mache gerne Pläne, dann weiß ich: so wird es auf keinen Fall laufen. Pläne sind dazu da, um verworfen zu werden. Aber nur in den Tag hineinleben, das ist mein Ding auch nicht. Dazu bin ich viel zu aktiv. Ich habe einen ganz guten Modus gefunden, beides zu verbinden. Ich werde immer besser darin, einen Rahmen zu haben und die unvorhersehbaren Momente zuzulassen und zu feiern.  Als Freiberufler, der nie einen sicheren Rahmen hat, macht man sich kaputt, wenn man das nicht lernt. 

Tobias Lentzler: Liebe Frau Kaiser, vielen Dank für dieses Gespräch.

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