22 April 2011

Das ganze Leben ist eine Bühne. - Ein Essay zum biografischen Theater.

 Dieser Essay wurde in leicht abgewandelter Form zuerst in der Theaterzeitung "SPOT" während der "theater macht schule"-Woche in Hamburg abgedruckt. Die hier vorliegende Version beleuchtet den Begriff des biografischen Theaters anlässlich des Themenschwerpunktes "Lebenslinien" bei tms.

Wie werden Szenen und Momente eines Lebens zu Theaterstoffen? Wie ästhetisiert, verklärt oder ernüchtert man Leiden, Lieben oder Lachen? - Unter anderem diese Fragen stellt sich das biografische Theater.
Das Wort „Szenen“ gibt uns schon einen Hinweis darauf, dass ein jedes Leben Episoden oder Phasen enthält, welche durchaus in das Medium des Theaters übertragen werden könnten. Ein Menschenleben ist reich an Momenten voll Tragik oder ihrem Gegenstück Komik.
Das Theater gliedert sich in Akte und Szenen - so auch das Leben. Vielleicht ist uns dies nicht bewusst, vielleicht merken wir es einfach nicht, doch im Nachhinein und mit zunehmender Geistesreife kann der Mensch Erlebtes durchaus in Phasen einteilen oder Szenen im Kopfe abspielen oder anhalten. Er kann sie streichen, schneiden, verbannen, vergessen, doch nie ganz vernichten - gelebtes Leben wird er nicht los.
Hier setzt das biografische Theater an. Es dokumentiert und interpretiert menschliches Handeln und Denken. Oftmals wird ein scheinbar ganzes Leben einer Person auf die Bühne gebracht, doch dieses orientiert sich lediglich an Eckpunkten einer bestimmten Vita. Denn niemals wird die Komplexität eines vollen menschlichen Lebens ganz erfasst werden können. Vielleicht sollte es das auch nicht, denn Leben ist immer noch ein Geheimnis. Ein Geheimnis, dass jeder Mensch für sich lüften darf, was einem jeden eigen ist - was für ein Privileg! Biografisches Theater erfordert Empathie und Aufmerksamkeit, ein genaues Studium der zu verkörpernden Vita sowie detailgenaue Anweisungen für jene Schauspieler, die das eigene Leben (neu) bespielen sollen.
„Das ganze Leben ist eine Bühne“, sagte schon William Shakespeare, der große englische Dramatiker des 16. Jahrhunderts - und er hatte recht. Die verschiedenartigen Richtungen und mannigfaltigen Strömungen des biografischen Theaters beweisen das einmal mehr.

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