03 April 2011

"Sie zu Ärgern ist ein gutes Instrument"- Wolf Schneider im Interview.

Das Gespräch mit Wolf Schneider findet am 13.August 2010 in seiner Wohnung in Starnberg statt. Er wirkt wach und voller Tatendrang. Auch nimmt er sich viel Zeit für die Beantwortung meiner Fragen. Geschickt streut er Bonmots ein, sucht nach den richtigen Worten – und natürlich findet er sie. „Wir sprechen beide ins Unreine“, wird er dennoch zum Ende des Gespräches sagen.



Tobias Lentzler: Was wollen Menschen heute lesen, wenn sie eine Zeitung aufschlagen?

Wolf Schneider: Immer weniger junge Menschen wollen wissen, was auf der Welt passiert. Etwa die Hälfte der 17-20jährigen versteht unter „informiert sein“, dass sie wissen, was ihre Freunde gerade tun. Sie lesen keine Zeitung mehr, schauen kein Fernsehen und lesen auch keine Zeitungen im Internet – nein sie schauen zu facebook.

Tobias Lentzler: Was bedeutet das dann für den Schreibenden? Muss er Regeln beherzigen, um nicht unterzugehen?

Wolf Schneider: „Am Anfang allen guten Stils steht die Frage, ob man etwas zu sagen habe – oh, damit kommt man weit!“ (Arthur Schopenhauer)
Interessante Stoffe und deren Aufbereitung sind das übliche Handwerk des Journalisten. Manche haben sie aus dem Bauch – in der Schule lernt man das nie! Dort scheint nicht angekommen zu sein, dass die Verständlichkeitsforschung eine exakte Wissenschaft ist! Vor allem im Feuilleton existiert dieses Schwelgen in grammatischen Höchstleistungen. Schlimm. Um sich abzuheben, muss man feurig beginnen. Wichtiges gehört in Zeile eins!
Wenn die Überschrift eines Artikels nicht zu langweilig ist, versucht der Leser mal ein paar Zeilen; nach zwanzig Sekunden ist es um seine Aufmerksamkeit geschehen – wenn er nichts Interessantes erfährt. Diese Ungeduld wächst in der heutigen Zeit noch weiter. Die Spiegel ONLINE Teaser sind daher auf 270 Zeichen begrenzt.
Im Deutschunterricht soll man in der Einleitung allmählich auf das Thema hinführen – nein, schrecklich. - Für Doktorarbeiten und Schulaufsätze verwerfen Sie aber bitte alles, was ich gesagt habe – tun Sie das Gegenteil. Denn der Ausweis der Wissenschaftlichkeit ist die Unverständlichkeit. Man möchte nur von einem kleinen Teil gelesen und verstanden werden.

Tobias Lentzler: Wie hält man sich in ihrem Alter über die gesamten Entwicklungen im Journalismus auf dem Laufenden? Auch der Journalismus ist ja ein schnelllebiges Medium geworden.

Wolf Schneider: Zunächst ist das ein allgemeines Interesse, und zusätzlich unterrichte ich regelmäßig an vier Journalistenschulen in Seminaren von 2-4 Tagen. Ich plaudere da nicht aus meiner Vergangenheit; ich mache harte Arbeit!

Tobias Lentzler: Hat sich Deutsch über die letzten 30 Jahre verändert?

Wolf Schneider: Das Deutsch an sich nicht. Ich kann nun aber dreißig Jahre lang den Bildungsstand von Abiturienten verfolgen. Dort geht es eindeutig bergab mit der Grammatik, der Interpunktion, der Rechtschreibung und den korrekten Konjunktiven. Der lebendige Umgang mit der Sprache ist aber geblieben. Allerdings werden die unverständlichen Anglizismen immer mehr. Ein Würstchenbudenbesitzer fühlt sich heute fast schon verpflichtet, einen englischen Namen an seinen Stand zu kleistern.

Tobias Lentzler: Warum passiert das? Möchte sich Deutsch anpassen?

Wolf Schneider: Es ist eine verdammte Liebedienerei der Deutschen. Alles Gute auf Erden fängt mit Englisch an. In keiner anderen großen Kulturnation ist das der Fall. Das ist ein Trauerspiel – für mich ein Gegenstand der Verachtung. Anfang Juni war ich zum Weltkongress der deutschen Auslandschulen in Shanghai geladen. Nach Frankreich hat Deutschland das zweitgrößte Auslandsschulsystem der Welt.
Ich hielt den Eröffnungsvortrag über Zustand und Zukunft der deutschen Sprache. Im Jahrbuch dieses Schulverbandes fand ich ausschließlich Aussagen wie: „Lernen Sie Deutsch, dann haben Sie es in Deutschland leichter.“ Dasselbe könnte ich über das Dänische oder Bulgarische sagen. In keiner Schrift des auswärtigen Amtes gibt es einen Hinweis darauf, dass das Deutsche vielleicht in irgendeiner Form wichtiger wäre. Ich gab ihnen diese Hinweise.
Deutsch ist nach Englisch, Spanisch und Chinesisch die am meisten gelernte Sprache im Ausland. Wir sind der drittgrößte Buchmarkt der Erde. Auch ist Deutsch die dritte Sprache auf Erden, aus der in andere Sprachen übersetzt wird, hinter dem Englischen und dem Französischen. Das heißt doch, wir sind Kulturnation Nummer drei!
Wir haben die größte Opern-, Theater-, Museen- und Konzertdichte der Welt! Aber keiner von diesen Superlativen fand sich in der Broschüre. Es scheint absolut verboten, etwas zu sagen, was das Deutsche über das Dänische oder Bulgarische hinaushebt!-
Ich habe zehn Jahre in Spanien gelebt, die Spanier haben ein vollkommen selbstverständliches Verhältnis zur Sprache. Sie hispanisieren einfach.
„Jeans“ nennen sie „tejanos“, also „Hose aus Texas“. Ganz einfach! Dieses Verhältnis zur Sprache fehlt den Deutschen komischerweise.

Tobias Lentzler: Wie kamen Sie eigentlich dazu, einen Videoblog auf sueddeutsche.de namens „Speak Schneider!“ zu machen?

Wolf Schneider: Der vorletzte Jahrgang der Hamburger Schule hatte den Eindruck, ich sei fernsehtauglich. Dann haben sie mich gefragt, ob sie da etwas einfädeln dürften, und ich habe eingewilligt. Nun kommen die alle vier Monate mit einem Kameramann zu mir und wir drehen die nächsten vier Folgen des Blogs.
Ich mache das nicht ungern. Erstens, weil ich ein mitteilsamer Mensch bin, und zweitens, weil die Chance, auch die aktuelle Generation zu erreichen, mich natürlich erfreut.
Die bis dahin größte Erweiterung meines Spektrums war die Moderation der NDR-Talkshow. Da hat meine Frau zunächst gelacht: Ich redete die Leute um Kopf und Kragen und könne doch keine Fragen stellen. Ich habe mich immerhin neun Jahre gehalten und von mir aus aufgehört.

Tobias Lentzler: Als ehemaliger Moderator der NDR-Talkshow haben Sie doch sicherlich ein Rezept, wie man die Leute zum Reden bringt, oder?

Wolf Schneider: Ein Rezept dafür weiß ich nicht! - Natürlich ist es aber nicht unwichtig, wie ich meine erste Frage stelle. Die sollte ungewöhnlich sein, den Zuschauer oder Leser packen! Also bitte keine sogenannten „Eisbrecherfragen“. Das ist kompletter Unsinn. Wenn ich nur zwanzig Minuten habe, dann wärme ich ein Gespräch doch nicht erst an!- Fallen Sie mit der Tür ins Haus! Die Leute zum Reden zu bringen, ist also an sich nicht schwierig.
Das Problem stellt sich eher umgekehrt: Wenn einer fünfmal so lange redet, wie man seine Antwort gerne hätte – wann und wie kann man ihn unterbrechen? - Die ersten Reaktionen auf meine Talkshowauftritte waren von der Art: „Sie wirken ein bisschen arrogant – können Sie daran etwas ändern?“ Nein, kann ich nicht. Das bin ich offenbar von Geburt an. Mit 18 Jahren hörte ich das zum ersten Mal, natürlich zu meinem Erstaunen! Später wurde das ein Markenzeichen von mir – viele Zuschauer der Sendung mochten das.

Tobias Lentzler: Gibt es in der deutschen Sprache Wörter, die Sie besonders gerne verwenden?

Wolf Schneider: Bitte – man habe keine Lieblingswörter; zumindest nicht, was die Häufigkeit der Benutzung angeht. Es gibt im Computer Programme, die überprüfen, wie häufig ein Wort verwendet wurde. Habe ich das Wort „Hasenherzigkeit“ einmal verwendet, dann ist es für den ganzen Text und einen längeren Zeitraum verbraucht. Dann muss es eben durch „Duckmäuserei“ oder ähnliches ersetzt werden.

Tobias Lentzler: Wie entsteht ein Text bei Ihnen?

Wolf Schneider: Zunächst einmal schreibe ich sehr schnell – wenn die Gedanken da sind, dann müssen sie auch schnell zu Papier gebracht werden. Dabei bin ich sehr ungeduldig. Ich kann immer noch stenografieren, und damit bin ich viel schneller als ein Computer. Danach aber bastle ich mich halb zu Tode! 
Dass etwas dasteht, ist noch lange kein Indiz dafür, dass es verwendbar wäre. Bevor ein Text meine Werkstatt verlässt, lese ich ihn mehrfach laut. Wir haben eine Lautsprache, daher schreiben wir eigentlich immer für die Ohren. Der fertige Artikel ist also ein Produkt aus schnellem Schreiben und unendlichem Basteln. Das muss man natürlich lernen. Mit 17 Jahren wollte ich schreiben wie Thomas Mann, nur viel besser. Auch bei meinen Schülern heute entdecke ich diese Tendenz.

Tobias Lentzler: Haben Sie in der nächsten Zeit noch weitere berufliche Ziele?

Wolf Schneider: Ich habe mit Rowohlt jetzt das nächste Buchprojekt beschlossen, doch es geht darin nicht um Sprache. Und ich gehe immer noch mit Begeisterung und Vehemenz in die Journalistenschulen.
Mein Ziel ist, dass den Schülern unvergessen bleibt, was sie bei mir gelernt haben. Sie zu ärgern ist dabei ein gutes Instrument. Mit großer Höflichkeit kann ich nicht die volle Effizienz erreichen. Das möchte ich gerne noch ein bisschen weitermachen. Die nächsten Seminare sind bereits gebucht.

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